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Heimische Kuchen in fremden Küchen

Zum „Buchmessen-Schwerpunkt“: kleiner Wegweiser durch die türkische Literatur.

Seit Jahren werde ich von Lesern gebeten, ihnen Werke der türkischen Literatur, die sie auf Deutschlesen könnten, sollten, müssten, aufzulisten. Immer mit demselben Effekt:Für eine kurze Liste fällt mir zu viel ein, für eine längere finde ich gerade keine Zeit. Das soll sich hiemit ändern, obwohl mir klar ist, dass ich wieder nur auf eine begrenzte Anzahl Bücher aufmerksam machen kann.

Ich will mich hiebei auf die türkische Literatur beschränken und spare die osmanische aus, schon aus sprachlichen Gründen und weil nur sehr wenig aus den Jahrhunderten der Diwan-Literatur ins Deutsche übersetzt wurde. Einer Literatur, in der arabische und persische Lehnwörter und -konstruktionen die Sprache der Dichtung, aber auch die des Hofes und des öffentlichen Raumes dominierten, und das in einem Ausmaß, dass in manchen Sätzen nur mehr die Kopula türkisch war. Auch war die osmanische Hochkultur eher für die Kunst ihrer Kalligrafen und Bogenschützen bekannt als für die Literatur, die bei den Persern besser aufgehoben schien.

Von den frühen Beispielen türkischer Literatur sind das Nomadenepos „Das Buch des Dede Korkut“, dessen erste Versionen im 14. Jahrhundert auftauchten (2008 beiReclam), zu nennen, ein Epos, das die Heldentaten der nach Westenvordringenden Stämmeder Oghusen und ihreKämpfe mit den ansässigen christlichen Armeniern besang. Sowie die Dichtungen des wandernden Derwischs undMystikers Yunus Emre(Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts. Zafer Senocak, der ihn übersetzt hat (1986 bei Dagyeli), meint, Emres Bestrebung sei wohl gewesen, „den Leib zu beseelen und die Seele zu beleiben“.

Jahre später erinnerte sich Senocak, einer der wichtigsten deutschen Schriftsteller türkischer Herkunft, in seinem Essayband „Das Land hinter den Buchstaben“ (Babel 2007): „Ohne die Arbeit an Emres Werk hätte eine harte Grenze meine Innen- und Außenwelt getrennt, wäre ich zwischen Koran und Sex Pistols ein Opfer unvereinbarer Gegensätze geworden. Das Elternhaus auf der einen, Schule und Freizeit auf der anderen Seite, Herkunft Türkei versus Lebensmittelpunkt Deutschland. Für meine kreative Arbeit, für meine Existenz schlechthin wurde die Durchlässigkeit dieser Grenzziehung zur Voraussetzung. Das Aufeinanderprallen gegensätzlicher Welten braucht eine übersetzende Kraft, deren Zweck nicht in der Nivellierung von Unterschieden, wohl aber im Transfer von unterschiedlichen Deutungen liegt.“

Dieses Aufeinanderprallen gegensätzlicher Welten hat auch innerhalb der türkischen Literatur mehrfach stattgefunden. Da gab es einerseits die mystisch-volksnahe Literatur der Derwische, die in ihrem Sprachgebrauch dem Türkisch sprechenden Volk nahe blieb, ohne sich auf volkstümliche Inhalte zu beschränken; andererseits eine Hochsprache und eine in ihr geschriebene äußerst elaborierte Literatur, die die Kunst der Anspielung immer höher trieb und sich im Bildungsanspruch immer exklusiver präsentierte.

Mindestens ebenso heftig fiel dann dasAufeinanderprallen dieser hochosmanischenLiteratur mit der europäischen Moderne aus, das im ausgehenden 19. Jahrhundert begann und im 20. seinen Höhepunkt erreichte. Wobei dieses Aufeinanderprallen die türkische Literatur bis insMark traf, nämlich bis in die Sprache hinein, diebereits vor der Machtübernahme durch Atatürk 1923, jedoch vonihm verordnungsmäßigforciert, auf radikaleWeise modernisiert wurde, indem man sie in großem Stil türkifizierte. Diese als Revitalisierung geplante Sprachreform führte zu geradezu ekstatischen Bemühungen, mit Hilfe von Bildungssuffixen (das Türkische ist eine agglutinierende Sprache, in der das ganz gut funktioniert) neue Wörter und Begriffe zu kreieren, die dielängst eingebürgerten arabischen und persischen ersetzen sollten. Was in vielen Fällen durchaus gelang. Doch stellte sich oft genug heraus, dass der Bedeutungsradius der neuen, vorsätzlich hergestellten Begriffe zu eindimensional war, um die literarisch, philosophisch und wissenschaftlich aufgeladenen Abstrakta des Arabischen oder die poetischen Phrasierungen des Persischen ersetzen zu können. 1928 wurde dann auch noch von einem Jahr auf das andere die arabische Schrift durch die lateinische ersetzt. Auf diese Weise mit Brachialgewalt in die Moderne geworfen, reagierte die türkische Literatur mit einem Kreativitätsschub, der sich allerdings zeitweise im Generieren neuenSprachmaterials sowie in der zwanghaften Adaptierung der von Europa vorgegebenen Formen erschöpfte.

Die paar wirklich großen Schriftsteller, die diese radikalen Veränderungen auch literarisch überlebten, sahen sich wie Halid Ziya Usakligil (1865 bis 1945) gezwungen, ihre um die Jahrhundertwende geschriebenen Werke, wie etwa „Verbotene Lieben“ (2007 beim Unionsverlag), ins neue Türkisch umzuschreiben. Da nun auch die Schrift eine andere war, wuchs eine Generation heran, die über Nacht von der literarischen Tradition erst einmal abgeschnitten war, so deren Werke nicht sogleich transkribiert wurden. Bei vielen älteren Texten dauerte es jedoch Jahre, bis sie in der neuen Schrift ediert und entsprechend kommentiert (die Sprachreform hatte auch den alten Wortschatz eliminiert) erscheinen konnten, und so darf es nicht wundernehmen, dass erst in den letzten Jahrzehnten des 20. und in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts der längst fällige Backlash erfolgte, der einen Teil des übereifrig entfernten Wortmaterials rehabilitierte und der eigenen Kultur wieder einverleibte. So etwa Elif Safak, deren „Bastard von Istanbul“ 2007 bei Eichborn erschienen ist und die sich dezidiert zur Wiederaufnahme osmanischer Wörter und Wendungenbekennt.

Die mächtigen Ideologien, die Europa im 20. Jahrhundert nicht nur beherrschten, sondern beinah auch zugrunde richteten, machten weder vor den türkischen Grenzen noch vor der türkischen Literatur halt, aber nur jene Autoren, die in ihren Werken darüber hinauswuchsen, werden heute noch gelesen. Unter ihnen am bedeutendsten: Nazim Hikmet (1902 bis 1963), ein großer Lyriker, Dramatiker, Epiker, der mehr als die Hälfte seines Lebens in türkischen Gefängnissen sowieim russischen Exil verbrachte. Inspiriert von den Zeilen-Girlanden Majakowskis, schuf er mit seinem epischen Langgedicht der freien Verse und Rhythmen mit dem Titel „Menschenlandschaften“ (seine Bücher sind bei Dagyeli erschienen) ein Werk, das als das wichtigste der türkischen Literatur des 20. Jahrhunderts gilt. Zu seinen Lebzeiten, aber auch noch bis in die Siebziger- und Achtzigerjahre waren seine Werke in der Türkei zumeist verboten. Lange war Nazim Hikmet neben Yasar Kemal der einzige türkische Autor, der international wahrgenommen wurde. Er war einer, der sich sowohl mit den sozialen Problemen seines Landes als auch mit der Befreiung der Literatur von Versmaß und Reimzwang beschäftigte, einer, der die beiden markantesten Strömungen der türkischen Literatur in seinem Werk vereinen konnte. Er schrieb das erste türkische Gedicht in ungebundener Form und wanderte, obwohl Enkel des Gouverneurs von Aleppo, somit großbürgerlicher Herkunft, mit einem Freund zu Fuß von Istanbul nach Ankara, um das Elend seiner Landsleute mit eigenen Augen zu sehen.

Was für die älteren türkischen Dichter die Veröstlichung, die immer weiter greifende Akkumulation persischer und arabischer Ausdrucksweisen sowie der Formensprache der islamisch inspirierten Literatur war, erfuhr spätestens an der Wende zum 20. Jahrhundert eine Gegenbewegung in Richtung Verwestlichung. Die Konfrontation mit der europäischen Moderne wurde immer intensiver und – vom Habitus her – immer urbaner. Der Begriff des Flaneurs und des sich in seiner Umwelt nicht zurechtfindenden Menschen in einer entfremdeten Gesellschaft wurde zusammen mit neuen Erzählweisen, die die Brüche im städtischen Leben markierten, zum Kennzeichen einer neuen Generation von Schriftstellern. Darunter Yusuf Atilgan (1921 bis 1989) mit dem Roman „Der Müßiggänger“ (2007 beim Unionsverlag), der auf subtile Weise einen immer vergeblich hinter der großen Liebe nicht herrennenden, sondern herflanierenden Menschen zum Thema hat.

Gleichzeitig meldeten sich, von den Istanbuler Intellektuellen als Schriftsteller nicht wirklich ernst genommene Autoren zu Wort, die aus den Dörfern Anatoliens stammten und die erste schreibende Generation einer weitgehend illiteraten Gesellschaft bildeten. Sie kamen meist aus den „Dorf-Instituten“, einem ursprünglich kemalistischen Projekt, das darauf abzielte, junge Anatolier in Kleinstädten zu Lehrern und Beamten auszubilden, damit sie nach Abschluss ihrer Studien in ihre Dörfer zurückkehrten und nicht wie die in Ankara oder Istanbul ausgebildeten in den großen Städten hängen blieben.

Ich war sehr beeindruckt, als ich Anfang der Sechzigerjahre „Unser Dorf“ (erschienen 1950) von Mahmut Makal las. Eine neutürkische, wenn auch nicht extrem neutürkische, klare Sprache und ein schonungsloser Realismus klärten über den ländlichen Alltag auf, mit all seinen Unbilden, Rückständigkeiten und Mangelerscheinungen. Es folgten noch eine Reihe von anderen Büchern zum Thema, aber keines erreichte die Wucht des ersten. Mein Interessewar schon deshalb besonders groß, weil ich1960/61 in Erzurum –einer Provinzhauptstadtweit im Osten – studiertund eine Reihe solcherDörfer kennengelernthatte. – Ein Autor miteinem ähnlichen Hintergrund ist Fakir Baykurt, der seine Nachrichten aus dem Dorf nicht wie Makal in Berichtform, sondern zu Romanen verarbeitete mit Titeln wie „Die Rache der Schlangen“ oder „Die Lebensumstände von Irazca“. Romane, in die poetische Bilder aus der mündlich tradierten Erzählkunst eingearbeitet waren, die staunen machten. Einige dieser Bücher sind wohl auch ins Deutsche übersetzt worden, doch sind sie höchstens noch antiquarisch aufzutreiben.

Die „Dorf-Institute“ sind längst eingestellt, wahrscheinlich hatten die späteren Regierungen – allergisch gegen alles, was tatsächlich von links kam – keine Freude an den kritischen Geistern, die man eine Zeit lang von Staats wegen gerufen hatte, und versuchte zu verhindern, was noch zu verhindern war. Was oder wer allerdings nicht verhindert werden konnte, war Yasar Kemal (geboren 1923), immer wieder für den Nobelpreis im Gespräch, solange sein jüngerer Kollege Orhan Pamuk ihn nicht bekommen hatte. Yasar Kemal war und ist ein Unikat, dessen kraftvolle, poetische Ausdrucksweise, gepaart mit einem Erzähltalent, das den berufsmäßigen Meddahs – den Märchenerzählern – alle Ehre gemacht hätte. Er ist schon mit seinem ersten Roman, „Memed mein Falke“, aus der in der Provinzialität der eigenen Nation gefangenen Lokalliteratur ausgebrochen, und das mit einem Sujet, wie es türkischer nicht hätte sein können, nämlich der Geschichte eines jungen Mannes, der sich den Behörden widersetzt und in die Berge flüchtet, wo er als Robin Hood Südwestanatoliens Heldenstatus erlangt.

Yasar Kemal selbst ist kurdischer Herkunft,auch wenn er diesen Umstand nie polemischfür sich genutzt hat – was ihm von radikalen Kurden den Vorwurf eintrug, ein „assimilierter Romancier“ zu sein. Kemal hat sich selbst in seinen frühen Prosawerken nie dazu verstanden, sein Volk in Türken, Kurden, Lasen, Tscherkessen, Armenier, Griechen, Zigeuner aufzuspalten und gegeneinanderzuhalten. In seinerProsa ist es politischkein Thema, in welcher Sprache einem das Wiegenlied gesungen wurde, denn alle gehören wie selbstverständlich dazu, seien sie Fischer am Marmarameer oder Baumwollpflücker in der südlichen Hochebene. Und sie alle lassen sich als Menschen mit einer Kultur und mit Werten, die sie nicht aufgeben wollen, dem Begriff Anatolier subsumieren.

Auch Yasar Kemal hat Jahre in türkischen Gefängnissen verbracht und dazu – wie zuvor Nazim Hikmet – auf seinen Wanderwegen als Flurwächter, Traktorfahrer und Schreiber Bekanntschaft mit unzähligen Einzelschicksalen gemacht, die dann in seinen Romanen eindrücklich dargestellt werden – in ihrer Abhängigkeit von den Verhältnissen und wie sie dennoch zur „Legende auf allen Lippen“ werden. Kemal hat 1997 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekommen, und sein Werk ist meines Wissens lückenlos beim Unionsverlag erschienen. Kemal hat sich selbst immer wieder als „Volksschriftsteller“ gesehen, ein irreführender Begriff, denn seine Sprache ist zwar inspiriert von den Barden Anatoliens, doch ihre Reichweite und Aussagekraft, ihre Fülle und ihr Zauber haben so gar nichts Volkstümliches an sich. Was sie darüber hinaus auszeichnet: dass sie nicht versöhnlich klingt, aber sich in ihr Möglichkeiten der Versöhnung ankündigen.

Sollte bisher der Eindruck entstanden sein, die türkische Literatur bestehe nur aus Autoren, so ist dieser Eindruck falsch. Es ist nur so, dass die türkischen Autorinnen bisher nicht so nach außen gewirkt haben wie gegenwärtig eine Elif Safak oder eine Asli Erdogan, deren Bücher bereits im „Spectrum“ besprochen wurden. Umso erfreulicher ist es, dass im Herbstprogramm des Unionsverlages ein Buch von Adalet Agaoglu (geboren1929) aufscheint, nämlich einer ihrer bedeutendsten Romane, „Sich hinlegen und sterben“,der das Schicksal einer Intellektuellen zeichnet, die an den Erwartungen zerbricht, die in sie und ihre Generation gesetzt wurden. Ein anderer Roman Agaoglus, „Die zarte Rose meiner Sehnsucht“, wurde bereits 1979 auf Deutsch bei Ararat in Stuttgart verlegt und erzählt von der Rückreise eines türkischen Gastarbeiters in seine Heimat samt Mercedes, den er sich durch harte Arbeit verdient hat und den er dabei zu Schrott fährt. Was noch tragischer ist: Er findet sein Dorf nicht mehr, das einer hemmungslosen Bautätigkeit zugunsten des Tourismus zum Opfer gefallen ist.Adalet Agaoglu gilt als innovativ in ihrer Erzählweise, versiert in den Techniken des modernen Romans und ausgestattet mit einem scharfen Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung der Mittelschicht. Einer ihrer Romane spielt sogar in Wien, wo sie sich öfter aufgehalten hat.

Mit Orhan Pamuk (Jahrgang 1952), der 2006 den Nobelpreis bekommen hat, ist der türkischen Literatur nach Nazim Hikmet und Yasar Kemal ein weiterer Autor von internationaler Bedeutung zugewachsen, über den in den vergangenen Jahren so viel geschrieben wurde, dass es noch in den Ohren klingt. Er, der seine Stadt Istanbul nie verlassen wollte, lebt nun zum Teil in den USA, da man ihm das Leben in der Türkei nach ei- nem Interview zum Mord an den Armeniern und dem Krieg gegen die Kurden nicht gerade leicht gemacht hat.

In dem Aufsatz „Problemlos über meine Probleme“ aus dem Band „Der Blick aus meinem Fenster“ (bei Hanser, wie auch alle anderen Bücher Pamuks) schreibt er: „Manchmal kommt mir der Gedanke, dass ich in jedem meiner Bücher auf den politischen Druck reagiert habe, dem man hier ausgesetzt ist. Eigentlich wollte ich immer nur das häusliche Leben schildern, die Zimmer, die Flure, die Onkel und Tanten, die einfachen Dinge des Alltags und das, was ich auf der Straße sah, doch am Ende musste ich jedes Mal feststellen, dass ich wohl ganz andere Dinge erzählt hatte...“Und mit diesen „ganzanderen Dingen“, über die er etwa in dem Roman „Schnee“, der imOsten Anatoliens spielt, erzählt, hat er sichnicht nur den Nobelpreis erschrieben, sondern begriffen, was erin dem Aufsatz „Heimische Kuchen in fremden Küchen“ so formuliert: „Dass aber mein Land das eigentliche Thema war, während ich so tat, als sei es die Literatur, begriff ich erst später. Die Literatur, die Bücher waren nur ein Weg, um über das Ungewisse der Identität, die wahre Quelle der Bitternis zu reden oder zu schweigen.“ Pamuk hat geredet und redet weiter, zum Glück für die Literatur und für sein Land.

Man kann davon ausgehen, dass es in der Türkei, die in den vergangenen Jahren zwei Friedenspreis- und einen Nobelpreisträger gestellt hat, auch eine gut bestückte Literaturszene gibt, die so gut wie alle Spielweisen des Erzählens abdeckt. Auch das Skurrile, auf den ersten Blick Abwegige, das sich manchmal als Wahrheit im Transvestitenkostüm erweist, mit starker Tendenz zum Historischen, gebrochen durch Sprachzauber und Beschreibungsmagie, wie bei Ihsan Oktay Anar (geboren 1960), dessen Roman„Der Atlas unsichtbarer Kontinente“ 2004 bei Amman erschienen ist. Das Istanbul des 17. Jahrhunderts, das er zum Schauplatz gewählt hat, birgt schräge Abenteurer und geschlechtsverwandelte Großefendis, Bettlerhierarchien und Kinderbanden, Leichenfledderer und geheime Münzenjäger, es wird von Traumreisenden durchschifft, die das Fantasiereich im Schlaf kartografieren, mit einem Wort: ein märchenhaftes Lesevergnügen. Was auch auf die Bücher von Murathan Mungan (geboren 1955) zutrifft, in denen das alte Märchenmaterial zu neuen Prosaüberraschungen umgestaltet wird, so im „Palast des Ostens“ (Unionsverlag 2006).

2007 sind, wieder im Unionsverlag, zwei Bücher erschienen, die für die Entwicklung des türkischen Romans hin zur elaborierten, kunstvollen, mit allen Wassern der modernen Prosa gewaschenen Erzählkunst stehen. Da ist einmal „Die Stadt mit der roten Pelerine“ von Asli Erdogan, ein Roman, der das extreme Fremdsein in der Welt zum Ausdruck bringt, in diesem Fall anhand des Verkommens einer jungen türkischen Physikerin in den Favelas von Rio, ein Verkommen, das in der Psyche beginnt und mit dem physischen Tod endet, geschrieben in einer nach Atem ringenden Manier, die neu in der türkischen Literatur ist. Und da ist Hasan Ali Toptas' Roman „Die Schattenlosen“, eine Geschichte des Verschwindens in den Überlagerungen von Zeit und Raum. Das Besondere daran ist, dass es sich dabei um einen Anatolien-Roman handelt, in dem die Ratlosigkeit der Menschen sich nicht nur in den Brüchen ihrer Identität widerspiegelt, sondern auch in einer Sprache, deren Bilder sich verselbstständigen und den Leser mit sich nehmen bis an die Grenzen des Sagbaren.

Leider kann ich nur mehr in einem Satz auf die Kriminalromane von Esmahan Aykol (bei Diogenes) und Ahmet Ümit (beim Unionsverlag) verweisen. Es handelt sich dabeium Soziografien bester Machart, die allesamt in Istanbul spielen und, abgesehen von der Spannung, die sie erzeugen, auch gute Stadtführer abgeben.

Gewiss sind da noch einige türkische Autoren, die ich jetzt noch gerne erwähnt hätte. Ich bitte die „Spectrum“-Leser diesbezüglich um ein wenig Geduld, die türkische Literatur hat ohnehin einen langen Atem. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2008)