Pizzeria Anarchia

Vladimir Vertlib blickt satirisch auf Phänomene der Gegenwart und erschafft sich dazu ein paar skurrile Originale: vor allem Lucia Binar und den Studenten Moritz. Anfangs verstehen sich die Alte und der junge Mann nicht, bald aber verbünden sie sich gegen den Hausbesitzer. Witzige Szenen versus soziale Abgründe.

Gute Lyrik ist immer anpassungsfähig, denkt Lucia Binar, die eine Menge Gelesenes in ihrem Kopf hat, darunter viel gute Lyrik. Manchmal stellt sie die Worte ein wenig um oder lässt eine Zeile aus, manchmal verwechselt sie vielleicht sogar die Urheber der Texte, aber mit ihren 83Jahren ist sie schließlich nicht mehr die Jüngste. Möglicherweise bekommt ihr Gedächtnis schon Lücken, jedenfalls sind bereits schrecklich viele ihrer Freunde gestorben. Und die letzte Freundin wird bald auch nicht mehr sein.

Doch für ihr Alter ist die Protagonistin in Vladimir Vertlibs neuem Roman, „Lucia Binar und die russische Seele“, noch ziemlich gut in Schuss. Auch ihr Mundwerk funktioniert erstaunlich frisch, vor allem, wenn sie sich ärgert. Dazu gibt es neuerdings Grund genug. Ärgerlich, dass sie wegen eines Unfalls zu angeschlagen ist, um sich Wisławas Szymborskas Gedichtband „Hundert Freuden“ aus dem obersten Bücherregal zu holen. Noch ärgerlicher, dass „Rollender Esstisch à la carte Gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung, mobiler Essservice mit Herz und sozialem Gewissen“ ihr nicht wie vereinbart pünktlich das Essen liefert. Unfassbar schließlich, dass sie beim ehemaligen sozialen Notruf, der nun ein ausgelagertes und seine Mitarbeiter ausbeutendes Callcenter ist, statt Hilfe bloß die Antwort erhält, dann eben Knäckebrot oder Mannerschnitten zu essen. Doch der richtig große Ärger wird noch kommen. Wenn es nämlich um Lucias Lebensmittelpunkt, ihre Wiener Wohnung in der Großen Mohrengasse geht, in der sie geboren wurde und in der sie auch sterben will, denn: „Anderswo stirbt es sich bestimmt nicht so leicht.“

Mit diesem Anfang ist schon einiges skizziert, was den gesamten Roman atmosphärisch prägt: Ein paar köstliche Originale hat Vertlib mit seinen Figuren entworfen, vor allem mit Lucia Binar und jenem „oberösterreichisch androgynen“ Wesen, das sich als Student Moritz entpuppt, der als Mitglied des Vereins „Straßennamen gegen Rassismus“ Unterschriften für eine Petition zur Umbenennung der Großen Mohrengasse sammelt und dessen Studentenbude zu Lucias Erstaunen kein voller Aschenbecher, sondern ein grauer Plüschelefant belebt. Man könne die Gasse kurzerhand Möhrengasse nennen, schlägt Moritz bei ihrer ersten Begegnung vor und bringt damit Lucia Binar überschwänglich zum Lachen.

Frische Brisen Humor lässt Vertlib über alles wehen, und sei es noch so tragisch, scharfe und satirische Blicke wirft er auf Phänomene der Gegenwart. Auf das Prinzip des Outsourcens und das Ausbeuten von Arbeitskräften etwa. Auf Political Correctness, Vorurteile und Klischees. Auf die Mühen des Altwerdens und darauf, wie eine Gesellschaft, die immer jung sein will, mit ihren Alten umgeht. Aber auch auf die Machenschaften von Immobilienbesitzern, die ihre Mietshäuser absichtlich vergammeln lassen und dafür sogar – soziales Verhalten vorgaukelnd – Obdachlose missbrauchen.

So sehr die Alte und der Junge einander anfangs vielleicht nicht verstehen: Für die gemeinsame Sache, den Kampf gegen den Immobilienbesitzer Wilhelm Neff, verbünden sich Lucia Binar und Moritz. Vertlib ist mit diesem Thema nah an der realen Gegenwart: Der exzessive Ausbau von Altbauten zu ebenso schicken wie teuren Luxuswohnungen ist unübersehbar, auch im zweiten Wiener Gemeindebezirk, wo sich einst die Neuankömmlinge in der Nähe des Nordbahnhofs niedergelassen haben (Stichwort Pizzeria Anarchia). Dass gerade in diesem jüdisch geprägten Viertel so manches Haus durch Arisierung den Besitzer gewechselt hat, bringt Vertlib auch in Erinnerung und lässt am Ende Daniel Appletree die Bühne betreten, den Großneffen des ehemaligen Hausbesitzers David Apfelbaum.

Dabei belässt es Vladimir Vertlib aber nicht. Der 1966 im damaligen Leningrad geborene Autor, der seit 1981 in Österreich lebt, erzählt nicht nur aus der Sicht von Lucia Binar, die beschließt, sich nicht alles gefallen zu lassen. Mit Alexander taucht ein Russe auf, mütterlicherseits ein Baschkire, der Vater sei „zur Hälfte Tschuwasche und zur Hälfte Deutscher gewesen, wobei der tschuwaschische Großvater angeblich eine mordwinische, anderen Angaben zufolge einetatarische Mutter gehabt hatte“. Eine Figur also, die sich hervorragend dazu eignet, Identitätszuweisungen kräftig durcheinanderzubeuteln beziehungsweise ironisch infrage zu stellen. „Für Alexanders Großmutter spielte die Ethnogenese des Schwiegersohns, eines ,Geizkragens, Weiberhelden und Tunichtguts‘, keine Rolle. Er sei ein Säufer, wie die meisten Russen, behauptete sie.“

Und dann ist da auch noch Elisabeth, jene unverschämte Stimme aus dem Callcenter, die Lucia später suchen wird. In einer filmreif klischeehaften Szene in einem filmreif kaputten Lift prallen Elisabeth und Alexander aufeinander, was Alexander später die Gelegenheit geben wird, Elisabeth, die sehnsüchtig im Bett auf ihn wartet, ausführlich aus seinem Leben beziehungsweise dem seiner Verwandten zu erzählen. Das erlaubt längere Abschweifungen nach Russland und in die Putin-Ära, das macht aber auch menschliche Abgründe sichtbar. Da erfährt man nämlich nebenher, dass Alexander einen Mord zu verantworten hat und durchaus zu Gewalt fähig ist. Aber auch im Leben der jungen Witwe Elisabeth steckt einiges an Zündstoff: Trauer, Wut und Rachegedanken. Humorvoll entworfene Szenen und Dialoge versus Abgründe und Lebensschicksale: Vladimir Vertlib kann beides verbinden, wenn er erzählt, wozu ein Mensch mit seinen Wünschen und Taten fähig sein kann.

Apropos Wünsche. Sie bedient in diesem Roman augenscheinlich jener Scharlatan, für den Alexander arbeitet, nämlich Viktor Viktorowitsch. Er bietet metaphysische Grenzüberschreitungen an, die den Besuchern erlauben sollen, nach der Vorstellung traumatisiert nach Hause zu gehen und ein neues Leben zu beginnen. „Die russische Seele als Wegbegleiter zu jenseitiger Erfahrung des Wesentlichen“, „Alles fließt! Blockaden lösen, sich selbst im Weltgeist entdecken“ oder so ähnlich soll der Slogan lauten.

Mit Viktorowitsch weht die viel beschworene russische Seele in den Text, die freilich ihr Fett genauso wie die österreichische abkriegt. Überhaupt spielt Vertlib mit unverkennbarer Fabulierlust gekonnt auf der Klaviatur der Klischees, dabei zerbröseln dann nicht nur nationale Seelen, sondern auch Fundamentalismen und metaphysische Vorstellungen. „Ich bin nichts weiter als ein Entertainer“, wird Viktor am Ende zu Elisabeth sagen, die ihn bittet, die Verwirklichung ihrer Wünsche zurückzunehmen. „Ein Scharlatan. Ich verkaufe Illusionen. Die Menschen sehen in mir das, was sie in mir sehen wollen. Das ist es und nicht mehr. Sie werden mir doch nicht erzählen wollen, dass Sie an diesen Esoterikblödsinn tatsächlich glauben?“ ■

Vladimir Vertlib

Lucia Binar und die russische Seele

Roman. 320S., geb., €20,50 (Deuticke Verlag, Wien)