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Eine Klasse für sich

Wien-Döbling vor 90 Jahren: Dass an einem Gymnasium zwei spätere Nobelpreisträger in ein und derselben Klasse die Schulbank drücken, ist in der Wissenschaftsgeschichte einmalig. Eine Erinnerung an Wolfgang Pauli und Richard Kuhn.

Anfang Juli 1918, als sich das Ende des schrecklichen, sinnlosen Ersten Weltkrieges abzuzeichnen begann, fand wie jedes Jahr am Döblinger Gymnasium (Gymnasiumstraße 83), das damals noch ein k.k. Staatsgymnasium war, die Reifeprüfung statt. Das Prüfungskollegium bestand vorwiegend aus alten und älteren Herren, die jüngeren Pädagogen waren längst zum Dienst am Vaterland verpflichtet worden. Unter den zwölf Kandidaten befand sich der spätere Nobelpreisträger für Physik Wolfgang Pauli. Etliche Schüler hatten bereits die Kriegsmatura abgelegt. Zu ihnen gehörte der spätere Nobelpreisträger für Chemie Richard Kuhn. Dass an einem Humanistischen Gymnasium in ein und derselben Klasse zwei künftige Nobelpreisträger Seite an Seite die Schulbank drückten, ist in der Wissenschaftsgeschichte einmalig. Es ist leider nicht oft genug gewürdigt worden.

Rückblickend wurde der Maturajahrgang 1918 am Döblinger Gymnasium als „Klasse der Genies“ etikettiert. Das ist zweifellos keine Übertreibung Denn auch etliche andere Schüler, die natürlich immer im Schatten ihrer weltberühmten Klassenkollegen standen, brachten es zu hohem gesellschaftlichen Ansehen. Erich Hula etwa war Assistent des Rechtsgelehrten und Schöpfers der österreichischen Verfassung Hans Kelsen. Er begleitete ihn in die amerikanische Emigration und lehrte jahrzehntelang Staatswissenschaften an der New York University. Max Heyse, ein Verwandter des Schriftstellers Paul Heyse, eines Meisters der Novelle (Nobelpreis 1910), war in führender Position im Hoechst-Konzern tätig. Karl Mark verschrieb sich der Politik. Der Sozialdemokrat war Abgeordneter zum Nationalrat, wurde 1945 vom sowjetischen Ortskommandanten zum „Bürgermeister von Döbling“ ernannt und vertrat Österreich im Europarat. Erich, der Sohn des berühmten Burgtheatermimen Otto Tressler, war Ministerialrat im Unterrichtsministerium. Herbert Winkler spielte eine bedeutende Rolle im japanischen Musikleben. Die Grundlage für ihre beachtlichen beruflichen Erfolge war eine solide humanistische (Aus-)Bildung.

Dieser Meinung war übrigens auch Wolfgang Pauli. Obwohl er in den alten Sprachen keineswegs brillierte, war er doch froh, wie er kurz vor seinem Tod einem seiner Lehrer schrieb, das Humanistische Gymnasium besucht zu haben. Wolfgang Pauli, dessen Todestag sich am 15. Dezember zum fünfzigsten Mal jährt, war ein mathematisches Genie. Das wussten nicht nur seine Mitschüler, die er bei Schularbeiten reichlich mit Schwindelzetteln versorgte, das erkannte vor allem sein Mathematik- und Physikprofessor, Rudolf Kottenbach. Kottenbach, der in der „Klasse der Genies“ ab der Tertia den Mathematikunterricht führte, war nicht nur ein brillanter Vertreter seines Fachs, sondern auch ein hervorragender Pädagoge. Das beweist eine Episode, die zwei von Paulis Mitschülern unabhängig voneinander in der Jubiläumsschrift zum 100-jährigen Bestehen der Schule schildern: Als Kottenbach einmal an der Tafel ein schwieriges Exempel zu lösen versuchte und damit nicht zu Rande kam, drehte er sich plötzlich um und sagte: „Pauli, Sie wissen doch genau, wo mein Fehler steckt, warum haben Sie mich nicht aufmerksam gemacht?“

Wolfgang Pauli entstammte einem großbürgerlichen Elternhaus. Der Vater, der Bertina Schütz, die Tochter eines Redakteurs der „Neuen Freien Presse“, heiratete, war praktischerArzt. Er trat vor der Eheschließung vom israelitischen zum römisch-katholischen Glauben über. Wolfgang und seine um sechs Jahre jüngere Schwester, Hertha, eine erfolgreiche Schriftstellerin, wurden katholisch erzogen. Die Mutter, die als verheiratete Frau die Matura am Mädchenlyzeum von Eugenie Schwarzwald ablegte, war eine überzeugte Pazifistin und Kritikerin des Kaiserhofes. Großmutter Schütz, von Beruf Opernsängerin, betätigte sich als kulturelle Muse ihres Enkels. Der stärkste Einfluss auf seine wissenschaftliche Entfaltung ging vom Vater aus, der sich neben seinem Arztberuf intensiv mit Fragen der Bio- und der Kolloidchemie beschäftigte. Er ließ seinen Sohn schon in dessen Gymnasialzeit von Hochschuldozenten Privatunterricht in Mathematik und Physik erteilen und empfahl seinem hochbegabten Sohn die Lektüre des berühmten Werkes „Die Mechanik in ihrer Entwicklung“ von Ernst Mach, mit dem er einen regen Gedankenaustausch und Briefwechsel pflegte. Der Physiker und Philosoph hat Paulis wissenschaftliche und weltanschauliche Überzeugungen denn auch wesentlich beeinflusst. Pauli fasste Machs geistige Patenschaft, die sich in der positivistischen Überzeugung manifestierte, eine Theorie müsse sich stets auf Experimente stützen, in dem Satz zusammen: „Er war wohl eine stärkere Persönlichkeit als der katholische Geistliche, und das Resultat scheint zu sein, dass ich auf diese Weise antimetaphysisch statt katholisch getauft bin.“

Nach der Matura, die er mit Auszeichnung bestand, reichte Pauli bei der Universitätsbehörde in München eine Untersuchung zur allgemeinen Relativitätstheorie für die Veröffentlichung ein, bei der ihm wahrscheinlich Fachleuteberatend zur Seite standen. Die Studie fand jedenfalls große Beachtung.

Die Physik ließ ihn nunnicht mehr los. Pauli studierte in München beim bekannten Quantentheoretiker Arnold Sommerfeld, der den Zwanzigjährigen den Auftrag erteilte, für die „Enzyklopädie der mathematischen Wissenschaften“ den Artikel überdas Thema Relativitätstheorie zu verfassen. Pauli entledigte sich der Aufgabe mit solcher Brillanz, dass die Arbeit noch heute als grundlegender Beitrag zur theoretischen Physik gilt. Angesichts dieser Leistung wurdePauli bereits im Alter von 21 Jahren zum Doktor der Philosophie promoviert. Nach dem glänzenden Studienabschluss in München war er kurzzeitig bei Max Born in Göttingen tätig und ging dann nach Kopenhagen zu Niels Bohr. Der dänische Atomphysiker, der 1922 für sein Atommodell mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, hat Paulis gesamtes Denken entscheidend beeinflusst. Die beiden einander wesensverwandten Gelehrten verband eine lebenslange Freundschaft, die sich in einer umfangreichen Korrespondenz niederschlug.

Von Kopenhagen wechselte der junge Physiker 1923 als Privatdozent an die Universität Hamburg. Dort formulierte er das nach ihm benannte „Ausschließungsprinzip“, demgemäß in einem Atom niemals zwei Elektronen in allen vier Quantenzahlen übereinstimmen können. Mit dieser Erkenntnis, die ihm 1945 den Nobelpreis eintrug, wurde endlich der Aufbau des Periodensystems der Elemente erklärbar.

Der Physiker aus Wien hatte mit 25 in Fachkreisen bereits ein so hohes Ansehen, dass ihm die Universität Leipzig eine Professur anbot, die er jedoch ablehnte. Drei Jahre später folgte er einem Ruf der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH). Der frisch gebackene Professor für theoretische Physik schlug seinen Wohnsitz in Zürich auf und setzte seine quantenphysikalischen Forschungen fort. 1929/30 schlitterte er nach dem Scheitern seiner Ehe, die nicht einmal ein Jahr lang hielt, in eine veritable seelische Krise. Pauli trat aus der katholischen Kirche aus und unterzog sich beim Schweizer Psychologen C.G. Jung einer psychotherapeutischen Behandlung.

1934 heiratete der unsportliche, naturferne Genussmensch Franziska Bertram, die ihm im Haus in Zollikon mit Blick auf den Züricher See eine verständnisvolle Gattin war. Die Ehe blieb kinderlos.

Beruflich entwickelte der Physikprofessor, der im Umgang mit seinen Mitarbeitern ehrliche Kritik nicht scheute, die allerdings nicht selten bis zum Sarkasmus reichen konnte, die Quantenphysik weiter, wobei seiner Zusammenarbeit mit Werner Heisenberg eine besondere Bedeutung zukam. Von dessen Quantenfeldtheorie wandte er sich aber letzten Endes ab.

Um den radioaktiven Beta-Zerfall zu erklären, postulierte Pauli 1931 die Existenz eines elektrisch neutralen, (fast) masselosen,mit anderer Materie nur schwach in Wechselwirkung stehenden Elementarteilchens, das er „Neutrino“ nannte. Es wurde viele Jahre später experimentell nachgewiesen.

Von 1940 bis 1946 lehrte und forschte Pauli in den USA, unter anderem in Princeton, wo er an der Seite Albert Einsteins, der in ihm seinen geistigen Nachfolger sah, arbeitete. Einstein war es dann auch, der ihn für den Nobelpreis nominierte. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz setzte er sein Forscherleben fort. Wolfgang Pauli starb nach einer Operation in der Züricher Rotkreuz-Klinik an Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Richard Kuhn war der Zweite des Maturajahrgangs 1918 am Döblinger Gymnasium, der mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Wie Pauli stammte er aus einer großbürgerlichen Familie. Der Vater war Chef des hydrotechnischen Instituts im k.k. Handelsministerium, die Mutter Volksschullehrerin. Kuhn war vielseitig begabt und im Gegensatz zu Pauli ein ausgezeichneter Sportler. Er war ein guter Eiskunstläufer und Tennisspieler und ein talentierter Geiger. Seine mathematische Begabung und sein Interesse für Chemie wurden vom Vater nachdrücklich gefördert. Kuhn studierte nach der Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg Chemie in Wien und in München, wo ihn der weltberühmte Richard Willstätter, der seine geniale Begabung sofort erkannte, unter seine Fittiche nahm. Willstätter bildete ihn zum Forscher und Lehrer aus und lenkte sein Interesse mit einem Dissertationsthema auf die Enzymchemie, mit der sich Kuhn dann ein Leben lang beschäftigen sollte. Kuhns steile wissenschaftliche Karriere wäre heute wohl nicht mehr nachvollziehbar. Er promovierte im Alter von 22 Jahren summa cum laude, habilitierte sich zwei Jahre später und wurde mit 26 zum Ordinarius für allgemeine und analytische Chemie an der ETH Zürich ernannt. Ab 1928 wirkte er als Universitätsprofessor in Heidelberg, 1929 übernahm er die Direktion des heutigen Max-Planck-Instituts für medizinische Forschung, dem er bis zu seinem Lebensende die Treue hielt. Richard Kuhn starb am 31. Juli 1967 an Speiseröhrenkrebs.

Der Wegbereiter der modernen Biochemie und der medizinischen Grundlagenforschung hinterließ ein riesiges wissenschaftliches Werk, das rund 700 Publikationen umfasst. Für seine Forschungen über Vitamine (er beschäftigte sich vor allem mit der B-Gruppe und isolierte B2 und B6) und Carotinoide erhielt er 1938 den Nobelpreis, den er aber im NS-Staat nicht in Empfang nehmen durfte. Während des Zweiten Weltkrieges stellte der introvertierte Forscher seine Arbeitskraft und die seiner Mitarbeiter in den Dienst der NS-Kriegswirtschaft, was ihm später den Vorwurf der Komplizenschaft mit dem Regime eintrug. Kuhn konnte aber nachweisen, dass er nie Mitglied der NSDAP oder einer ihrer Nebenorganisationen war und wurde rehabilitiert. Der Nobelpreisträger verbrachte einige Jahren in den USA und kehrte dann an seine alte Wirkungsstätte in Heidelberg zurück.

Die Schulgemeinde des Döblinger Gymnasiums für ihre Nobelpreisträger an der Fassade des Gebäudes eine Gedenktafel angebracht. Scholae honos exemplum discipulis ist darauf zu lesen: Wolfgang Pauli und Richard Kuhn haben der Schule Ehre eingetragen. Mögen sie den Schülern ein immerwährendes Beispiel und Vorbild sein. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2009)