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Die Hoffnung der Kinder der Revolution

Gedanken einer 24-jährigen iranisch-amerikanischen Politologin zum 30.Jahrestag der Islamischen Revolution.

Ich bin Iranerin. Aber ich habe weder die iranische Revolution noch den Iran-Irak-Krieg noch die Präsidentschaften von Rafsandjani, Khatami oder Ahmadinejad miterlebt. Ich habe noch nie im Iran gelebt. Meine Familie hat vor 30 Jahren Teheran mit nur zwei Koffern verlassen, sie glaubten, sie würden bald zurückkehren. Sie wollten den Tumulten der Revolutionszeit entfliehen und hatten ihre Rückkehr für den Zeitpunkt, an dem Ruhe und Ordnung wiederhergestellt sein würde, geplant. Sie sind bis heute nicht dorthin zurückgekehrt.

Ich bin auch Amerikanerin. Mein Vater ist Amerikaner. Ich bin in den Vereinigten Staaten geboren, aufgewachsen, zur Uni gegangen – die USA sind mein Zuhause. Wie kann ich mich also als Iranerin bezeichnen? Im Englischen kann man es leichter ausdrücken: „I am Iranian-American.“ Mit diesem „iranisch-Bindestrich-amerikanisch“ drücke ich aus, dass ich iranische Wurzeln habe. Ich spreche Persisch und bin mit der iranischen Kultur und sentimentalen Geschichten über den Schah Pahlavi aufgewachsen.

Ich bin aber auch Politikwissenschaftlerin. Als Studentin wurde ich beim Studium der iranischen Geschichte mit folgenden Fakten konfrontiert: Am 5. September 1978 protestierten Iraner – Kommunisten, Islamisten, Kurden, Republikaner – gegen die brutale Unterdrückung durch die Monarchie. Alle waren sich einig: Der Schah musste weg. Mir wurde zum ersten Mal bewusst, dass ich die Politik und Geschichte Irans nur aus der Perspektive meiner Familie und der amerikanischen Medien kannte. Ich musste mehr über die Geschichte des Iran, über die engen Beziehungen zwischen den USA und Persien lernen.


Alte Feinde: USA und Iran

So erfuhr ich auch, dass das Bündnis der amerikanischen Regierung und des Schahs einer der entscheidenden Gründe für die Revolte war. Die Einmischung der Amerikaner beim Putsch gegen den Premierminister und iranischen Nationalisten Mohammad Mossadegh im Jahr 1953 hatte den Keim der iranischen Feindseligkeit gegenüber der amerikanischen Regierung gelegt. Mit dem Aufstand gegen die Monarchie lehnen sich die Revolutionäre auch gegen den Einfluss der USA auf.

Welche Regierungsform der Iran annehmen würde, wurde erst mit der Rückkehr von Ayatollah Khomeini aus dem Exil und der Proklamation der „Islamischen Republik“ klar. Und die offene Feindschaft zu den Vereinigten Staaten zeigte sich erst am 4. November 1979.

Aus Protest gegen die Aufnahme des Schahs in eine New Yorker Klinik besetzten Studenten die amerikanische Botschaft und nahmen 66 Diplomaten für 444 Tage als Geiseln. Die Botschaftsbesetzer haben den zukünftigen Kurs der iranisch-amerikanischen Beziehungen entscheidend geprägt. Nach erfolglosen Versuchen, die Geiseln zu befreien, hat der damalige US-Präsident Carter die diplomatischen Beziehungen zum Iran am 7. April 1980 abgebrochen.

Seitdem haben sämtliche amerikanischen Regierungen vergebens versucht, die Islamische Republik durch unterschiedliche Maßnahmen unter Druck zu setzen – oft in der Hoffnung, Regimewechsel herbeizuführen. Diese politischen, wirtschaftlichen und militärischen Schritte haben bisher kein Ergebnis gebracht. Daher hat Präsident Barack Obama einen neuen Ansatz in der amerikanischen Iran-Politik angekündigt. Er beabsichtigt, ohne Vorbedingungen einen direkten Dialog mit den iranischen Machthabern zu eröffnen. Dialog und militärische Drohgebärden sollen den Iran an den Verhandlungstisch locken beziehungsweise treiben.

Die Probleme im Irak und Afghanistan, des Terrorismus im Nahen Osten, Fragen der Energiesicherheit und auch die Probleme um das umstrittene iranische Atomprogramm lassen sich ohne Zusammenarbeit mit dem Iran nicht lösen. Präsident Obama und seinem außenpolitischen Team bietet sich eine einmalige Chance, die Feindseligkeiten zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten zu überwinden. 30 Jahre dominierte eine Politik der Konfrontation – höchste Zeit, etwas Neues zu probieren, wenn der bisher eingeschlagene Weg nirgendwohin führt. Die amerikanische Regierung sollte klar ausdrücken, dass sie keinen Regimewechsel in Teheran plant. Solange die iranische Regierung befürchtet, dass Kooperation mit den USA zu ihrem Untergang führen könnte, wird sie keinen Dialog führen wollen.


Zu stolz für Zuckerbrot und Peitsche

Außerdem sollte die amerikanische Regierung Tonfall und Rhetorik ändern. Stolz und Respekt spielen eine große Rolle in der iranischen Kultur. Auch in der Politik. Andeutungen darauf, dass der Iran wie ein Esel mit Zuckerbrot und Peitsche zu manipulieren sei, werden nicht gut ankommen. Die US-Perspektive kenne ich besser, das ist auch der Grund, warum ich vor allem auf die Rolle und Verantwortung dieser Seite hinweise.

Diese Annäherungsversuche werden aber nur erfolgreich sein können, wenn auch der Iran Tonfall und Rhetorik verändert, Verantwortung übernimmt und auf amerikanische Ouvertüren konstruktiv reagiert. Als junger Mensch, ohne die Vorbelastungen der iranischen Revolution oder der Geiselkrise aufgewachsen, hoffe ich, dass es in Zukunft möglich sein wird, durch direkten Dialog Ansätze für friedliche amerikanisch-iranische Beziehungen zu finden.

Miriam Shahrzad Schive, 24 Jahre, ist Absolventin der Princeton University und arbeitet seit zwei Jahren an einem akademischen Institut in Wien, welches unter anderem Projekte im Bereich der Privatdiplomatie durchführt.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2009)