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Wir wissen, wie groß unsere Liebe zu unseren Kindern ist

Aber ich glaube, wir unterschätzen die Liebe unserer Kinder zu uns.

Wir haben das mit dem Strafen versucht. Als unsere Große noch klein war und unsere Jüngere noch jenseits von Gut und Böse, haben wir ein paarmal Fernsehverbot verhängt, für irgendetwas, was sie nicht gemacht hatte oder was sie eben schon gemacht hatte, wobei ich mir aus zehn Jahren Entfernung gar nicht mehr vorstellen kann, was das denn gewesen sein könnte. Ihre Reaktion auf das Verbot war schlimm. Sie hat geschrien, sie hat geweint, sie hat getrotzt und gefleht, da ging es längst nicht nur ums Fernsehen, da ging es um mehr: um die Strafe an sich. Darum, dass eine Strafe hieß, dass sie ein schlechtes Mädchen ist. Und das wollte sie nicht sein. Glaube ich.

Wir haben es nicht durchgehalten, nein. Zumindest das „Sandmännchen“ durfte sie doch noch schauen.

In der Folge haben wir das mit dem Strafen bleiben lassen. Das heißt: Gedroht haben wir schon. Aber es war Bluff. Jetzt müsste man annehmen, dass so ein Bluff irgendwann auffliegt, dass man den Worten Taten folgen lassen muss, wie das ja diverse Erziehungsberater empfehlen, weil einen die Kinder sonst nicht mehr ernst nehmen. Aber obwohl das logisch klingt, ist dem nicht so. Das heißt: Dass die Mama blufft, bemerken Kinder natürlich schnell. Aber sie nehmen einen trotzdem ernst.


Eins, zwei, drei. Wie das möglich ist? Eine Kollegin, die wie ich gern zählt („Ich zähle bis drei, und dann seid ihr aus dem Zimmer“), hat sich einmal gewundert, dass die Kinder eigentlich nie nachfragen, was denn passiere bei drei. Die Antwort, die wir fanden: Es geht gar nicht um die mögliche Strafe, die Drohung funktioniert vielmehr als Code. „Eins, zwei, drei“ heißt: Das ist der Mama jetzt echt wichtig! Da gibt es keine Diskussion.

Wir wissen, wie groß unsere Liebe zu unseren Kindern ist. Aber ich glaube, wir unterschätzen die Liebe unserer Kinder zu uns und das Vertrauen, das sie in uns haben. Wir unterschätzen, wie wichtig es ihnen ist, es uns recht zu machen, wenn sie klein sind, und wie sehr sie noch als Teenager an unserer Meinung interessiert sind. Wir glauben, Erziehung habe mit Strenge zu tun. Dabei hat sie viel mehr mit verkuschelten Sonntagnachmittagen zu tun, mit einer kleinen Rauferei vor dem Zähneputzen, einer Blödelei beim Abendessen, mit einem Gespräch, das keine Absicht hat, kein pädagogisches Ziel.

Und dann kann die Mama nach einem anstrengenden Tag ihren Mamabrüller loslassen und die Kinder können nicht einsehen, warum sie am Abend ihre Schulsachen packen sollen, da doch morgen auch ein Tag ist, und dann wird gestritten und gemault und mit den Türen geschlagen. Weil eben keiner perfekt ist. Die Kinder nicht und die Mama nicht und der Papa nicht. Familie: Eins zwei, drei, viele Menschen mit ihren Eigenheiten.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2014)