Was ich lese: Ferdinand Karlhofer

Professor für Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck

„In unserem Wassertropfen : Ein metallisch blauer Kegel kam mir entgegen ; im Visierei 2 stumpfe Augenkerne.“ Beginnt ein Buch mit einem Satz wie diesem, dann legt man es entweder gleich wieder weg, oder man stellt sich auf eine länge-
re Lektüre ein. Das steinerne Herz von Arno Schmidt ist ein Buch, durch das
ich mich plagen muss – mit steigender Freude.

Schmidts Stil würde ich mit einem im Buch zu findenden Ausdruck als „sinnverwirrende Rede“ fassen. Grammatik und Syntax haben ihre eigenen Regeln. Immer wieder reihen sich sogar Satzzeichen halbzeilenlang aneinander und verbinden sich zu einer Melodie, deren Sinn sich zunächst nicht, schließlich aber doch im weiteren Textzusammenhang erschließt.

Als „Historischer Roman aus dem Jahre 1954 nach Christi“, so der Untertitel, hat das Buch eine (skurrile) Handlung und einen Schauplatz: Ein Sammler pendelt auf der Jagd nach dem Nachlass eines Verfassers statistischer Jahrbücher zwischen den beiden deutschen Staaten. Gleichsam nebenbei kommentiert er die Zustände im Osten – Auflistung des Bücherangebots in einer Auslage: „Marx-band 3, Marxband 3, Marxband 3“. Anders, doch kein Vorbild, der Westen: Adenauer „empfängt seine Direktiven noch stärker vom Vatikanrom als von Washington“. Für hüben wie drüben letztendlich das gleiche Urteil: „Jeder Politiker will königen!“

Mit solcher Nonkonformität nach beiden Seiten war es mitten im Kalten Krieg nicht einfach, einen Verleger zu finden. Die „Süddeutsche“ hat das Buch in ihre Bibliothek der großen Romane aufgenommen und es gerade neu aufgelegt – schön gebunden und mit fünf neunzig zum Preis eines Marxbandes in der DDR. ■