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Terror: Die Farce von Wien

Vor 30 Jahren: Schwerbewaffnete wollen im Nobelhotel Imperial Geiseln nehmen – können diese aber schlicht nicht finden. Wenige Tage später werden die neun Männer durch Zufall verhaftet. Über die Hintergründe geben nun erstmals Zeugen Auskunft.

Sonntag, 1. Juli 1984: Es hätte genauso gut ein blutiger, schwarzer Tag sein können – vergleichbar mit Ereignissen wie der OPEC-Geiselnahme 1975 oder dem Anschlag auf den Flughafen Schwechat 1985. Nur durch Zufall passierte nichts dergleichen – stattdessen wurde ein geplanter Terroranschlag zur Farce, die rasch in Vergessenheit geriet. Zu Unrecht: Denn was sich vor 30 Jahren zutrug, hat viel vom heutigen internationalen Terrorismus vorweggenommen.

An jenem Sonntag wollten neun pakistanische Terroristen im Wiener Hotel Imperial zuschlagen und Geiseln nehmen: bei einem Empfang der kanadischen Botschaft für verdiente Händler des Automobilkonzerns Ford, insgesamt 58 Personen. Bevor die Aktion startete, hatten sie sich nacheinander im Zimmer 218 des Hotels versammelt – wo seit zwei Tagen der Anführer des Kommandos logierte. Dort bewaffneten sie sich und legten rote Stirnbänder an – um sich im zu erwartenden Chaos nicht gegenseitig zu erschießen. Dann stieg der Trupp die Treppen hinunter. Doch schon ab diesem Zeitpunkt verlief das Unternehmen nicht mehr plangemäß: Die Terroristen stießen auf einen Wegweiser mit der Aufschrift „Reception“ und lasen diesen falsch. Anstatt im Parterre geradeaus weiterzugehen, ging die Gruppe nach oben in den ersten Stock. Als sie dort nur verschlossene Empfangsräume vorfanden, brachte sie das so aus der Fassung, dass ihr Vorhaben abbrach. All das spielte sich unbemerkt vom Hotelpersonal ab.

Das Zimmer im Imperial wurde quittiert, und die Pakistanis teilten sich wieder auf ihre Unterkünfte – drei kleine Hotels im sechsten, siebten und 15. Bezirk – auf. Hier wollten sie weitere Instruktionen abwarten. Aber dazu kam es nicht mehr. Am 6. Juli 1984 war einer der führenden Terrorismusermittler der Abteilung I (Staatspolizei) gerade in Oberösterreich unterwegs, als er zu Mittag einen Anruf erhielt:„,In der Nähe des Westbahnhofs sind drei, vier so schwarze Wuzln abgestiegen. Und einer kommt täglich, bezahlt und geht wieder. Die anderen blieben im Zimmer.‘ Das ist natürlich auffällig gewesen, woraufhin ich die Anweisung gegeben habe,fünf Mann hinzuschicken und nachzusehen. Es hat nicht lange gedauert, und man hat mich verständigt: ,Es ist besser, du kommst nach Wien . . .‘“

Was war geschehen? In der besagten Unterkunft hatte man endgültig Verdacht geschöpft, als eine kleine Zeitungsmitteilung besagte, Terroristen seien in Österreich eingereist. Einmal wurden in Abwesenheit der seltsamen Gäste die sonst immer verschlossenen Kastentüren geöffnet und Waffen gefunden. Davon verständigte Staatspolizisten führten anschließend einen überfallsartigen Zugriff durch, wie sich der ehemalige Terrorfahnder erinnert: „Meine Leute sind dort reingegangen, die wollten noch aufspringen, hatten aber keine Chance mehr zu entkommen. In einem der Kästen waren zwei Reisetaschen, die waren so schwer, dass man sie mit einer Hand nicht aufheben konnte. Da waren die Waffen drin.“ Das Arsenal bestand aus drei Beretta-Maschinenpistolen, sieben belgischen FN-Pistolen, fünf Handgranaten, mehreren Hundert Schuss Munition sowie zwei Päckchen mit jeweils einem halben Kilogramm Nitropenta-Sprengstoff. Ebenfalls wurden gefunden: Schuhpaste zum Schwärzen der Gesichter und Stricke in verschiedener Länge – zum Fesseln der Geiseln.

Über ihre Komplizen schwiegen sich die vier an Ort und Stelle festgenommenen Männer aus. Aber die Staatspolizisten hatten einen Trumpf in der Hand: Ein Fotoapparat war sichergestellt worden, die Bilder wurden umgehend entwickelt – zu sehen bekamen die Ermittler Schnappschüsse wie von einer Urlaubsreise: „Die haben sich zusammen in Rom fotografiert, in Mailand, so glaube ich, und in Wien. Auf den Fotos waren jedenfalls neun Personen zu sehen, und wir haben zum Suchen angefangen.“ Einen weiteren Hinweis lieferte ein Zettel mit zwei Telefonnummern von benachbarten Pensionen: „Dort sind wir hin und haben weitere Mitglieder des Kommandos festgenommen. Um Mitternacht habe ich dann dem letzten in einer Stehbar in der Mariahilfer Straße die Waffe angesetzt: Dem ist das Glas aus der Hand und auf die Theke gefallen, als ich gesagt habe: ,Polizei.‘ Die Kellnerin hat sich geärgert: ,He, was macht ihr da für eine Sauerei?‘ Da habe ich geantwortet: ,Dirndl, wir haben nicht so viel Zeit‘ und mich zu erkennen gegeben. ,Uuhh‘, war ihr einziger Kommentar.“In dieser an haarsträubenden Zufällen nicht gerade armen Geschichte gab es noch ein weiteres Highlight: Dem Ehemann der Besitzerin eben jenes Hotels, wo man die ersten Pakistanis verhaftet hatte, war elf Jahre zuvor Ähnliches passiert: 1973, als Portier im Hotel Westbahn, waren ihm die israelischen Reisepässe von drei Arabern verdächtig vorgekommen. Darüber informierte Staatspolizisten legten sich auf die Lauer: „Die waren undercover, so richtig ,wilde Hunde‘, wie das damals in den 1970ern gewesen ist.“ Sie nahmen die Männer fest, als diese vom Zimmer herunterkamen. Und tatsächlich: Es handelte sich um Mitglieder der berüchtigten Terrororganisation „Schwarzer September“, die einen Überfall auf jüdische Emigranten verüben wollten. Weil es Verständigungsschwierigkeiten gab, wurde der Portier kurzfristig als Dolmetsch beigezogen: „Es hat geheißen: ,Kommen Sie, wir können kein Englisch‘, und ich musste den Arabern dann erklären, dass sie verhaftet sind, wegen der falschen Reisedokumente usw.“ So richtig absurd sei jedoch, „dass das in unserer Familie zweimal passiert ist“.

Die Verhöre gestalteten sich auch im Falle der Pakistanis langwierig und zäh; aber nach und nach konnte die Staatspolizei den Fall aufklären. Die neun Männer, 22 bis 38 Jahre alt, waren ein bunt zusammengewürfelter Haufen: Bauern, Handwerker und Studenten. Wirkliche Erfahrung hatte nur einer von ihnen, der 23-jährige Anführer Barry John Cann (der eigentlich Javed Malik hieß). „Die meisten Mitglieder des Kommandos stammten aus einfachen Milieus, sie waren im Grunde Schafhirten. Die hatten keine fundierte Ausbildung erhalten und konnten auch nicht mit den Waffen umgehen“, erinnert sich der Ermittler. So hatte die Mehrzahl erst in den Hotels die Handhabung der Maschinenpistolen und der Handgranaten geübt. „Diese Burschen sind Terroramateure“, lautete damals auch das Fazit gegenüber der Presse. Und später vor Gericht meinte der Anwalt treffend über seine Mandanten: „Hätte die Polizei sie nicht verhaftet, sie wären heute noch in der Welt unterwegs, von einem Misserfolg zum anderen.“ –Vom politischen Hintergrund waren alle Anhänger der PakistanPeoples Party (PPP): Deren Führer Zulfikar Ali Bhutto war zwischen 1973 und 1977 Premierminister gewesen, ehe er von General Zia-ul-Haq gestürzt wurde. Zwei Jahre später richtete man ihn trotz internationaler Proteste hin. Bhuttos Söhne – Shahnawaz und Murtaza – organisierten daraufhin vom Exil aus mit Unterstützung seitens Syriens, Libyens und der PLO den Untergrundkampf gegen das Militärregime. Shahnawaz wurde 1985 im französischen Nizza tot aufgefunden, angeblich war er vergiftet worden. Sein Bruder Murtaza war die eigentliche Triebkraft des Widerstands. Biograf Raja Anwar hat ihn wenig schmeichelhaft als „terrorist prince“ charakterisiert, als jemanden, der ständig Aktionen plante, deren Ausführung aber anderen überließ und sich lieber rechtzeitig in Sicherheit brachte.

So war es dann auch im Falle der geplanten Geiselnahme in Wien. Diese sollte die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die Situation in Pakistan lenken: „Wir hatten vor, der Welt zu demonstrieren, was für eine Regierung in Pakistan herrscht“, stellte Kommandoführer Cann vor Gericht klar und klagte den Machthaber Zia bei dieser Gelegenheit als „Diktator“ an. In die Wege geleitet worden war das Unternehmen Ende Mai 1984: Die Mitglieder des Kommandos – allesamt Angehörige von Murtazas Untergrundorganisation „Al-Zulfikar“ – versammelten sich in Damaskus, wo sich auch das Hauptquartier für die Aktivitäten gegen Zias Regime befand. Anschließend reiste man über verschiedene Wege nach Rom. Dort sollte am 12. Juni eigentlich die pakistanische Botschaft überfallen werden – aber die Sicherheitsmaßnahmen waren zu engmaschig, und die PLO zog ein schon gegebenes Unterstützungsangebot zurück. Also rückte nach einer entsprechenden Order Murtazas Wien ins Visier – nicht viel anders als heute galt die Stadt damals als „Spielwiese“ für geheime Machenschaften. Und es gab noch einen weiteren Grund, wie Cann vor Gericht angab: „Wir dachten, die Sicherheitsvorkehrungen sind hier nicht so gut.“ Das wurde bei westeuropäischen Behörden damals übrigens ähnlich gesehen, vor allem was den Schutz von Botschaften anging. „Trotz aller Anstrengungen der Polizei gelten die Überwachungsmaßnahmen im Gegensatz zu anderen Ländern als mangelhaft“, hieß es im „Kurier“ süffisant. Der damalige Innenminister Karl Blecha versuchte solcher Kritik den Wind gleich aus den Segeln zu nehmen: „Der Terrorismus ist eine Erscheinung unserer Zeit, die in freien, demokratischen Staaten nicht so bekämpft werden kann wie in Diktaturen.“

In Wien waren die Pakistanis Ende Juni per Bahn angekommen. Erst hier erhielten sie von einem Kontaktmann die Waffen – was der Ex-Staatspolizist zu diesem Unbekannten anmerkt, ist brisant: „Eine Personenbeschreibung durch die Terroristen passte zu einem libyschen Diplomaten.“ Offenbar war die Botschaft Libyens in die Vorbereitungen der Geiselnahme involviert – so wie angeblich auch sechs Jahre zuvor, als Carlos, der „Schakal“, die Tagung der OPEC-Minister überfiel. Obgleich längst nicht so professionell und skrupellos wie der „Schakal“, waren die Pakistanis zumindest genau instruiert: Murtaza flog nach Wien, um seine Männer, einen nach dem anderen, zu treffen. In einem Nordsee-Fischlokal händigte er ihnen je 2.000 Schilling aus und sagte: „Wir treffen uns wieder in Kuba“ – weil man dorthin mit den Geiseln ausfliegen wollte. Weitere Anweisungen wurden von der Staatspolizei später auf Mikrofilmen gefunden, die in den Schuhen der Pakistanis versteckt waren: „Sie sollten 1.) den pakistanischen Botschafter, den sie unter den Anwesenden vermutet haben, sofort erschießen. Und 2.) die Österreicher – das waren, so glaube ich, zwei Personen – sofort freilassen.“

Später vor Gericht war Cann bemüht, die Gewalt herunterzuspielen: „Wir wollten nur die Diplomaten als Geiseln nehmen.“ Dann war geplant, vor dem Hotel eine Ansprache zu halten und schließlich die Bereitstellung eines Flugzeugs zu erzwingen, um mit den Geiseln nach Havanna auszufliegen. Insgesamt sollten 200 Gefangene in Pakistan freigepresst werden: „Hätten wir keinen Erfolg gehabt, so hätten wir alle wieder freigelassen.“ Letztere Aussage rief bei den Mitangeklagten so viel Schmunzeln hervor, sodass der vorsitzende Richter ermahnte: „Das letzte Wort hat das Gericht, und das wird vielleicht nicht so lustig sein.“ Am 28. März 1985 wurden die Angeklagten wegen versuchter erpresserischer Entführung und Ansammlung von Kampfmitteln schuldig gesprochen. Cann erhielt 13 Jahre und der ebenfalls in führender Position tätige Lias Khan eine elfjährige Freiheitsstrafe. Die übrigen sieben wurden zu je sieben Jahren verurteilt. 1989 – nach einem Machtwechsel in Pakistan – wurden acht der Männer vorzeitig entlassen. Zwei von ihnen blieben im Land. Lediglich Cann war noch bis 1993 in Haft – zurück in Pakistan, musste er wegen eines anderen Falls noch zwei weitere Jahre absitzen.

Einige Ermittlungsergebnisse hatte die Staatspolizei dem Gericht gar nicht erst übermittelt. Diese gingen dafür exklusiv an einen sehr interessierten ausländischen Dienst, wie der Zeitzeuge nach 30 Jahren nun erstmals enthüllt: „Mitten in den Ermittlungen hat sich der MI6 eingeschaltet: Cann sei möglicherweise einer der Topterroristen in Pakistan und habe einige Leute auf dem Gewissen. Zum Beispiel habe er gemeinsam mit einem anderen Täter von einem Motorrad aus eine Handgranate in eine pakistanische Kaserne geschleudert, und als die Offiziere aus dem Kasino kamen, auf diese das Feuer eröffnet. Dabei sei er einmal an der Schulter angeschossen worden – und tatsächlich, Cann hatte Spuren einer solchen Verletzung. Daraufhin habe ich ihm gesagt: Wir reden über diese ganz ,alten Geschichten‘, oder wir reden nicht darüber und liefern dich aus – und zwar gleich binnen einer Woche. Dann haben wir über 35 Seiten Niederschrift darüber gemacht, was er alles gemacht hat. Der MI6 hat das über das Bundesministerium für Inneres übermittelt bekommen und war hoch begeistert. Das hat außer mir und meinem Vorgesetzten niemand gewusst. Die Briten waren an allem und jedem interessiert, was sich international getan hat. Alles, was zum Thema Terrorismus da war, haben die aufgesogen und weiterberichtet. Das war aber keine Einbahnstraße.“

Noch eine weitere Entscheidung wurde im Hinterzimmer gefällt: Im Unterschied zu den „kleinen Fischen“ musste der eigentliche Mastermind nichts befürchten: Eine schon eingeleitete Fahndung nach Murtazar Bhutto wurde unterbunden. Seine Verfolgung dürfte politisch nicht opportun gewesen sein. Erst 1993 – nachdem General Zia bei einem Flugzeugabsturz getötet und seine Schwester Benazir Premierministerin geworden war – konnte Murtazar wieder nach Pakistan zurückkehren. Drei Jahre später wurde er gemeinsam mit sechs Anhängern in Karatschi unter ungeklärten Umständen von der Polizei erschossen. Dem Bhutto-Clan sollte eine weitere Tragödie nicht erspart bleiben: 2007 starb auch Benazir bei einem Attentat islamistischer Terroristen. Pakistan gilt mittlerweile als „gescheiterter Staat“, in dem Gewalt, Korruption und Menschenrechtsverletzungen epidemische Ausmaße angenommen haben. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2014)