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Abneigung gegen Neues

Ungewohnte Lebensmittel werden erst einmal abgelehnt: ein angeborener Reflex der Menschen – der sehr stabil ist.

„Was der Bauer nicht kennt, (fr)isst er nicht.“ Was der Volksmund so deftig ausdrückt, ist auch Wissenschaftlern bekannt. Nur benennen sie dieses Phänomen mit seriöser klingenden Worten: „Neophobie“ bzw. „Mere Exposure Effect“. Gemeint ist damit, dass Lebensmittel allein dadurch interessant werden, dass man sie regelmäßig angeboten bekommt. Die Neophobie ist angeboren. Bis zum Alter von zumindest zwei Jahren wollen Kleinkinder überhaupt nichts Anderes als sie gewohnt sind. Und auch später essen die meisten Menschen das Gewohnte am Liebsten.


Prägung schon im Mutterleib

Dieser Lernprozess beginnt übrigens schon im Mutterleib – das ungeborene Kind entwickelt schon ab der achten Woche die ersten Geschmacksknospen, ab der 20. Woche den Bulbus olfactorus („Riechkolben“) im Gehirn. Bewiesen wurde das in unzähligen Versuchen. Etwa in der berühmten Anis-Studie: Dabei wurden die ungeborenen Kinder mit Anis-Aroma konfrontiert. Schon unmittelbar nach der Geburt reagierten die Kinder dann auf Anis-Geruch positiv. Auch frühkindlich gibt es derart erlernte Prägungen: Frühe Konfrontation mit Kochsalz führt dazu, dass im späteren Leben mehr Salz konsumiert wird. Auch über die Muttermilch bekommen Säuglinge die Geschmäcker jener Lebensmittel mit, die die Mutter gern verzehrt. Wenig überraschend bringt das mit sich, dass die Lebensmittel-Präferenzen von Kindern und Müttern ähnlich sind.

Gäbe es allerdings nur die Abneigung gegenüber Neuem, dann würden wir ständig das Gleiche essen – was offensichtlich nicht der Fall ist. Es gibt also auch Gegenspieler. Etwa die „sensorisch spezifische Sättigung“. Damit wird das Phänomen beschrieben, dass unmittelbar nach dem Genuss der Lieblingsspeise dieser Geschmack abgelehnt wird. Dazu kommt noch eine Neugier auf Neues – benannt als „Neophilie“. Der ewige Streit ums Essen zwischen Kindern und Eltern beruht zum Teil darauf, dass die „sensorische Sättigung“ bei Kindern erst wesentlich später eintritt als bei Erwachsenen – und die Mütter ihren Kindern folglich zu früh etwas Neues anbieten wollen. ku

Literaturtipps: Eva Derndorfer: Warum wir essen, was wir essen (Krenn-Verlag); Alexandra W. Logue: Die Psychologie des Essens und Trinkens (Spektrum Akademischer Verlag)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2008)