Pop made in Austria: „Eh alles nur Mist...“

Musik und Quote werden gerade heftig diskutiert. Einige sagen, Quote sei ein Zeichen von Schwäche. Tatsächlich ist die Quotenforderung nur Reaktion auf die seit Langem andauernde Misere. Diskriminierung findet längst statt.

Österreich hat 1918 das Meer verloren, und damit auch seine Größe.“ Anton Kuh beschrieb (wie später auch Erwin Ringel) treffend die von Kleingeist und Selbstmitleid bestimmte österreichische Seele. Ja, wir waren einmal jemand, eine kulturelle Hochburg. Dann haben alle auf uns dreingehaut – und nun hat das kleine Restösterreich in der Welt nichts mehr zu melden.

Der Stehsatz „Na, was kann das schon sein, wenn's von hier ist“ ist immanent. Leider auch bei Radiomachern und Musikjournalisten. Darum kann nicht sein, was nicht sein darf: dass in diesem Land auch Großes entstehen kann, etwa in der Popmusik. Weil sie sicher woanders gemacht wird, nur nicht hier. „Wir spielen Hits“ – und nicht selbst gestrickte Zweitware aus Österreich.

 

Überall mit Wasser gekocht

Dabei kochen alle mit demselben Wasser. Wir können das genauso! Stichwort Songcontest: Klar gewann die polarisierende Figur Conchita – der Song wurde aber von David Bronner, Sebastian Arman und Dorothee Badent in Wien produziert, wozu ich an dieser Stelle gern gratuliere. International beachtete Produktionen sind möglich– warum auch nicht? (Wie man hört, hieß es zunächst bei Ö3: „Diesen Song spielen wir sicher nicht!“ Das änderte sich aber natürlich sogleich nach dem Sieg.)

Mitte der 1990er hat der öffentlich-rechtliche Musiksender Ö3 Popmusik aus Österreich für tot erklärt. Um auf dem neuen freien Markt zu bestehen, wurde Ö3 zum stromlinienförmigen Formatradio umgebaut. Zur Umsetzung wandte man sich dafür an die Consultingfirma BCI in Nürnberg.

Seit 20 Jahren wird nunmehr von dort die Ausrichtung von Ö3 bestimmt: Das sogenannte Adult-Contemporary-Format (ein Wohlfühlformat, das nicht wehtun darf) wird laufend „auf den internationalen Musikmarkt abgestimmt“ und mittels „Hörerumfragen untermauert“. Wobei ich nicht weiß, wer diese macht, ob sie etwa in Deutschland oder doch in Österreich stattfinden.

Dass aber in Nürnberg unsere Musikszene kein Thema ist, ist klar. Doch solange Werbefirmen ihre Spots schalten und ihr Geld in die Kassen des Senders spülen, passt ja alles. Obwohl die Tantiemen für im Radio gespielte Titel großteils ins Ausland und somit weg von unserer Kreativszene fließen.

Interessierte mögen sich die Zahlen ansehen: Würde man das drastische Minus etwa auf Lohnverhandlungen mit Metaller- oder Lehrergewerkschaft umlegen, bliebe kein Stein mehr auf dem anderen und Österreich würde zum Streikland Nummer eins in Europa werden. Stattdessen liegt unser Land in Bezug auf den nationalen Musikanteil ständig auf dem letzten Platz Europas. Während bei Industrie und Agrarwirtschaft Stützungen und Schutzzölle ganz normal sind, ignoriert man, dass im „Musikland Österreich“ Künstler von ihrer Musik leben wollen.

Musikmarkt völlig am Boden

Eine Hebung des nationalen Musikanteils würde nichts kosten – keine staatliche Förderung wie in der Hochkultur – es brauchte nur Vertrauen in vorhandene Kreativität!

Falco, Ambros, Fendrich, Danzer – das vom Formatradio unterversorgte Publikum verbindet mit Austropop nur mehr Protagonisten einer früheren Epoche. Damals wurde aber über Radioeinsatz noch selbst entschieden, von mündigen, informierten Musikbegeisterten, die auch gegenüber heimischer Popmusik aufgeschlossen waren. Allen Kleingeistern, die selbstherrlich meinen, dass „es eh nur Mist gibt“, sei gesagt: Dies hängt sehr wohl auch mit dem jahrelang konsequent durchgezogenen Radioboykott zusammen!

Ö3 ist sicher nicht allein schuld. Doch angesichts der generellen Probleme des Musikbusiness muss es erlaubt sein, die Benachteiligung heimischer Produktionen aufzuzeigen: Unser Musikmarkt ist komplett am Boden, nur noch eine Fußnote im deutschen Raum. Sprachidentität gilt als Hindernis, darum ist jetzt Umdenken gefordert!

Der ORF hat zu Pop ja zwei völlig konträre Zugänge: Fernsehen auf der einen, Formatradio auf der anderen Seite. In den vergangenen Jahren gab es für junge Talente nur eine Möglichkeit, bekannt zu werden: Castingshows wie „Starmania“, „Helden von morgen“, „Die große Chance“. Ich war dabei und habe mitgeholfen, als Christina Stürmer, Conchita, Julian LePlay, Lukas Plöchl, Christine Hödl, Thomas David ihre Chance bekommen haben. Ja, hier bin ich durchaus stolz auf den ORF!

 

Keine normale Situation

Egal, was man von den Protagonisten hält oder nicht, weder Persönlichkeit noch Mut ist ihnen abzusprechen. Denn es ist keine normale Situation, dass sich angehende Künstler einem TV-Wettbewerb stellen müssen. Ego-Typen wie Falco wären nie in eine Castingshow gegangen, auch andere würden diesen Weg nicht a priori wählen. Aber: Nicht einmal die Castingsieger bekamen garantiertes Airplay! Die Fernsehabteilung nahm das verwundert und hilflos zur Kenntnis. Und das unter dem gleichen Dach, innerhalb derselben Firma: dem ORF.

Im Indie-Bereich sind wir durchaus eine wahrnehmbare Größe. Die nationalen FM4-Acts genießen im Ausland oft mehr Anerkennung als hierzulande. Bleiben sie aber in Österreich, müssen sie allesamt einem Brotberuf nachgehen, um überleben zu können. Der Markt ist zu klein. Wer weder dem einen noch dem anderen Sender entspricht, scheitert: Abgelehnt von FM4 („zu wenig alternativ“), abgelehnt von Ö3 („zu wenig Mainstream, nicht Ö3-kompatibel“).

 

Was sollen junge Talente tun?

Sogenannte Musikexperten verteilen da wie dort zynisch Schulnoten, finden etwas entweder „formattauglich“ oder „supercool“, haben Macht, Karrieren im Keim zu ersticken und sind auch noch stolz darauf. Öffentlich-rechtliche Musiksender sollten aber neutral und wertfrei über unsere Szene Bericht erstatten. Bei Nachrichten kann man sich auch nicht aussuchen, welche man bringt und welche nicht. Idealerweise sollten diese Schreibtischtäter froh sein, dass es in unserem Land Kreativität gibt.

Was sagt man jungen Talenten? Ich rate ihnen, ins Ausland zu gehen, um wenigstens halbwegs Respekt zu erfahren. Einer meiner Söhne studiert übrigens Musik in Boston. Und leider denke ich mir oft, dass es für ihn besser ist, nicht mehr zurückzukommen. Denn hier wird es für ihn schwer werden, beruflich Fuß zu fassen.

Es ist Zeit, die Dinge beim Namen zu nennen: Freiwillige Selbstverpflichtung funktioniert nicht. Nur gesetzliche Vorgaben können wirklich etwas ändern – im Übrigen auch bei den Privatradios, deren nationaler Musikanteil noch viel katastrophaler ist und jeder Beschreibung spottet.

PS: Eigentlich wollte ich einen sachlichen Beitrag verfassen, jetzt ist es doch wieder ein Wutbrief geworden. Aber je länger man schreibt, desto mehr kommt einem einfach die Galle hoch...

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Thomas Rabitsch
(*1956 in Wien) ist Musiker und Produzent. Er kommt aus der Underground-Szene und arbeitete viele Jahre mit Falco, Hansi Lang und weiteren namhaften Künstlern zusammen. Seit 2002 ist er im ORF/Fernsehen als Musikalischer Leiter bei allen TV-Shows wie „Starmania“, „Helden von morgen“, „Dancing Stars“ etc. tätig. Er kennt die heimische Musikszene als Insider seit Jahrzehnten. [ Privat]