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„Starb für Österreich“

Es ist heiß an diesem Nachmittag im Kremser Alauntal. Die Männer, christlich-deutsche Turner, kommen gerade von einer Waffenübung. Plötzlich werden drei Handgranaten gegen sie geschleu- dert. Vor 75 Jahren: Der Naziterror in Österreich beginnt.

Das Grab auf dem Pfarrfriedhof von Ybbsitz in Niederösterreich ist durch das breite Balkenkreuz mit der mächtigen Christusfigur schnell zu finden. Auf dem Grabstein steht der Name Franz Blamoser, in der Zeile darunter: „starb für Österreich“. Franz Blamoser, das weiß heute kaum noch wer, ist eigentlich das erste Opfer im Kampf gegen den Nationalsozialismus in Österreich – und nicht der „Heldenkanzler“ Engelbert Dollfuß, wie gerne behauptet wird. Franz Blamoser musste sein Leben genau ein Jahr davor lassen, im Juli 1933, und so steht es auch auf der Todesanzeige: „Er gab sein Leben für Österreichs Freiheit und Ehre.“ Aber was heißt das schon? Blamoser war damals 32 Jahre alt, das Leben lag noch vor ihm, und ein Märtyrer wollte er sicherlich nicht werden.

Damals, in einer höchst unruhigen Zeit, in der der Kampf der politischen Lager längst den Alltag beherrschte, hatte sich auch Franz Blamoser politisch zu orientieren begonnen. Ob dies bewusst und mit Überzeugung geschah, lässt sich schwer sagen. Der ländlich geprägte Ort in der niederösterreichischen Eisenwurzen ist katholisch dominiert, Blamoser, aus kleinen Verhältnissen stammend, gehört wie viele junge Männer im Ort der christlich-deutschen Turnerschaft an. Man ist patriotisch, österreichtreu und bereit, seinen Beitrag für die „Heimat“ zu leisten. Zumindest nach der damaligen Sprachregelung.

Am 19.Juni 1933, einem Montag, hält eine 56 Mann starke Abteilung der Hilfspolizei, alle sind „Wehrturner“ der christlich-deutschen Turnerschaft, in Egelsee nahe Krems eine Waffenübung ab. Die jungen Männer, die auf künftige Assistenzeinsätze vorbereitet werden sollen, formieren sich auf dem Schießplatz. Scharfschießen wird geübt, viele haben überhaupt zum ersten Mal ein Gewehr in der Hand. Es ist ein heißer Tag, die Männer schwitzen unter ihren Uniformröcken. Die Stimmung ist kameradschaftlich, man weiß, wofür – oder vielmehr wogegen – man ausgebildet wird. Politische Gegner sind in erster Linie die Nationalsozialisten, die im Jahr davor bei den letzten freien Wahlen in Wien, Niederösterreich und Salzburg ihren Stimmenanteil vervielfachen konnten und seither immer aggressiver auftraten. Aber auch Kommunisten und Sozialdemokraten, bis zur Auflösung des Republikanischen Schutzbundes paramilitärisch formiert, wurden als staatsfeindlich und gefährlich betrachtet.

Als die Männer am Nachmittag in loser Formation durchs Alauntal nach Krems zurückmarschieren, gefolgt von einer Kompanie des Infanterieregiments Nr. 6, passieren sie nichtsahnend einen Hohlweg. Die Männer sind frohgemut, singen Lieder. Der Älteste unter ihnen ist 33 Jahre alt, der Jüngste erst 19. Es ist kurz nach 17 Uhr, da werden von einem darüberliegenden steilen Waldhang plötzlich drei Handgranaten auf den Trupp geworfen. Ein Hilfspolizist schleudert geistesgegenwärtig eine der Granaten zur Seite. Die beiden anderen explodieren fast mitten unter ihnen. Die Marschlieder verstummen, nach den drei Detonationen ist es eine Schrecksekunde lang still. Dann hört man das Stöhnen. 30 Männer bleiben verletzt in dem Hohlweg liegen und winden sich vor Schmerzen.

Einer von ihnen wird den Anschlag nicht überleben. Auch ein Spaziergänger, ein pensionierter Portier aus der Tabakfabrik in Krems, ist unter den Opfern, er hatte an der Unglücksstelle gerade Blumen gepflückt. Aus einem nahe gelegenen Gasthof herbeigerufen, eilen ein Militärarzt und ein Regierungskommissär der Bezirkshauptmannschaft herbei. Der Militärarzt hat sich noch nie um so viele Opfer gleichzeitig kümmern müssen, die meistenwerden ins Kremser Spital eingeliefert, der Rest in der Kaserne versorgt. „Verletzungen, wie man sie nur im Krieg sah“, wird man später berichten. Einige Körper werden im Brust- und Rückenbereich durch die Splitter fast zerfetzt, einigen hat es die Bauchdecke aufgerissen. Zwei Männern quellen die Gedärme aus dem Leib, einem ist ein Bein vollkommen zerschmettert worden. 17 Hilfspolizisten gelten als schwer-, zwei als lebensgefährlich verletzt, sie werden mit den Sterbesakramenten versehen. Noch während Sanitätsautos am Anschlagsort eintreffen und Notverbände angelegt werden, durchstreift die Polizei den darüberliegenden Wald, auf der Suche nach jenen beiden Männern, die die Granaten gezündet und auf die Assistenzkompanie der christlich-deutschen Turnerschaft geschleudert haben. Die Nachricht verbreitet sich schnell in der Stadt, und ebenso schnell wird von Nationalsozialisten das Gerücht gestreut, dass die Täter Kommunisten oder Sozialdemokraten seien. Doch es gibt sehr genaue Personenbeschreibungen, und noch in derselben Nacht wird einer der Täter gefasst. Es ist der 21-jährige Handelsangestellte und SA-Scharführer Herbert Mosel, der erst gar nicht zu leugnen versucht: Er ist selbst durch Granatensplitter im Gesicht und an der Hand verletzt. Die Sprengkörper hat er von seinem Bruder, einem Angehörigen des Bundesheeres, erhalten, der sie heimlich aus dem Gneixendorfer Pulvermagazin entwendet und im „Braunen Haus“ in Langenlois übergeben haben soll.

Heinrich Mosel, der Bruder des Attentäters, ist Wehrmann bei jenem Infanterieregiment Nr. 6, das an diesem 19. Juni gemeinsam mit den christlich-deutschen Turnern auf dem Schießplatz von Egelsee zum Scharfschießen angetreten ist. Heinrich Mosel weiß genau, wann der Trupp durchs Alauntal marschiert, er zeigt seinem Bruder die Stelle, wo der Anschlag am günstigsten wäre. Der andere Haupttäter kann untertauchen, nach ihm wird vergeblich gefahndet. Sein Name: Adolf Weichselbaum, ein ehemaliger Zögling der Besserungsanstalt im niederösterreichischen Eggenburg. Auch die weiteren Beteiligten, die den Anschlag vorbereitet haben, machen sich aus dem Staub. Sie flüchten zur „Österreichischen Legion“ nach Deutschland und kehren erst 1938 zurück.

Dafür verhaftet die Polizei in derselben Nacht insgesamt 19 Nationalsozialisten, „Hakinger“, wie sie im Volksmund damals genannt werden. Die verantwortlichen Behörden sind sich der ernsten Lage bewusst, umgehend werden besondere Sicherheitsmaßnahmen erlassen. Der niederösterreichische Sicherheitsdirektor verhängt eine Art nächtliche Ausgangssperre in Krems, ab acht Uhr bleiben die Haustore verschlossen und ab neun Uhr alle Gaststätten gesperrt. Während Polizeipatrouillen durch die Stadt streifen und erste Hausdurchsuchungen vornehmen, rückt Militär zur Verstärkung der Kremser Garnison ein, wichtige Gebäude in der Stadt, der Bahnhof, die Bezirkshauptmannschaft, werden besetzt. Krems und auch das am anderen Donauufer gelegene Mautern scheinen an diesem Abend im Belagerungszustand zu sein.

Von nun an geht die österreichische Bundesregierung gegen die nationalsozialistische Gefahr entschieden vor. Noch am Abend des Anschlags ist in Wien der Ministerrat zusammengetreten und hat auf Antrag von Sicherheitsminister Fey ein Verbot der „NSDAP Hitlerbewegung“ und all ihrer Neben- und Unterorganisationen verfügt. Zu später Stunde meldet sich Justiz- und Unterrichtsminister Schuschnigg im Radio und verkündet mit ergriffener Stimme, die Regierung werde „restlos ihre Pflicht erfüllen“. Schuschnigg hat drei Jahre vorher den christlichen Wehrverband „Ostmärkische Sturmscharen“ gegründet. Die Opfer des Anschlags sind genau genommen „seine“ Männer. Was „Pflichterfüllung“ in diesen Tagen heißt, machen der Heimwehrführer Starhemberg und Minister Fey in öffentlichen Aufrufen kund: Die „Heimatschützer“ sollen von jetzt an „vom Recht der Notwehr rücksichtslos Gebrauch machen“. Starhembergs Leute besetzen das „Braune Haus“ in Wien und Innsbruck. Landesweit werden alle Parteizentralen und SA-Kasernen gesperrt. In Linz wird eine „Verschwörerzentrale“ ausgehoben, der reichsdeutsche Landesleiter der österreichischen NSDAP, Theo Habicht, wird verhaftet und über die Grenze nach Deutschland abgeschoben. Der neue NS-Landesleiter Proksch ruft von München aus „zum erbitterten Kampf gegen die Regierung Dollfuß“ auf. Immer wieder dringen jetzt deutsche Propagandaflugzeuge in den österreichischen Luftraum ein und werfen Flugzettel ab.

Aber wie gelegen ist Dollfuß und seinem Regime der Anschlag in Krems wirklich gekommen? Keine Frage, er passte in die politische Propaganda des konservativen, klerikalfaschistischen Österreich, aber diese Propaganda gegen die Nationalsozialisten wurde eben von diesen aufgezwungen. Wer weiß, wie sich die politischen Verhältnisse entwickelt hätten, hätten die Nationalsozialisten moderater agiert. So eindeutig in Richtung „Anschluss“ liefen die Dinge nämlich nicht. Das beweist am besten, dass noch am 12.März 1938 der neue österreichische Bundeskanzler Seyss-Inquart alles andere als ein territoriales Aufgehen im Dritten Reich und das völlige Aufgeben der österreichischen Souveränität gewollt hatte. Dem stand freilich eine 20-jährige „Anschluss“-Sehnsucht gegenüber, die auch die Attentäter von Krems nur allzu gerne erfüllt sehen wollten.

Die Situation im damaligen Österreich war prekär, das Jahr 1933 hatte es politisch in sich. Am 30. Jänner war in Deutschland Hitler an die Macht gekommen, das hatte auch auf das Agieren der Nationalsozialisten hierzulande unübersehbare Auswirkungen. Wie auch immer die sogenannte „Selbstausschaltung“ des Parlaments am 4.März zu bewerten ist, sie lag ausschließlich im Interesse von Dollfuß. Am Tag darauf verkündete er in Villach seine Absage an den Parlamentarismus, am 7.März erfolgte der Ministerratsbeschluss, mit Hilfe des noch aus der Monarchie stammenden Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes ohne Parlament zu regieren, und am 15.März setzte Dollfuß berittene Polizei und gepanzerte Militärwagen ein, um die Abgeordneten am Betreten des Parlaments zu hindern. Mit dem Verbot des Republikanischen Schutzbundes Ende März setzte Dollfuß alles daran, die Sozialdemokratie auszuschalten. Was aber hatte er mit den Nationalsozialisten vor?

Anfang Mai war es zu Verhandlungen mit dem reichsdeutschen Landesleiter der österreichischen NSDAP, Theo Habicht, gekommen. Vielleicht lag man gar nicht so weit auseinander, wie die Fronten verhärtet schienen. Dollfuß' autoritärer Kurs sollte nicht das Hindernis sein. Die Nationalsozialisten wären zumindest mit der zeitweisen Ausschaltung des Parlaments und der Aufschiebung von Neuwahlen einverstanden gewesen, hätten sie im Kabinett Dollfuß einige Ministerposten erhalten. Dollfuß lehnte ab, nicht zuletzt weil er dadurch die Unterstützung der entschieden antinazistischen Heimwehren verloren hätte. Obwohl es auch da, siehe den steirischen Heimatschutz, sprechende Ausnahmen gab.

Das Scheitern der Habicht-Verhandlungen setzte schließlich den nationalsozialistischen Terror in Gang. Bomben, Böllerwürfe, Sprengstoffanschläge auf Telefonzellen und jüdische Geschäfte. Daran musste man sich im politischen Alltag von Österreich nun gewöhnen, und das Deutsche Reich tat das seine, die Terrorwelle propagandistisch und finanziell zu unterstützen. Einige der Anschläge wurden direkt aus München angeordnet.

Gegensätze zwischen Heimwehr, Sozialdemokraten und Nationalsozialisten waren aber schon viel früher aufgebrochen. Auch in Blamosers Heimatbezirk war es zu vereinzelten Zusammenstößen gekommen. In Rosenau, einer sozialdemokratisch dominierten Gemeinde im unteren Ybbstal, war im August 1932 eine politische Versammlung gar zu einer blutigen Saalschlacht ausgeartet, bei der einer der Redner, der spätere Gauleiter von Oberösterreich, August Eigruber, kurzerhand durch das Fenster auf die Straße geworfen wurde.

Die Nationalsozialisten standen längst unter behördlicher Beobachtung. Der damalige Bezirkshauptmann von Amstetten war ein fanatischer Nazigegner. Als er ihnen die Abhaltung von Maifeiern untersagte, versammelte sich dennoch ein kleiner Kreis in St. Peter, einem kleinen Ort westlich von Amstetten. Auf der Veranda des öffentlichen Notars fanden sich ungefähr 60 Personen zusammen, ein aus dem Schuldienst entfernter Lehrer hielt eine Ansprache. Er begann die Rede, die er offiziell nicht halten durfte, mit den Worten: „Liebwerte Volksgenossen! Wir haben Versammlungs- und Aufmarschverbot, auch dürfen wir nicht sprechen. Ich spreche daher zu euch, ihr lieben Frösche im Schlossteich.“

Aber selbst in ihrer Ironie blieben die Nazis gern larmoyant und demonstrierten, wie sehr sie sich von der österreichischen Regierung verfolgt fühlten. Als es bald darauf zu einem Uniformverbot gegen alle politischen Verbände der NSDAP kam, marschierten in Wien SA-Männer provokant mit nacktem Oberkörper durch die Straßen, oder sie trugen weiße Hemden, Frack und Zylinder. Dem Anschlag in Krems ging eine österreichweite Verhaftungswelle voraus, und dabei zeigte sich schon, wie viel Sympathien in einigen Orten den verhafteten NSDAP-Funktionären entgegengebracht wurde: Tage später, aus dem Gefängnis entlassen, wurden ihnen jubelnde Empfänge bereitet, in Amstetten wurden sie auf Schultern durch die Stadt getragen, Blumen wurden ihnen zugeworfen – einen Tag, bevor auf die christlich-deutschen Turner in der Wachau Granaten geschleudert wurden.

Der Anschlag im Kremser Alauntal war nicht der erste Nazianschlag in Österreich. Aber es war jener folgenschwere Terrorakt, der zum Verbot der NSDAP in Österreich führte. Bereits in der Woche davor war es zu einer Reihe von Anschlägen gekommen, die das Land in Unruhe stürzten und deutliche Wirkung zeigten. Zwei Tage nachdem Hitler die Tausendmarksperre erlassen und damit dem österreichischen Fremdenverkehr, einer wichtigen Wirtschaftsquelle des Staates, den Todesstoß versetzt hatte, hatten sich in Innsbruck Heimwehr und nationalsozialistische Studenten eine regelrechte Straßenschlacht geliefert, ein Einsatz des Bundesheeres war nötig geworden.

Am 11.Juni folgte ein Attentat auf den Tiroler Heimwehrführer Steidle, der vor seinem Haus aus einem vorbeifahrenden Auto angeschossen wurde. Am selben Tag missglückte bei Bruck an der Mur ein Anschlag auf den steirischen Landeshauptmann und ehemaligen Minister Rintelen, zwei Bomben explodierten. Es war der Auftakt zu einer Serie von Sprengstoffanschlägen in ganz Österreich. Durch die Explosion zweier Bomben in einem jüdischen Juweliergeschäft in Wien wurden zwei Personen getötet, zahlreiche Menschen verletzt. Eine Bombe wurde auch gegen ein Kinderheim geworfen, und ebenfalls durch eine Bombe wurde das Wiener „Einheits-Warenhaus“ in der Favoritenstraße zerstört. Eine weitere Bombe detonierte glücklicherweise nicht. Sie hätte ausgereicht, ein ganzes Häuserviertel in die Luft zu sprengen.

Anschläge auf Kabelleitungen, auf die Wohnungen von christlichsozialen Funktionären standen auf der Tagesordnung. Die Polizei kam mit den Ermittlungen bald nicht mehr nach. Die Terrorwelle war gut organisiert, Regierung und Bevölkerung sollten eingeschüchtert werden. Schließlich ein Anschlag auf das Café „Produktenbörse“ in Wien und, was in der Tat schlimm hätte ausgehen und Hunderte Menschenleben fordern können, auf das Wasserkraftwerk der Stadt Salzburg. „Sind das überhaupt noch Menschen?“, wurde in der Presse gefragt.

Und dann, am 19.Juni, der Anschlag in Krems und der erste Tote einer Ordnungsmacht. Franz Blamoser erlag am 6. Juli, kurz vor sechs Uhr früh, im Krankenhaus von Krems seinen schweren Verletzungen, nach 17 qualvollen Tagen. Durch die Detonation waren ihm Teile seiner Lunge zerstört worden. Die letzten Tage waren ein „unbeschreibliches Martyrium“, wie auf der Todesanzeige des christlich-deutschen Turnvereins Krems zu lesen stand. Und: dass Franz Blamoser, Assistenzmann der Hilfspolizei in Krems, Infanterieregiment Nr. 6, 5. Kompanie, „in Ausübung seiner vaterländischen und staatsbürgerlichen Pflicht“ gestorben sei. „Treue um Treue! Für Gott, Volk und Vaterland!“

Nun hatte auch die Dollfußbewegung ihren „Blutzeugen“, einen ersten Märtyrer, dessen Tod aber vielleicht gar nicht wirklich in die Pläne des autoritären Kanzlers gepasst haben mag. Bezeichnenderweise heißt es in einem Nachruf in der „Vaterländischen Turner Zeitung“, dass bei diesem Attentat Abel von seinem Bruder Kain erschlagen worden sei: „Denn wenn auch den Toten und seine Mörder gewisse Gegensätze in der Weltanschauung getrennt haben, so waren sie doch eins, sie waren Brüder ein und desselben Volksstammes, Deutsche, Österreicher, junge Menschen, über die Mütter heute weinen müssen.“ Eine merkwürdige Diktion, die übrigens noch in Schuschniggs Abschiedsrede fünf Jahre später zum Ausdruck kommen wird. Dabei war Blamoser, genau genommen, nicht das erste Opfer der „Vaterländischen“ gewesen. Einen Tag nach dem Anschlag in Krems war am 20.Juni der Heimatschützer Süßenböck gestorben, der eine Woche vorher von einem Nazi aus dem Hinterhalt angeschossen worden war. Starhemberg persönlich weilte an seinem Sterbebett. Aber in der Berichterstattung über das Attentat auf die christlich-deutschen Turner in Krems war Süßenböcks Tod nur noch eine Randnotiz.

Manchmal waren die Aktionen der Illegalen freilich von einer entschiedenen Lächerlichkeit. So wurden in Waidhofen an der Ybbs, dem Nachbarort von Franz Blamosers Heimatgemeinde, in den ersten Jännertagen des Jahres 1934 polizeiliche Ermittlungen durchgeführt, weil am Neujahrstag ein Hahn über den Unteren Stadtplatz geflattert kam, der ein Papiertäfelchen mit aufgemalten Hakenkreuzen umgehängt hatte. Anzeige gegen „unbekannte Nationalsozialisten“ wegen „verbotswidriger Propaganda“ wurde erstattet. Die Ermittlungen verdächtigten schließlich einen ortsansässigen Heimwehrmann als Urheber der Aktion.

Nachdem am 10.November 1933 die Todesstrafe wieder eingeführt worden war, beschloss die österreichische Regierung am 8.Juli 1934, die Todesstrafe in Hinkunft auch bei Sprengstoffanschlägen anzuwenden, denn solche gab es nun fast täglich und mit enormem Schaden im ganzen Land. Zu diesem Zeitpunkt waren die nationalsozialistischen Putschpläne gegen die österreichische Regierung bereits beschlossene Sache. Am 6.Juni war Theo Habicht bei Hitler zur Unterredung gewesen, am 25. Juni wurde der Putsch bei einer Besprechung in Zürich fixiert. Er sollte am 24.Juli stattfinden, wurde aber kurzfristig abgesagt. An diesem Tag wurde die erste Hinrichtung nach dem neuen Sprengstoffgesetz vollzogen. Einen Tag später war auch Dollfuß tot, der Putsch dennoch gescheitert.

Zwei Jahre nach Blamosers Tod findet in Ybbsitz eine große vaterländische Kundgebung statt, am Grab wird eine Gedenktafel angebracht und von der Kolpingturnerschaft jenes mächtige Kreuz aufgestellt, dessen breite Balken fast ein Zitat des Kruckenkreuzes sind. Auch im Kremser Alauntal wird auf einem Gedenkstein an das Attentat erinnert: „Der Pflicht für Volk und Vaterland getreu, bluteten hier am 19.Juni 1933 dreißig christlich-deutsche Turner als Opfer eines Bombenanschlages. An den Wunden starb Franz Blamoser aus Ybbsitz.“

1938 wird der Gedenkstein im Alauntal entfernt, auch die Grabinschrift in Ybbsitz muss verschwinden: Ein ortsbekannter Nationalsozialist deckt sie mit einem Holzbrett zu. Aus Angst lässt Blamosers Schwester die Gedenktafel vom Grab entfernen. Erst nach 1945 wird die alte Inschrift in einen neuen Grabstein eingemeißelt. In Ybbsitz gibt es aber auch eine merkwürdige Form von Widerstand: So muss die „Hitler-Erinnerungseiche“ auf dem Marktplatz mehrmals nachgepflanzt werden, weil ein Unbekannter jedesmal Kupfernägel in sie treibt, der Baum verdorrt immer wieder aufs Neue.

Doch das ist heute auch schon wieder vergessen. Und wer kann mit dem Namen Franz Blamoser noch etwas anfangen? Sein Grab wird noch gepflegt, aber fragt man, wer hier zweimal im Jahr frische Blumen setzt und das Unkraut zupft, wird man von niemandem eine Antwort erhalten. Blamosers Schwester, erfahre ich, ist schon vor vielen Jahren in ein Altersheim gezogen. Nein, die wird sicher nicht mehr leben, sagt der alte Mann mit einem Schulterzucken und wendet sich einem Grab dahinter zu. Heute ist vieles anders, höre ich ihn noch sagen. Vielleicht demnächst schon wird es das Ehrengrab für Franz Blamoser nicht mehr geben. Bisher hat der Kameradschaftsbund die Grabgebühren bezahlt, an eine Verlängerung der Grabnutzung ist nicht gedacht. Also fällt die Grabstätte an den Friedhofseigner, die Pfarre Ybbsitz, zurück, die das Grab, es geht schließlich um Einkünfte, neu vergeben will. Dann wird nicht nur die Halbwertszeit des Gedenkens zu Ende sein. – So fragwürdig immer erschienen sein mag, für welches Österreich Franz Blamoser gestorben ist, so fragwürdig ist bis heute der politische Umgang mit dem Gedenken und mit der Frage, wer „Opfer“ war. An Engelbert Dollfuß werden sich wahrscheinlich noch in Jahrzehnten die Meinungen erhitzen. Franz Blamoser wird dann schon vergessen sein – wenigstens, möchte man fast sagen. Dann müsste man sich nämlich auch nicht jenen „Prüfungsstoff für die Jungturnerprüfung“ in Erinnerung rufen, den damals auch Franz Blamoser absolviert hat: „Wie erfüllst du am besten die Pflichten gegen das eigene Volkstum?“ Und Blamoser hat zu antworten gehabt: „Indem du die inneren Feinde erkennst und sie bekämpfst, insbesondere den Marxismus (Sozialismus, Kommunismus), den Geist des entarteten Judentums . . .“

Der großkoalitionäre Konsens nach 1945 hat auch in der Opferfrage zu einer merkwürdigen Übereinkunft geführt, Rot und Schwarz gedachten jeweils ihrer Opfer, sozialdemokratische Widerstandskämpfer auf der einen, Engelbert Dollfuß auf der anderen Seite. Es gibt Opferverbände quer durch alle Ideologien und Parteien, aber die Entschlossenheit sozialistischer Organisationen, deren Opferkult findet man auf Seiten der Konservativen nicht. Wohl auch, weil man Heimwehrmänner, die gegen Arbeiter gekämpft haben, schlechter zu Helden stilisieren kann.

Im Gegensatz dazu hat die Sozialdemokratie auch heute noch kein Problem, „ihre“ Opfer zu ehren – auch wenn viele davon Attentäter waren, die Menschenleben auf dem Gewissen haben. In einem sozialdemokratischen Vereinsblatt las ich vor einigen Jahren das Porträt eines „Widerstandskämpfers“, eines Schutzbündlers, in dem viel von aufrechter Gesinnung und Heldentum geschrieben stand. Der Betreffende war in die Fänge des Ständestaatregimes geraten, nachdem er einen Sprengstoffanschlag verübt hatte. Als ein Gendarmeriebeamter den steckbrieflich gesuchten Mann perlustrieren wollte, zog der einen Revolver und erschoss den Gendarmen. Der Mörder ein Opfer, ein Held?

Franz Blamoser hat keine kriminelle Tat begangen und niemanden umgebracht. Und seiner würde nicht mehr gedacht? Wäre Blamoser damals an einem anderen Ort, in einem anderen Milieu aufgewachsen, er würde heute gewiss als antifaschistischer Kämpfer gefeiert werden, der „Bund sozialdemokratischer Kämpfer“ würde es zu verhindern wissen, dass Blamosers Grab demnächst aufgelöst wird. Vielleicht.

Und dann? Dann ginge wohl ein Totenkult weiter, der genauso peinlich wäre wie aus heutiger Sicht die damaligen Ehrungen: „verblutet für Heimat und Volk . . . ein Beispiel wahrer österreichischer Gesinnung und echter deutscher Treue . . .“ So ähnliche Worte finden sich auch auf den Todesanzeigen von Blamosers im Zweiten Weltkrieg gefallenen Turnbrüdern, die wenige Jahre später auch nur „ihre Pflicht erfüllt haben“. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2008)