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Der Todestrieb der ÖVP

Die „Evolution“ der Volkspartei bedeutet eine Abkehr von den eigenen Wurzeln hin zu weltanschaulicher Beliebigkeit.

Stellen Sie sich einmal vor, die katholische Kirche wäre – nach einem langen Evolutionsprozess – in sich gegangen und würde verkünden: Die Lehre über Himmel und Hölle, Schuld und Vergebung, Auferstehung und ewiges Leben löst bei den meisten jungen Leuten nur noch Spott und unverständliches Kopfschütteln aus, sodass sich die Kirche diesbezüglich „bewegen“ und ihre Botschaft den aktuellen gesellschaftlichen Realitäten anpassen müsse.

Ein kurzfristiger medialer Paukenschlag wäre garantiert. Und der eine oder andere „Außenstehende“ würde sich vielleicht die Frage stellen, ob es sich nicht doch lohnen würde, diesem Verein einen unverbindlichen Besuch abzustatten. Freilich träte spätestens dann Ernüchterung ein, wenn festgestellt werden müsste, dass die Kirchen durch solche Modernisierungsversuche mittel- und langfristig nicht voller, sondern noch leerer würden, als sie es ohnehin schon sind.

Warum? Weil eine Kirche der Beliebigkeit niemanden interessiert. Überzeugte Gläubige könnten einen Kurs, der de facto das gesamte Fundament zum Einsturz bringen würde, nicht mittragen, da es für sie ein endgültiger Bruch mit dem wäre, auf das sie ihr Leben lang vertraut haben. Und potenzielle „Neukatholiken“ würden sich bald die Frage stellen, warum sie sich einer Institution anvertrauen sollten, die ihre Fahnen genauso nach dem Wind dreht wie jeder x-beliebige Diskussionsverein.

 

Anpassung an den Zeitgeist

Sprung in die Niederungen heimischer Innenpolitik. Die ÖVP versucht sich wieder einmal neu zu orientieren. „ÖVP-Evolution“ nennt man das jetzt. Bereits die erste Aussage des neuen ÖVP-Obmanns Mitterlehner, wonach das Leitbild von „Vater, Mutter, Kind mit Ehe“ bloß noch auf 20 bis 30 Prozent zutreffen würde und sich die ÖVP daher diesbezüglich „bewegen“ müsse, lässt befürchten, wohin die Reise gehen wird: Anpassung an den Zeitgeist, koste es auch die eigenen Überzeugungen!

So gesehen scheint es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die ÖVP ihre „Blockadepolitik“ zugunsten der „Gleichberechtigung“ von Homosexuellen (Heirat inklusive vollen Adoptionsrechts), des flächendeckenden Ausbaus von Kindertagesstätten, des verpflichtenden Ganztagsunterrichts sowie der „gemeinsamen“ Schule aller Zehn- bis 14-Jährigen aufgibt. Auch hier würde kurzfristig der gesamte linksliberale Mainstream die „Bewegung“ innerhalb der ÖVP lautstark bejubeln.

Die Sache hat nur einen Haken. Es handelt sich dann nicht mehr um die einstige staatstragende Partei, basierend auf einem christlich-konservativen Wertefundament, sondern um ein Sammelsurium weltanschaulich neutraler Beliebigkeit. Aber offenbar hat die ÖVP beschlossen, ihren innenpolitischen Todestrieb zu Ende zu bringen. Sie hat sich zuletzt in allen gesellschaftspolitisch „heißen Eisen“ bereits in Richtung Rot-Grün-Neos-Einheitspartei „bewegt“. Der „Erfolg“ dieses Kurses schlägt sich in immer schlechteren Wahlergebnissen nieder. Dass ausgerechnet FPÖ-Generalsekretär Kickl jüngst anmerkte, dass eine ÖVP, die sich ständig neu positioniere, nicht mehr „die“ ÖVP sei, darf als Ironie des Schicksals bezeichnet werden.

Dr. Michael Etlinger ist Jurist und seit 1999 Mitglied in verschiedenen unabhängigen Kontrollinstanzen.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2014)