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SPÖ-Bundespräsidenten verzichteten auf kirchlichen Beistand

Adolf Schärf(c) APA (JKU JOHANNES KEPLER UNIVERSITAET)
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Nach dem Tod von Karl Renner herrschte bei den Sozialisten unter Adolf Schärf noch starke Ablehnung der katholischen Amtskirche.

Wien. Am 6. Jänner 1951 fand das erste Staatsbegräbnis der jungen Zweiten Republik statt. Bundespräsident Karl Renner wurde im Wiener Rathaus aufgebahrt und dann auf dem Zentralfriedhof vor der Lueger-Kirche beigesetzt. Später entstand dort die Ehrengruft für alle späteren Staatsoberhäupter. Felix Hurdes machte vor dem Grab demonstrativ ein Kreuzzeichen. „Dies war das einzige religiöse Zeichen während der Feierlichkeit, die auch nicht vom Klang der Kirchenglocken begleitet wurde“, berichtete „Die Presse“ pikiert.

Aus dieser Bemerkung der Zeitung wurde eine kleine Staatsaffäre. Denn die Katholische Aktion Österreich ließ wissen, dass es um den „Taufscheinkatholiken“ Renner ein heftiges Tauziehen zwischen Schwarz und Rot gegeben habe: „Von kirchlicher Seite wurde der Versuch unternommen, ein kirchliches Begräbnis zu erreichen. Vizekanzler Dr. Schärf hingegen wollte die Verbrennung der Leiche veranlassen, was durch Bundeskanzler Ing. Figl verhindert wurde. Die Witwe des Bundespräsidenten zeigte sich nicht geneigt, ein kirchliches Begräbnis zuzulassen, hätte sich aber wahrscheinlich umstimmen lassen. Die Tochter zeigte sich einem kirchlichen Begräbnis gegenüber positiv eingestellt (Witwe und Tochter sind altkatholisch). Die SPÖ unter Führung von Vizekanzler Dr. Schärf hingegen verhinderte nicht nur offizielle kirchliche Trauerfeierlichkeiten, sondern sogar eine stille Einsegnung durch den Rektor der Sängerknaben, Hofrat Dr. Schnitt, am Grab. Auch der Versuch von Hofrat Dr. Schnitt, [. . .] an der Bahre des Verstorbenen die Einsegnung de facto in einer unauffälligen Weise vorzunehmen, wurde vonseiten der SPÖ verhindert.“

Agnostiker Schärf

Am 9. Jänner ließ SPÖ-Chef Schärf ärgerlich mitteilen, dass all diese Anwürfe „aus der Luft gegriffen seien“. Besonders die Behauptung, dass Professor Schnitt dem Staatsoberhaupt die Beichte abgenommen und die Absolution erteilt habe. Es sei ferner unrichtig, grollt Schärf in der geharnischten Erklärung, „dass Dr. Schärf die Verbrennung der Leiche des Bundespräsidenten veranlassen wollte“. Und dies, obwohl bekannt gewesen sei, dass Renner das sehr wohl so wollte. In der Mitte dieses Zanks stand die Amtskirche. Erzbischof-Koadjutor Franz Jachym sah sich schließlich zur gewundenen Veröffentlichung veranlasst: „[. . .] Wenn es tatsächlich nicht zur kirchlichen Einsegnung gekommen ist, so weiß der Katholik, wo die Hindernisse dafür liegen konnten, und erwartet sich von seinen Bischöfen keine nähere Erklärung dazu, sondern nur die diesen heiklen Fragen entsprechende Zurückhaltung, die geeignet ist, uns jenes Vertrauen der Bevölkerung zu erhalten, die uns zu jeder, auch in der letzten Stunde in Bedrängnis rufen kann, ohne fürchten zu müssen, einige Tage später persönlichste Angelegenheiten in aller Öffentlichkeit diskutiert zu sehen.“

„Nicht ohne meine Aloisia“

Wie auch immer, Renner hat verfügt, dass seine Ehefrau, Aloisia, später neben ihm begraben werden solle. Und so sind in der Präsidentengruft auch die Ehefrauen der weiteren Präsidenten beigesetzt: Hilda Schärf, Grete Jonas, Herma Kirchschläger. Bundespräsident Körner war unverheiratet und Thomas Klestil von seiner Ehefrau, Edith, geschieden.

Renner war überhaupt vorausschauend. Auf dem Krankenlager konzipierte er seine letzte Radioansprache und sprach sie dann auf Schallplatte. Während die Rede zum Silvester am 31. Dezember 1950 gesendet wurde, starb er.

Sein Tod stürzte die Republik für kurze Zeit in verfassungsrechtliche Unsicherheit. Denn Renner war am 20. Dezember des chaotischen Jahres 1945 rasch von der Bundesversammlung gewählt worden, was aber der Verfassung eigentlich widersprach. Der Nachfolger musste nun erstmals durch eine Volkswahl gekürt werden. Schon am 5. Jänner 1951 diskutierten die führenden Medien, ob nicht durch einen Wahlkampf die „Einigkeit des österreichischen Volkes“ gefährdet werde. Sie wurde es nicht, wie man weiß.

Nächsten Samstag: Das „Paneuropäische Picknick“ 1989

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2014)

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