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Der Müll und die Sonne

Außen: Drive und Dynamik in Orange. Innen: wohltuend schlichte Noblesse – und reine, pure Technik. Die neue Müll-verbrennungsanlage in Wien-Simmering.

Es wollen einem keine überzeugenden Metaphern einfallen, wenn man die neue – dritte – Wiener Müllverbrennungsanlage in der Pfaffenau betrachtet. Nicht einmal das Bild eines riesigen gestrandeten Roboterwals, den seine Konstrukteure allen widrigen Umständen zum Trotz in fröhliches Orange getaucht haben, trifft wirklich zu. Denn dieseGroßform lastet zwar mächtig auf dem Boden und krallt sich mit zwei weit (80 Meter) ausgreifenden Fühlern im Gelände fest. Aber sie hat auch eine unleugbare Dynamik.

Das Objekt ist das Ergebnis eines EU-weit ausgeschriebenen Wettbewerbs von 2003. Aus den 33 Beiträgen ging damals das Projekt der Architekten Veselinovic und Resetarits, in der zweiten Stufe in Zusammenarbeit mit dem renommierten Statikerbüro Gmeiner-Haferl, als Sieger hervor. Die Jury hat sich damit eindeutig gegen die alternative Lösung einer Zergliederung der Anlage in einzelne, deutlich ablesbare, funktionell definierte Baukörper entschieden. Der Vorzug wurde einer visuell beruhigten Großform gegeben.

Und das war eine durchaus weise Entscheidung. Denn wir befinden uns an einem der peripheren „Unorte“ von Wien, am Rand von Simmering. Zwar ist der Donaukanal in Sichtweite und die angrenzende, wunderbare Au. Aber stadtseitig besteht die unmittelbare Umgebung aus einem ziemlich unwirtlichen Konglomerat aus Industrieanlagen sowie der großen Kläranlage Wiens und einer gewaltigen Verbrennungsanlage für Sondermüll, gleich gegenüber. Und diese Einrichtungen, die alle beeindruckend groß sind, geben natürlich einen bestimmten Maßstab vor. Dem entspricht die durchaus gegliederte, aber doch auch vereinheitlichte Großform mit Sicherheit am besten.

Ein paar statistische Angaben, um der Vorstellung auf die Sprünge zu helfen: Die Anlage hat eine Länge von 285 Metern, eine Breite von 100 Metern und eine maximale Höhe von 52 Metern – damit fällt sie schon unter die Wiener Definition von Hochhaus. Sie besteht aus zwei unterschiedlichen Einrichtungen – der Restmüllverwertung zu Fernwärme und Strom und einer Biogasanlage, in der organische Abfälle verwertet werden.

Klar ist, dass der Architektur bei einer solchen Einrichtung nur eine nachrangige Rolle zukommt. Das Sagen haben die Anlagenbauer, die von vornherein festlegen, in welcher Dimension und Abfolge die unterschiedlichen Funktionen organisiert sein müssen. Daran ist einfach nicht zu rütteln. Veselinovic und Resetarits hatten aber trotzdem Möglichkeiten, eigene Vorstellungen zu entwickeln und zu realisieren. Und die gehen über die – allerdings wirklich signifikante – orangefarbene Streckmetall-Gitterhaut, mit der weite Teile dieses Anlagenbaus überzogen sind, entschieden hinaus. Vergessen wir nicht: Trotz aller Industrialisierung arbeiten hier immer noch Menschen – und die brauchen Räume, nicht nur Anlagentechnologie. Außerdem ist überraschenderweise auch die Frage der Besucher ein eigener – architektonischer – Punkt. Schulklassen kommen sowieso. Sie können hier sehr anschaulich erleben, was Großstadtmüll eigentlich bedeutet und auf welchem Stand wir bei seiner Verwertung sind. Es kommen aber auch andere Gäste, sogar ausländische Delegationen, die womöglich selbst eine solche Anlage planen.

Da war dann nicht nur die großzügige Geste der Ummantelung, da war schon architektonische Feinarbeit vonnöten: eine angemessene Empfangsgeste für die Besucher von außen, ein „interessanter“ Weg hinüber ins Betriebszentrum. Es ging um räumliche Qualitäten, um Transparenz, Atmosphäre. Das ist hervorragend gelungen. In diesem Gebäudeteil herrscht sowohl räumlich als auch in der Materialqualität eine wohltuend schlichte Noblesse. Drinnen.

Nach außen ist dieses personenbezogene Szenario schon recht sichtbar in Szene gesetzt: etwa durch stromlinienförmige Fensterbänder, denen ein spezifischer Drive nicht abzusprechen ist. Auch durch die – ebenfalls orangefarben getönte – Glasfassade im straßenseitigen Besucher- und Personalbereich. Übrigens wird drinnen dadurch ein ausgesprochen freundlicher Effekt erzielt – irgendwie scheint hier ständig die Sonne aufzugehen. Trotzdem gibt es klare Sichtschneisen nach draußen. Wer ständig hier arbeitet, den würde es vermutlich arg nerven, wenn er seine Umgebung nur mehr orange wahrnehmen könnte.

Wie gesagt, die Anlage ist mit einer orangefarbenen Streckmetall-Haut überzogen. Stadtseitig ganz konsequent, Richtung Au etwas modifizierter – und teilweise begrünt. Das war vermutlich die Königsidee, auch im Wettbewerb, mit der Corporate-Identity-Farbe der Wiener Müllbetriebe zu arbeiten. In Paris ist die CI-Farbe der Müllentsorgung grün. Dort hat jeder (grün gekleidete) Straßenkehrer sogar ein Beserl, bei dem selbst die Borsten grün eingefärbt sind.

Wenn es nicht so banal wäre, dann müsste man – in Bezug auf die architektonischen Qualitäten – die neue Müllverbrennung von Veselinovic und Resetarits als das ultimative Gegenstatement zum Hundertwasser-Fernheizwerk betrachten. Hier ein verkitschter Neobarock, dort ein ernsthafter, ein seriöser und vor allem zeitgemäßer Ansatz.

Wenige, industrielle Materialien, alles andere wäre völlig fehl am Platz: Streckmetall, Glas, Alucobond-Paneele, Eternit. Bemerkenswert ist die Rautengröße des Streckmetalls – 24 Zentimeter. Das ist völlig unüblich und musste erst auf seine Eigenschaften – etwa die Steifigkeit – getestet werden. Und das Merkwürdige daran: Man nimmt diese Rautengröße überhaupt nicht wahr. Durch die Größe der Flächen verkleinert sich das Rautenmuster optisch von selbst. Wäre es noch kleiner, wäre es mit Sicherheit zu dicht.

Auf mich üben technische Anlagen in einergewissen Größenordnung immer eine starkeFaszination aus. Denn sie haben ihre eigenen Ordnungsprinzipien, ihre eigene Ästhetik. Beim Rundgang trifft man auf Standorte, da blickt man einfach 40 oder mehr Meter in die Tiefe und sieht Etage für Etage reine, pure Technik. Das ist sehr beeindruckend.

Aber das allerstärkste Bild vermittelt der Müllbunker, die erste Station im komplexen Procedere der Verarbeitung unseres Abfalls. Er ist so groß wie das Hauptschiff des Stephansdoms. Hier kippen die Müllfahrzeuge Tag für Tag durch zwölf Schleusen unseren Restmüll hinein. Der wird dann über zwei Kranbahnen sorgfältig, geradezu liebevoll durchmischt, bevor er zur nächsten Station weitertransportiert wird. Ein unvergesslicher Eindruck, diese tägliche Müllmenge zu sehen. Ein Tatort. Und die ideale Filmkulisse für einen solchen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2008)