Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Ein Stoff aus Schwarzkümmel-Öl gegen Krebs

Medizin. Das Lynch-Syndrom ist ein Typ von erblichem Darmkrebs, der besonders schnell aggressiv wird. Der Gastroenterologe Gasche hat Wirkstoffe gefunden, die bei der Bekämpfung helfen – und plädiert für spezielle Untersuchungen.

Ungefähr 5000 Menschen erkranken jährlich in Österreich an Darmkrebs. Zwei bis drei Prozent davon leiden am erblichen Lynch-Syndrom, einem Darmkrebs ohne Polyposis, also ohne zahlreiche Polypen. Bei diesem Darmkrebstyp kann sich ein gutartiger Polyp innerhalb eines Jahres zu aggressivem Krebs entwickeln, anders als bei nicht erblichem Darmkrebs, bei dem diese Umwandlung rund zehn Jahre dauern kann.

Umso wichtiger sind in diesem Fall regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen, Darmspiegelungen (Koloskopien) in einem Abstand von einem Jahr. Das fordert auch der Gastroenterologe Christoph Gasche, der mit seinem Ende 2014 auslaufenden Christian-Doppler-Labor für molekulare Karzinom- und Chemoprävention das Lynch-Syndrom erforscht.

Mit seinem Team ist er seit sieben Jahren Substanzen auf der Spur, die nach der Abklärung einer erblichen Prädisposition für diesen Darmkrebstyp – 50 Prozent der Kinder, bei denen ein Elternteil erkrankt ist, leiden im Laufe ihres Lebens selber an diesem Krebstyp – oder nach einem bereits aufgetretenen Dickdarmkarzinom weitere Tumore verhindern oder zumindest um Jahre hinauszögern. „Sie müssen sich vorstellen, dass es sich dabei meist um Patienten handelt, bei denen ein Tumor vor dem 50. Lebensjahr auftritt, bei Menschen, die voll im Leben stehen“, gibt Gasche zu bedenken.

Ein Medikament, das derzeit bereits in einer von der EU gesponserten klinischen Studie an Patienten getestet wird, ist Mesalazin, ein dem Aspirin verwandter Wirkstoff, der bisher zur Behandlung entzündlicher Darmerkrankungen eingesetzt wurde.


Reparaturgene defekt

Das Lynch-Syndrom entsteht durch einen Defekt eines Reparaturmechanismus in den Zellen: Sie reparieren Fehler bei ihrer Vermehrung nicht mehr und werden zu Tumorzellen. Die beteiligten Gene sind bekannt. Dem Christian-Doppler-Labor ist es in Zellkulturen und im Tierversuch bereits gelungen, durch Verabreichung von Mesalazin die Replikationsgenauigkeit der Zellen zu verbessern, auch wenn bestimmte Reparaturgene defekt sind. Sind die klinischen Studien erfolgreich, will eine Firma, die Mesalazin derzeit schon vertreibt, die Rechte für diese Anwendung kaufen.

Ähnliche Eigenschaften wie Mesalazin zeigt Thymoquinon, das im Schwarzkümmel-Öl vorkommt. „Wir arbeiten eng mit der Firma Biogena zusammen, die Thymoquinon in Kapseln anbietet“, so Gasche. Im Vergleich mit den Tierexperimenten bräuchte man für Menschen Kapseln mit 300 Milliliter Öl. Versuche, ein konzentrierteres Öl herzustellen, scheiterten bisher.

„Man weiß, dass es in Österreich 1000 bis 4000 Lynch-Syndrom-Träger gibt. Dennoch sind nur 70 Fälle in Österreich bekannt“, sagt Gasche: „Das Wissen um diesen speziellen Darmkrebstyp ist sowohl in der Bevölkerung als auch unter den Ärzten viel zu wenig verbreitet.“

Daher will Gasche ein österreichweites Register für diese Form des erblichen Darmkrebses aufbauen. Jedes diagnostizierte Dickdarmkarzinom soll auf die speziellen Gendefekte des Lynch-Syndroms untersucht werden. Das kostet etwa 50 Euro pro Karzinom. „Mit diesem geringen Aufwand könnten pro Jahr geschätzte 125 Familien identifiziert und weitere 250 Angehörige vor einer Krebsentstehung geschützt werden.“

LEXIKON

Die „Amsterdam-Kriterien“ dienen zur Identifizierung von Lynch-Syndrom-Patienten. Eines davon ist, dass zumindest zwei aufeinanderfolgende Generationen betroffen sind.

Die „Bethesda-Kriterien“ definieren Individuen, die ein hohes Risiko haben, vom Lynch-Syndrom betroffen zu sein. Solche Kriterien sind etwa, dass Darmkrebs vor dem 50. Lebensjahr festgestellt wurde oder dass zwei oder mehr Verwandte ersten oder zweiten Grades Lynch-Syndrom-Tumoren hatten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2014)