Was ein Fluch ist

Wann beginnt jemand, eine Situation als Rätsel wahrzuneh- men, das es zu lösen gilt? Gibt „Maries Akte“ Aufschluss? Kerstin Schneider macht sich auf die Suche nach einem Frauenleben – und deckt dabei einen Skandal auf.

Der Auftakt erinnert an Daphne du Maurier: „Ich weiß jetzt, was ein Fluch ist.“ Die abschließenden Sätze des kleinen Prologs könnten einer Gothic Novel entstammen: „Ich weiß jetzt, wie gefährlich es sein kann, die Vergangenheit aufzuwühlen. Es ist ein Irrtum, dass Tote tot sind.“ Aber Kerstin Schneiders Buch ist kein Roman, und romantisch ist es schon gar nicht. Auch wenn vermeintlich Übersinnliches in dieser schauerlichen Geschichte eine große Rolle spielt. Von Seite zu Seite jedoch entwickelt sich der raunende Duktus des Anfangs zu einem feinsinnigen Ton des Erzählens, Beginn einer Reise, deren Ergebnis ungewiss ist. Geografisch nach Osten, zeitlich in die Vergangenheit.

Kerstin Schneider, im Brotberuf Journalistin, erzählt von einer Suche. Das ist keine Fiktion, obwohl der Leser sich mit der Autorin durchaus einig sein kann: „Die Wirklichkeit gehorcht einer seltsamen Dramaturgie, die kein Regisseur besser hätte erfinden können.“ Diese Feststellung sitzt in der Mitte des Buches, und bis es dazu kommt, hat die Autorin schon eine ganze Menge Unerhörtes erfahren. Auf den ersten Seiten liest man von einer Frau, die in einem Archiv sitzend in einer Akte versinkt. „Maries Akte.“ Marie ist die Großtante der faszinierten Rechercheurin gewesen, eine Großtante, die in der Familie nur sporadisch und in unangenehmen Zusammenhängen erwähnt wurde. „Seit Monaten aß ich so gut wie nichts mehr. Im Spiegel blickte mich ein trauriges Totenkopfäffchen mit großen Augen und eingefallenen Wangen an. ,Du bist nicht ganz richtig.‘ Die Worte meines Vaters perlten von mir ab wie das Wasser vom Gefieder eines Vogels, ,Ich hatte eine Tante‘, sagte er. ,Marie. Die war in der Irrenanstalt.‘ Er zerknüllte seine Serviette zwischen den Fingern, warf sie auf den Tisch. Dann sagte er: ,Da endest du auch mal.‘“

Der Leser erfährt nicht, ob diese Szene das Initial der Frage ist: Wer war Marie? Aber die stille Dramatik, mit der das abendliche Speiseritual aufgeladen ist, prägt sich durch Kerstin Schneiders ebenso zurückgenommene wie genaue Beschreibung dem Leser ein. Ein stummer Entschluss scheint sich hier anzubahnen, ein ebenso vager wie trotziger Plan, sich mit dem, was in der Familie serviert wird, nicht zufriedenzugeben. „An jenem Abend gab es Schweinebraten mit Kartoffelpüree, dazu dickflüssige braune Soße. Mein Vater aß den weißen Fettrand vom Fleisch, sein Kinn glänzte vom Fett.“ So vermeintlich emotionslos die Darstellung, so deutlich der Ekel, begleitet von einer Ahnung um ein vergangenes Geschehen.

Später bemerkt die Autorin lakonisch, dass sie genauso übergangslos, wie sie das Essen eingestellt hat, wieder zum Essen zurückgekehrt sei. Und doch wird man die Vermutung nicht los, es könnte da eine Verbindung geben zwischen der starrsinnigen Essensverweigerung, dem Appetit des Vaters und der in die Vergessenheit geschwiegenen Geschichte der geheimnisvollen Marie. Man fragt sich, was die Nahrungsverweigerung ausgelöst hat und was – Jahre später – die Suche nach den wirklichen Zusammenhängen. Vielleicht der verächtliche Vergleich des Vaters mit einer Großtante, die als irre galt? Warum überhaupt macht sich jemand zu einer Suche auf? Was denkt sie zu finden? Und wofür steht, was jemand sucht? Wann beginnt jemand, eine unklare Situation als unbedingt zu lösendes Rätsel wahrzunehmen? Von diesen Fragen handelt Kerstin Schneiders höchst sensibles Buch.

In der Akte, auf die Schneider im Staatsarchiv Leipzig stößt, findet sie die ersten konkreten Anhaltspunkte eines zunächst noch fremden Lebens. Marie wurde um 1900 in eine kinderreiche, wohlhabende Familie geboren. Ihr Anfang war ein wenig bang. Doch entwickelte sich das Mädchen trotz familiärer Katastrophen zunächst hoffnungsvoll und eigenständig, um dann nach der Zäsur einer großen Liebesenttäuschung in der Maschinerie eines entsetzlichen politischen Systems zerrieben zu werden.

Marie S. fällt nach ihrer tiefen Verzweiflung in eine Schizophrenie, die unter den Nazis ihr Todesurteil bedeutet. Sie wird wegen eines Tobsuchtsanfalls interniert, von Klinik zu Klinik geschickt, bis sie schließlich einem dubiosen „Arzt“ in die Hände fällt: Robert Herzer, ein Mann, der sich Position, Rang und Titel erschlichen hat und ohne Approbation praktiziert. Ganz nebenbei deckt Kerstin Schneider hier einen Skandal auf, der bis weit in unsere Zeit reicht.

Der Mediziner von Nazis Gnaden nämlich kam nicht nur ungeschoren davon. Herzer, der durch seine Experimente viele Menschen gequält und getötet hatte, war zwar nach dem Krieg inhaftiert, wurde aber 1955 vom Präsidium des Ministerrates der DDR vorzeitig aus der Haft entlassen. Im Anschluss an seine Begnadigung ging der Massenmörder in die Bundesrepublik und machte dort als „Arzt“ eine steile Karriere. In einer Todesanzeige trauert der TÜV Baden 1969 um den Leiter aller medizinisch-psychologischen Institute für Verkehr und Industrie. Aber das ist immer noch nur ein Teil der Geschichte, die Kerstin Schneider uns erzählt.

In die Beschreibung des Lebensverlaufs von Marie tropft unmerklich nach und nach ein zweites Leben. Während die Autorin die Fragmente wie ein Puzzle aneinanderlegt, entdeckt sie in dem entstehenden Bild zu ihrer großen Verblüffung ein zweites verborgen, mit dem sie nie gerechnet hat. Gar nicht rechnen konnte, weil darüber niemand je gesprochen und es mit der Familie in Zusammenhang gebracht hat. Hat der Vater Maries Wahnsinn immerhin einmal erwähnt, so ist Maria Magdalena Kade als Ahnin der Familie niemals aufgetaucht.

Diese Frau wurde (und wird) als böhmische Bernadette verehrt. 1835 in Philippsdorf geboren, wurde sie berühmt und verehrt, da sie angab, eine Marienerscheinung gehabt zu haben. Das Ereignis, das sich acht Jahre nach der Vision der Bernadette von Lourdes abgespielt hat, trägt dem französischen Vorbild verblüffend ähnelnde Züge. Auch Maria Magdalena Kades Marienerscheinung wurde – vor allem von ihrem Arzt – angezweifelt. Der hielt sie schlicht für eine Simulantin. Bestätigung und Unterstützung aber erhielt Maria – wie ihre französische Seelenverwandte – vom Pfarrer des Dorfes. Wie in Lourdes steht heute am Ort der angeblichen Erleuchtung eine Basilika, zu der die katholischen Gläubigen strömen, in der Hoffnung auf Heilung. Was die Autorin zutage fördert, ist gespenstisch.

Kerstin Schneider legt das unter Schichten von Glauben, Aberglauben und Ritual verborgene Bild einer Frau frei, deren Imagination zwischen Irrsinn, Halluzinationen und Hysterie zu oszillieren schien, eine Frau, die sich – wie viele fantasiebegabte Frauen des 19. Jahrhunderts – einen Freiraum zu schaffen verstand, indem sie ein unerhörtes Geschehen erfand und ihr Leben ganz auf diese Fiktion ausrichtete. Die Nachfahrin fügt die beiden Frauenleben zusammen. „Maries Geschichte birgt den Schlüssel zu Magdalenas Geheimnis. Maries Mutter Anna muss es geahnt haben. Deshalb sprach sie nie über Magdalena und sorgte dafür, dass sie in unserer Familie in Vergessenheit geriet.“

Es ist ein reiches, vielschichtiges Buch, das Kerstin Schneider da gelungen ist, eine Rekonstruktion weiblichen Empfindens durch die plastische Anordnung alltäglichen Geschehens. Das Berührende wie Beunruhigende an diesem Zeittableaux ist, dass es sich um private Frauenschicksale handelt, die Ergebnis eines öffentlichen Echos sind. Schließlich räumt man der Autorin den am Anfang irritiert zur Kenntnis genommenen Schauer ein: Das alltägliche Leben nämlich ist durchzogen von jenen Einschlüssen, die weder berechenbar noch vernünftig sind, nur dass die Imaginationskraft und die zu pathologischen Extremen auswachsende Fantasiebegabungen dieser Frauen nicht weiterführten. Sie sind – einschließlich der Reaktion der Außenwelt – einfach nur schauerlich. Nein, das ist kein Roman. Das ist die Wirklichkeit, in der es leider nicht mit rechten Dingen zugegangen ist.

Nicht zuletzt erzählt Schneiders Buch also von Lesarten der Wirklichkeit. Sie stellt dem Leser vor Augen, dass das, was wirklich ist, das ist, was man für wirklich hält oder halten will, unabhängig davon, ob man fantasiebegabt, wahnsinnig oder einfach nur durchschnittlich sensibel ist. Das geschieht ohne Fingerzeig, unspektakulär, fast nebenbei, beharrlich aber und mitunter in einem Tonfall trauernder Zärtlichkeit. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2009)