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Einen Jux wollt er sich machen

Aus anerzogen historischem Bewusstsein hat Arthur Schnitzler verworfene Manuskripte nicht weggeworfen. So konnte die Novelle „Später Ruhm“ nun in Buchform auf uns kommen. Sie ist – bestenfalls – eine Petitesse, keinesfalls eine Sensation.

Wie sich die Zeiten ändern: Vor etwa 40 Jahren galt es, den Autor Arthur Schnitzler, der gerade seine Renaissance erlebte, auch im ganzen Reichtum seines nachgelassenen Werkes als wichtigen Repräsentanten der Jahrhundertwende um 1900 zu etablieren. Da war es angesichts der Fülle an Einfällen, Entwürfen, Projekten und fertigen, aber von Schnitzler beiseitegelegten novellistischen und dramatischen Studien leicht zu verschmerzen, eine längere, etwas dünne Erzählung in der betreffenden Nachlasskiste liegen zu lassen. Im Gegenteil, das konzise Material des Nachlassbandes der gesammelten Werke in sechs Bänden, „Entworfenes und Verworfenes“ (1977), wäre durch die Aufnahme einer überdurchschnittlich langen Erzählung verwässert worden. Es genügte, die erste Skizze mit dem Titel „Später Ruhm“ aufzunehmen, die im Kern alles enthält, was Schnitzler später detailliert ausführte.

Heute aber ist Schnitzler nicht nur einer, sondern der Repräsentant der Wiener Moderne, neben dem fast alle anderen seiner Dichterkollegen verblasst sind. Ein Klassiker, dessen frühes Werk endlich in mustergültigenkritischen Editionen herausgebracht wird. Da sollte tunlich auch der Nachlass möglichst erschöpfend beachtet werden. So ist es völlig in Ordnung, wenn eine längere Geschichte endlich publiziert wird, weil eben alles, was Schnitzler geschrieben hat, wert ist, dass man sich „sein unterwinde“. Wären nur die Begleitumstände nicht so fatal. Von einer „sensationellen Entdeckung“ ist die Rede, von einem „Meisterwerk“. Das ist alles zu vollmundig und nicht eben seriös.

Seit 1969 ist die Geschichte in den einschlägigen Nachlassverzeichnissen registriert. Von den Herausgebern aber wird geschummelt. Das beginnt beim Titel „Später Ruhm“, den Schnitzler zwar erwogen, aber für die fertige Erzählung nicht benutzt hat. Dass er dieser zunehmend kritisch gegenübergestanden ist, wird im Nachwort verschwiegen. Der Bericht über die Entstehung der Textgrundlage als posthume Abschrift und ihre weitere Behandlung ist missverständlich. Die „Entschlüsselung“ schließlich, die einzelne Figuren als Parodie existierender Personen festmachen will, verheddert sich.

Dass die Kollegen, denen Schnitzler die Erzählung über einen Kreis junger ehrgeiziger und arroganter Dichter vorlas, beifällig schmunzelten, lag nicht daran, dass sie sich wiedererkannten. Sie amüsierten sich darüber, dass Schnitzler sie komisch extrem „verfremdet“ hatte. Der dunkelhaarige, etwas versnobte Gymnasiast Hofmannsthal, der das große Wort führte, wird als schüchterner „Blondin“ ins Gegenteil verkehrt. Der Star Adele Sandrock wird zu einer wenig begabten Schauspielkokotte herunterkarikiert. Schnitzler selbst, der Älteste der Jungwiener, beschreibt sich süffisant ausgerechnet als „Christian, der sehr jung war“. Schnitzler reichte die Geschichte bei der „Zeit“ ein, einem in Gründung befindlichen Wiener Wochenblatt. Der Redakteur Hermann Bahr hatte ihn um einen Beitrag gebeten. Er lehnte sie als „dünne Geschichte von schwacher Handlung“ ab. Schnitzler stimmte letztlich der Kritik zu und legte das Typoskript zu den übrigen. Als Bahr auf einem Beitrag insistierte, gab er ihm „Die Frau des Weisen“ zum Abdruck, ein Meisterwerk. Warum aber hat Arthur Schnitzler „Die Geschichte von einem greisen Dichter“ geschrieben?

Kurz zuvor hatte er sein erstes abendfüllendes Schauspiel, „Das Märchen“, veröffentlicht. Auch hier wird eine Schar junger Dichter und Schauspieler karikiert. Das Stück wurde mit Adele Sandrock in der weiblichen Hauptrolle am Volkstheater uraufgeführt, ohne Erfolg. Das Publikum fühlte sich irritiert.Ein junger Mann kommt nicht darüber hinweg, dass seine Geliebte eine „Vergangenheit“ hat. Vor ihm hat sie schon mit einem anderen geschlafen, ist also nach damaliger Moral „eine Gefallene“. Der Merksatz des Stücks: „Was war, ist! – Das ist der tiefe Sinn des Geschehenen.“ Damit wird die Weltanschauung markiert, die bis in die 1890-Jahre vorherrschte: der Historismus.

Die Vergangenheit war eine allgegenwärtige Macht, mehr noch, sie beherrschte die Gegenwart. Die beherrschende Figur war der ältere Herr mit Bart in nicht der Mode unterworfenem dunklen Anzug. Respektsperson, Patriarch. Die männliche Jugend eiferte ihm nach, trug Bart, Zylinder, Gehstock. Was wertvoll war, musste alt sein oder Altes nachmachen. Es war die Zeit des Sammelns, der großen Museen. Plötzlich aber verdross die Abhängigkeit vom Altehrwürdigen eine in den 1860er- und 1870er-Jahren geborene Generation von Künstlern. Sie wollten jung sein dürfen, in der Gegenwart leben, sich nicht von Älteren bevormunden lassen. Was sie produzierte, war Jugendstil. Sie wollte „eigentlich leben“, nicht Gelebtes wiederholen müssen. „Auch das Grüßen in der früheren Form ist veraltet“, heißt es im „Märchen“, „es liegt nichts Individuelles drin!“

So einfach ging der Aufbruch ins Eigenwillige aber nicht. Schnitzlers jungen Mann im „Märchen“ holt die Vergangenheit ein; sie ist kein „Märchen“, sondern wird ihm zur bitteren Belastung. Hofmannsthal schreibt eine dramatische „Studie“, „Gestern“, mit dem gleichen Thema. Der Mann kann den Betrug seiner Geliebten einfach nicht vergessen. Das Gestern „ist, solang wir wissen, dass es war“. Diesen Stoff transponierte Schnitzler mit leichter, allzu leichter Hand auf das Gebiet der Literatur und schrieb die Satire auf den trügerischen „späten Ruhm“ eines alten Beamten, der in der Jugend auch einmal ein Autor war. Um den Historismus-Aspekt zu betonen, muss es „Die Geschichte von einem greisen Dichter“ heißen. Doch das ist kein griffiger Titel.

Der seit 40 Jahren verschollene Allerwelts-Gedichtband „Wanderungen“ des Eduard Saxberger wurde von einem jungen Dichterkreis entdeckt und – von den meisten ungelesen – zum Meisterwerk erklärt. Noch dazu, weil der Dichter noch lebte und endlich berühmt gemacht werden konnte, als „Greis“, der jung geblieben war. Weil eben alles, was einmal war, zwar „überwunden“ werden muss, aber nicht vergessen werden darf. Das Projekt geht schief. Der alte Mann kehrt aus seiner ans Licht gezerrten Vergangenheit zurück an seinen miefigen Stammtisch, heim in die Vergessenheit. Was war, kann das heißen, darf vergessen werden. Die Geschichte ist kein Schatzkästlein, sondern eine Mülltonne. Wichtig war für Schnitzler, sich das immer wieder klarzumachen.

Aus anerzogen historischem Bewusstsein hat er verworfene Manuskripte nicht weggeworfen. So konnte die Geschichte ans Licht kommen. Eine hübsche Petitesse. Keine Sensation. ■

Arthur Schnitzler

Später Ruhm

Novelle. Hrsg. von Wilhelm Hemecker und David Österle. 158S., geb., €18,40 (Zsolnay Verlag, Wien)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2014)