Schnellauswahl

17.000.000 Tote später war alles anders

1914/2014 - ERSTER WELTKRIEG: AUSSTELLUNG ´LAND IM KRIEG -ZWISCHEN SCH�TZENGRABEN UND HEIMATFRONT. 1914 - 1918´ IM LANDESMUSEUM BURGENLAND
1914/2014 - ERSTER WELTKRIEG: AUSSTELLUNG ´LAND IM KRIEG -ZWISCHEN SCH�TZENGRABEN UND HEIMATFRONT. 1914 - 1918´ IM LANDESMUSEUM BURGENLAND(c) APA/JOHANN MILKOVITS, HORNSTEIN (JOHANN MILKOVITS, HORNSTEIN)
  • Drucken
  • Kommentieren

Kriege als „Naturnotwendigkeit“, als „politisches Bedürfnis“, als idealer Ausweg, um dem Alltag zu entfliehen. Europa am Beginn des 20. Jahrhunderts: von der Idee einer Erlösung durch den Krieg.

Es ist unendlich viel über Kriegsgründe und direkte wie indirekte Ursachen des Ersten Weltkriegs geschrieben und geredet worden, die den – und da stockt man schon – Ausbruch, Beginn, die Entfesselung des Kriegs nach sich gezogen haben. Was war es denn? Ältere konservative, revisionistische, postrevisionistische Schulen machten sich den Rang streitig. Jede hatte ihre Argumente parat. Es ließen sich Interessengegensätze, Wünsche, nationalistische Denkweisen und revanchistische Ansätze feststellen. Für das, was 1914 passierte, sollte man aber wohl zunächst einen Blick auf die Landkarten werfen.

Das 20. Jahrhundert fing so an, wie das 19. geendet hatte. Allerdings schien zunächst alles noch ungemein weit weg zu sein: Bis 1902 tobte in Afrika der Burenkrieg. Großbritannien und Frankreich schlitterten ebenfalls in Afrika in den sogenannten Faschodakonflikt, der sie 1904 an den Rand eines Kriegs brachte. Russland und Japan führten 1904 und 1905 Krieg in der Mandschurei. Die deutsch-britische Rivalität um den Flottenaufbau verursachte schwere Spannungen. Doch irgendwie schien das alles noch beherrschbar. Kriege gingen mit Friedensschlüssen zu Ende – oder aber im Fall Frankreichs und Großbritanniens 1904 sogar mit dem Abschluss eines Bündnisses, der „Entente cordiale“. 1907 hätte man vielleicht meinen können, das große Atemholen sei angesagt, als es zur Zweiten Haager Friedenskonferenz kam. Doch letztlich diente sie nur der Festschreibung von Regeln für den Krieg.

Und dann, 1908, machte sich vollends bemerkbar, dass sich die großen Kolonialmächte, aber auch Russland wieder Europa zugewandt hatten, Russland sein altes Ziel, die Meerengen, anpeilte und von Österreich-Ungarn Unterstützung, zumindest aber freundliches Wegschauen zugesichert bekam. Österreich-Ungarn seinerseits konnte mit Russland die Annexion des bis dahin nur okkupierten Bosnien und der Herzegowina vereinbaren. Damit kam es auch zu einer Verlagerung der Spannungszentren, und plötzlich spielten zwei Staaten eine zunehmend wichtige Rolle in dem Kräfteparallelogramm, die bis dahin recht unauffällig geblieben waren, die Habsburgermonarchie und Serbien. Letzteres machte schon Anfang 1909 deutlich, dass es sich als südslawisches Piemont sah, und steuerte einen expansiven Kurs, der 1912 zum Ersten und im darauffolgenden Jahr zu einem weiteren Balkankrieg führte. Es waren blutige, hasserfüllte Kriege mit genozidähnlichen Erscheinungen in den albanisch besiedelten Räumen des Westbalkans. Österreich-Ungarn begann eine Teilmobilmachung, um dem Gemetzel ein Ende zu bereiten, und in London trat schließlich eine Konferenz zusammen, die mit einiger Mühe Serbien zum Abzug aus dem neu geschaffenen Albanien zwang. Doch es war keine Frage: Europa war am Rande eines noch größeren Kriegs gestanden.

Aber wer dachte schon an Serbien oder auch an Österreich-Ungarn, wenn es um Prophezeiungen über den nächsten Krieg ging? Weder das Habsburgerreich noch das Königreich der Karadjordjevič schienen in die Grundmuster vom nächsten großen Krieg zu passen. An sie hatten wohl auch die beiden bedeutendsten Autoren nicht gedacht, die sich mit dem Krieg der Zukunft auseinandersetzten, der Russe Ivan I. Bloch und der Brite Normann Angell. Vor allem Bloch meinte, voraussagen zu können, dass ein großer Krieg den Ruin der Volkswirtschaften aller Kriegführenden nach sich ziehen würde. Das wurde als nationalökonomische Überzeichnung gesehen. Da ging es doch um ganz anderes, und nicht einmal das, was man die große Politik der europäischen Kabinette nannte.

Welcher modern denkende Mensch wollte sich denn schon mit der materialistischen Durchdringung aller Lebensbereiche abfinden? Man las Josef Schumpeter, der die rein triebhafte Neigung zum Krieg und zu Eroberungen betonte. Da gab es Sympathisanten eines Paul de Lagarde mit seiner Ausgrenzung innerer Feinde, die er vorrangig in Juden und Liberalen zu erkennen meinte. Von da war es nur ein kleiner Schritt zum Heroismus der Tat, der sich gegen die liberale Hoffnung auf dauernden Frieden wandte.

Vor allem aber fand die sozialdarwinistische Literatur ihre Leser. Friedrich von Hellwald etwa, der Kriege als „Naturnotwendigkeiten“ zeichnete. Bei den Militärs inner- und außerhalb Österreichs war wohl das Buch „Die Staatswehr“ des 1904 verstorbenen Feldmarschallleutnants und Soziologen Gustav Ratzenhofer eine Art Brevier. Seine Aussagen über den Daseinskampf oder auch die Formulierungen in „Wesen und Zweck der Politik“, die „reale Kraft“ sei die „Kriegsmacht“, oder „Kriege, welche ein politisches Bedürfnis sind, gehören zur Entwicklung eines Staates“, entsprachen durchaus einem Vulgärdarwinismus. Sozialdarwinisten und Bellizisten vom Zuschnitt eines Herbert Spencer fanden ihren Niederschlag in Schriften und Denkweisen, die von Julius Tandler bis Franz Conrad von Hötzendorf reichten. Sozialdarwinisten konnten sich nur den Krieg als Lösung vorstellen, und sie brandmarkten ein ums andere Mal die Unentschlossenheit der Regierenden, allen voran die des Kaisers. „Die Kaiser haben nicht einmal mehr den Mut, andere für sich sterben zu lassen“, schrieb aber auch der Staatsrechtler und Reichstagsabgeordnete Josef Redlich in sein Tagebuch, der sicherlich kein Präventivkrieger war.

Während freilich 1912 in Deutschland Friedrich von Bernhardis Buch „Deutschland und der nächste Krieg“ bejubelt wurde, mit der zentralen Aussage, der Krieg sei eine biologische Notwendigkeit, ein Regulator im Leben der Menschheit (eine Formulierung, die Sigmund Freud in seinem berühmten Briefwechsel mit Albert Einstein 1931 sehr ähnlich gebrauchte), erschien in Wien anonym Hugo Kerchnawes Buch „Unser letzter Kampf. Das Vermächtnis eines alten kaiserlichen Soldaten“, das mit dem Zerfall Österreich-Ungarns im Krieg endete. Doch weder der im Februar 1912 verstorbene Minister des Äußern Aloys Lexa von Aehrenthal noch sein Nachfolger Leopold Graf Berchtold wollte auf Krieg setzen. Vor allem Letzterer sah auch noch angesichts des Ersten Balkankriegs 1912 Chancen, eines der wichtigsten Instrumente zur Konfliktbeilegung, das vom Wiener Kongress herrührende Europäische Konzert, einzuschalten und die Großmächte zu einvernehmlichem Handeln zu bekommen. Ein Hauch von Metternich hing wohl noch im Palais Kaunitz auf dem Ballhausplatz. Berchtold fand damit aber nur wenig Zustimmung. Der deutsche Staatssekretär für Auswärtiges, Kiderlen-Wächter, bezeichnete die Initiative seines Wiener Amtskollegen zur Einberufung einer Konferenz als Reaktion auf den serbisch-montenegrinischen Vorstoß Richtung Adria schlicht als „Wichtigtuerei“. Es war denn auch das letzte Mal, dass das Europäische Konzert funktionierte. Serbien aber reagierte mit Hassausbrüchen und „Todfeindschaft“.

Die Frage, ob Serbien an der Adria Fuß fassen könnte, ließ freilich auch einen so relativ konsequenten Gegner einer militärischen Einmischung der Habsburgermonarchie in die Balkankriege wie Erzherzog Franz Ferdinand kurze Zeit schwankend werden. Zunächst schrieb der Thronfolger am 1. Oktober 1912 noch an Minister Berchtold: „Es schaut gar nichts dabei heraus und kostet nur eine Unsumme Geld . . . Sollen sich diese Kerle doch gegenseitig die Schädel einhauen; wir schauen in der Loge zu.“

Die österreichische Friedensbewegung, die gerade während des Balkankriegs zu nennenswerter, wenngleich nicht einflussreicher Größe gelangt war, jubelte. Die Habsburgermonarchie sei nicht dem Ruf „Los von Europa“ gefolgt und habe sich mit den kulturell zurückgebliebenen Mächten im Osten und Süden auf ein Niveau begeben. Die „Kulturkräfte“ hätten gesiegt. Damit sei ein „Rückfall in das Asiatentum“ vermieden worden. Und der Herausgeber der „Friedens-Warte“, Alfred Hermann Fried, im Übrigen der zweite österreichische Nobelpreisträger, bedankte sich ausdrücklich bei Kaiser Franz Joseph, der der „Perfidie“ der „Blutgierigen“ nicht nachgegeben habe. Er irrte sich im Adressaten – Franz Joseph war schon kriegsbereit gewesen.

Dem Ersten folgte der Zweite Balkankrieg. Und am 28. Juni 1914 wurde der namhafteste Gegner eines österreichisch-ungarischen–serbischen Kriegs in Sarajevo ermordet. Der Tod des Thronfolgers hatte abseits des Schocks unmittelbare Auswirkungen auf die Gefühlslage der Verantwortlichen Österreichs. Schlagartig war die Hoffnung dahin, dass sich etwas an den mitunter chaotischen innenpolitischen Zuständen ändern würde und dass es zu einer durchgängigen Reichsreform kommen könnte. Der Ruf nach Härte war unüberhörbar. Und praktisch vom ersten Tag an wurde mit Vorbedacht gehandelt und nicht in wilder Wut. Der Kaiser kam am 29.Juni von Bad Ischl nach Wien zurück, ließ sich berichten und entschied sich für den Krieg. Serbien muss „als politischer Machtfaktor auf dem Balkan“ ausgeschaltet werden, schrieb er an Kaiser Wilhelm. Kein Wort mehr von einer Befassung des Europäischen Konzerts. Damit zerstörte genau jenes Österreich, in dem das „Konzert“ und die Konferenzdiplomatie erfunden worden waren, jenes mit dem Wiener Kongress geschaffene Instrument der kriegsfreien Konfliktbeilegung, das 100 Jahre funktioniert hatte. Stattdessen begann noch vor dem Begräbnis des Thronfolgerpaars ein Akt der Emotionalisierung, bei dem Trauer keine Rolle spielte. Rache sehr wohl. Und jetzt floss alles, was sich angesammelt hatte, in die sogenannte Julikrise ein.

Die Zeitungen bemerkten in ihren Nachrufen, dass Serbien nicht ungestraft davonkommen solle. Die Diplomaten gossen auch immer wieder Öl ins Feuer. Der Gesandte in Belgrad, Wladimir Giesl, depeschierte an Berchtold, in den serbischen Zeitungen werde von Ohnmacht und Zerfall Österreich-Ungarns geschrieben. Bezeichnungen wie „Mörder“, „Lump“, „infamer Österreicher“ verwende man als „schmückende Beiwörter“, die Vertreter der Habsburgermonarchie fühlten sich „vogelfrei“. „Halbe Mittel, ein Stellen von Forderungen, langes Parlamentieren und schließlich ein fauler Kompromiss wären der härteste Schlag, der Österreich-Ungarns Ansehen in Serbien und seine Machtstellung in Europa treffen könnte.“

Ähnlich wie in Österreich-Ungarn brodelte es auch in Serbien. Russland griff das Thema Krieg auf und nützte die Gelegenheit eines französischen Staatsbesuchs in St. Petersburg, um sich nochmals der Festigkeit des Bündnisses mit Frankreich und Großbritannien, dem Russland 1907 beigetreten war, zu versichern. Die Staatsmänner Österreich-Ungarns hielten sich in der Julikrise aber verbal zurück. Umso mehr wurde in Zeitungen geschrieben, in Vorträgen diskutiert und auf den Straßen besprochen. Jetzt ging es nur mehr darum, eine einheitliche und klare Haltung an den Tag zu legen. Und wer immer Sorge gehabt haben mochte, dass Kaiser und Regierung nachgeben würden, sah sich spätestens am 23. Juli dieser Sorge ledig. Der österreichische Gesandte in Belgrad erhielt eine Depesche mit der Weisung: „Euer Hochwohlgeboren wollen die nachfolgende Note am Donnerstag, den 23. Juli nachmittags, der königlichen Regierung überreichen.“ Giesl hatte ein Ultimatum, die „befristete Demarche“, in Händen. In den europäischen Hauptstädten wurde Entsetzen demonstriert.

Die Absicht Österreich-Ungarns, Serbien ultimativ harte Forderungen zu stellen, war in Wien durchaus bekannt gewesen. In der „Kriegsfabrik“ des Ministeriums des Äußern war seit dem 4. Juli an der Demarche gearbeitet worden. Die Formulierungen waren immer ausgefeilter und schärfer geworden. Ausländische Gesandte, so der britische Botschafter, waren über die Entstehung des Dokuments von willigen (vielleicht nicht ganz billigen) Zuträgern bestens informiert worden und hatten dieses Wissen sicherlich weitergegeben. Und im Übrigen musste man ja nur Zeitung lesen. Am 17. Juli berichtete das „Interessante Blatt“ in Wien, dass der für das höchste Kommando vorgesehene Erzherzog Friedrich „zur allerhöchsten Disposition“ gestellt worden sei. Dann geschah wieder Tage nichts. Bis die Nachricht von der Überreichung der Demarche schlagartig eine enorme Erregung nach sich zog.

Das Informationsbedürfnis trieb die Menschen auf die Straße. Sie versammelten sich vor den Pressebüros und Zeitungsredaktionen, um die neusten Nachrichten zu bekommen. Das „Interessante Blatt“ stellte am Tag der Überreichung der Demarche auf Seite eins ganzseitig „Die Heerführer Österreich-Ungarns im Kriegsfall“ vor. Prognosen wurden gestellt, letzte Warnungen ausgesprochen. „Gott gebe nur, dass wir standhaft bleiben und dass heute 6h Abend in Belgrad die Würfel zu unseren Gunsten fielen“, schrieb der Kommandant des 15. Korps in Sarajevo nach Wien. Und von den politisch Verantwortlichen wünschte er sich: „Nur loslassen – das andere besorgen wir.“

Dann folgte der Abbruch der diplomatischen Beziehungen, und schließlich unterschrieb Kaiser Franz Joseph am 26. Juli die Kriegserklärung. Zwei Tage später konnte man in elf Sprachen der Monarchie den Aufruf „An Meine Völker“ lesen. Jetzt schien alles außer Rand und Band zu sein. Die Zeitungen überschlugen sich mit Meldungen, welche Zeichen der Kriegsbegeisterung quer durch die Monarchie gesetzt wurden. Als Franz Joseph am 30. nach Wien zurückkehrte, erreicht der Jubel seinen Höhepunkt. Vom Penzinger Bahnhof bis Schönbrunn erwartete den Monarchen eine kompakte, jubelnde Menschenmasse. Die Kaiserhymne, den Radetzky- und vor allem den Prinz-Eugen-Marsch mochte man kaum mehr hören. Hass wurde als patriotische Tugend gesehen. Für die Menschen war es zwar nicht selbstverständlich, dass es Krieg gab, aber es schien ihnen auch nichts besonders Erschreckendes zu sein; Krieg gehörte zur menschlichen Existenz und war etwas ungemein Aufregendes. Der Krieg schien der ideale Ausweg zu sein, um dem Alltag zu entfliehen. Der Sieg wurde eine beschworene Pflicht.

Alles Mögliche floss da ein: Gegensätzliches wie Müdigkeit an der Moderne und Sehnsucht nach etwas Neuem, irrationale Heilserwartung, Lösung der verschiedensten Dilemmata, Überwindung einer Stagnation, außenpolitischer Befreiungsschlag, Verwirklichung nationalistischer, Festigung staatlicher Struktur, Zentralismus und Föderalismus. Eine der dominierenden Stimmungslagen waren Ungeduld und Unzufriedenheit. Unvermeidbarkeit, Verteidigungskrieg, Einigkeit und Gott waren die Schlagworte. In Berlin und St. Petersburg, in Paris und London konnte man ähnlich wie in Wien das Gefühl haben, der Krieg würde als Erlösung gesehen. Und der intellektuelle Anstoß, der quer durch Europa zu beobachten war, ließ jene ungeheure Kriegsbegeisterung hochkommen, die ein Phänomen dieses Jahrhunderts werden sollte. Die Zerstörbarkeit aller Ordnung wurde als Möglichkeit gesehen und der Krieg als Experiment. Im Zeitalter der Beschleunigung wurde auch Krieg als etwas verstanden, das beschleunigte.

Bei den Einzelbeispielen für die Kriegsbegeisterung könnte man freilich misstrauisch werden, wären da nicht so unendlich viele Namen zu benennen. Sicherlich hielt dieser Sturm auf das menschliche Bewusstsein nicht an, aber während der ersten Woche wurden auch jene mitgerissen, die zunächst noch gezögert hatten. Oder sie wurden umgebracht, wie in Paris Jean Jaurès. In Wien schrieb die „Arbeiter-Zeitung“ vom Weltkrieg des Zaren und von der „heiligen Sache des deutschen Volkes“. Dichter, Philosophen und Intellektuelle formulierten oft als Erste zentrale Aussagen über den Sinn dieses Kriegs und seine Ziele.

Studenten, Professoren, Schriftsteller, Künstler, Priester, Atheisten, Anarchisten, politische Aktivisten, Radikale: Alle wollten dabei sein, wenn die Pax Europaea zu Ende ging. Man kann sie eigentlich unterschiedslos aufzählen: Romain Rolland, Henri Bergson, Max Scheler, Ernst Haeckel, Frederic Harrison, Sigmund Freud, Georgi Plechanov . . . sie alle sahen im Krieg nicht das Entsetzliche, sondern die Veränderung, und nur ganz wenige konnten sich der Suggestion entziehen und anderes als den Aufbruch, nämlich auch das Ende eines europäischen Jahrhunderts, sehen.

Eine Mischung aus „Beklommenheit, Befürchtungen, Neugier, patriotischer Begeisterung und natürlicher Unwissenheit“ machte sich breit. Das „Deutsche Manifest“ wurde unter anderem von dem in Baden bei Wien geborenen Schauspieler und Regisseur Max Reinhardt unterzeichnet. Einem österreichischen Komitee zur Befreiung der russischen Juden gehörte der junge Wiener Religionsphilosoph Martin Buber an.

Der in Russland geborene und in England lebende Chaim Weizmann, später israelischer Staatspräsident, unterstützte fanatisch die Ententemächte. Es war offenbar eine evidente Unmöglichkeit, sich der suggestiven Macht des Geschehens, dem kollektiven Bemühen zur Überhöhung der eigenen Standpunkte zu widersetzen. Jedes Argument war recht, um die Kriegführung des eigenen Staats und Volks zu rechtfertigen. Appelle zur Mäßigung blieben bestenfalls halbherzig.

Egon Schiele, Gustav Klimt und Josef Engelhart wollten den Krieg künstlerisch begleiten. Robert Musil und auch Rainer Maria Rilke rückten mehr oder weniger frohgemut ein. Joseph Roth war vom Krieg begeistert. Ludwig Wittgenstein eilte von England nach Wien, um dabei zu sein.

Stefan Zweig schrieb an das „Hochlöbliche Ministerium des Inneren“, um sich über die Kriegsproklamation „An Meine Völker“ zu mokieren. Sie sei in einem Stil abgefasst, der beispielsweise schon in Wien-Floridsdorf nicht mehr verstanden würde. Um zu verhindern, dass kriegswichtige Proklamationen sprachlich unzulänglich abgefasst wären, bot Zweig seine Dienste auf Kriegsdauer unentgeltlich an.

Seine Hilfe wurde zweimal ohne Angabe von Gründen zurückgewiesen. Das trug zu seiner Ernüchterung bei, und was Zweig eine „neue Morgenröte“ geschienen hatte, verwandelte sich in den „Feuerschein des nahen Weltbrands“. Auch Sigmund Freuds Optimismus hielt nicht lange an. Doch anfänglich notierte er: „Ich fühle mich vielleicht zum ersten Mal seit 30 Jahren als Österreicher und möchte es noch einmal mit diesem wenig hoffnungsvollen Reich versuchen.“

Hermann Bahr beschwor die Wiedergeburt des deutschen Wesens: „Wo war es so lange geblieben? Über Nacht stand es auf.“ Die „Arbeiter-Zeitung“ erwähnte mit keinem Wort die Antikriegsresolution der deutschen Sozialdemokraten. Vielmehr schrieb der Chefredakteur Friedrich Austerlitz in der Ausgabe vom 5. August, dass es um die Bewahrung des „staatlichen und nationalen Daseins“ des deutschen Volkes gehe. Otto Bauer eilte zu den Fahnen, und Karl Renner wies zwingend nach, dass ein Sieg der Ententemächte ein Sieg für den Monopolkapitalismus und Imperialismus wäre, während ein Sieg der Mittelmächte einen solchen des Sozialismus bringen müsste.

Es sollte wohl auch ein gerechter, heiliger Krieg sein. Dementsprechend gab es für den Linzer Bischof Rudolf Hittmaier am 29. Juli nichts als überschäumende Kriegsbegeisterung. Der große Historiograf der Päpste, Ludwig Freiherr von Pastor, sah in Innsbruck nur Jubel. Und der Wiener Erzbischof Friedrich Gustav Kardinal Piffl ließ am 28.Juli 1914 in den Kirchen seiner Erzdiözese einen Hirtenbrief verlesen, in dem es hieß: „Vielgeliebte Diözesanen! Tage schwerer Prüfung sind über unser Vaterland hereingebrochen. Unserem vielgeliebten Kaiser, der von ganz Europa als Säule des Weltfriedens verehrt wird, ist das Kriegsschwert in die Hand gedrückt worden. Mit vollem Vertrauen auf die gerechte Sache unseres Vaterlandes ziehen unsere Söhne und Brüder in den Kampf.“ Und wenn man auf die Straßen Wiens sah, dann war dieses Gefühl des gerechten Kriegs, der von Österreich-Ungarn entfesselt wurde, mit Händen zu greifen.

Die Friedensbewegung wurde von der Julistimmung fast hinweggefegt. Bertha von Suttner war am 21. Juni gestorben und ihre Asche mittlerweile in Gotha unter Klängen aus Wagners „Walküre“ beigesetzt worden. Ihr Adlatus, Alfred Hermann Fried, versuchte noch, gegen die Kriegseuphorie anzukämpfen, gleichzeitig aber Formulierungen zu finden, die verhindern sollten, dass die Augustnummer der Suttner-Zeitschrift „Friedens-Warte“ beschlagnahmt würde. Also schrieb er: „Der Krieg ist die Fortsetzung der Friedensarbeit mit anderen Mitteln“ – eine gewagte Formulierung. Bald darauf emigrierte Fried in die Schweiz

Wer nicht jubelte oder Begeisterung verspürte, machte Notwendigkeit und Unausweichlichkeit geltend. Die ältere Generation sah sich bei Anzeichen von Skepsis und Sorge von den Jüngeren infrage gestellt. Die Jungen drängten in die Kasernen und wollten, sofern sie nicht ohnedies einberufen wurden, als Kriegsfreiwillige genommen werden, ausbrechen und das im Krieg erreichen, was ihnen im Frieden unerreichbar schien. Und sie wollten es den „Alten“ zeigen und dabei sein.

Ein so nie dagewesenes Gemeinschaftsgefühl ließ die Menschen zusammenwachsen. Gesellschaftliche Zwänge taten ein Übriges, zum Beispiel bei Vereinen oder Studentenverbindungen. Der Aufbruch in eine neue Zeit galt freilich auch für soziale Schichten, die sich von ihrer Bereitschaft zum Krieg aus ganz anderen Gründen etwas erwarteten, die Arbeiterschaft beispielsweise. Das allgemeine Wahlrecht war ja nicht zuletzt eine Tochter der allgemeinen Wehrpflicht gewesen. Und von den Forderungen der Arbeiterschaft war erst ein kleiner Teil umgesetzt worden. Es sollte weitergehen, und fast schlagartig war die jahre- und jahrzehntelange Kritik am Militarismus vergessen.

Die hohen Militärs konnten allenthalben zufrieden sein, und ihre Sorge, es könnte bei einem Kriegsbeginn zu massenhaften Verweigerungen und Ausschreitungen kommen, erwiesen sich als völlig unbegründet. „Als der Krieg ausbrach, hat er uns innerlich längst marschbereit gefunden“, meinte ein Wiener Arzt Ende Juli 1914. Und das galt wohl nicht nur für Österreich-Ungarn, sondern für alle, die in den Krieg zogen. 17 Millionen Tote später sah man das anders – sofern man noch sehend war. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2014)