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Kamikaze-Piloten: Ein letzter Ansturm der „Selbstmord-Krieger“

Vor 70 Jahren flogen Japans Kamikaze-Piloten eine ihrer letzten großen Angriffsserien. Ihr Versuch, die Niederlage abzuwenden, war erfolglos. In späteren Jahrzehnten dürften sie auch auch Selbstmordattentäter inspiriert haben.

„Liebe Mutter, mein großes Bedauern ist, dass ich nicht mehr für Dich tun konnte, bevor ich sterbe. Aber als Krieger für den Kaiser zu sterben, ist eine Ehre. Es ist was, worüber du glücklich sein kannst. Sei nicht traurig.“
Die Zeilen eines jungen Mannes stammen aus dem Frühjahr 1945, einer Zeit, in der junge Japaner dringend gebraucht wurden. Die USA, die samt ihren Verbündeten im Pazifikkrieg bereits vor Japans Toren standen, griffen ab Ende März die strategisch wichtige Inselgruppe Okinawa südlich der Hauptinsel Kyūshū an (Karte). Würde sie fallen, stünde der Invasion des Festlands kaum mehr etwas im Weg. Also warfen sich tausende Kamikaze-Piloten – der Höhepunkt war vor 70 Jahren, Mitte bis Ende April 1945 – gegen die gewaltige alliierte Flotte vor Okinawa, unter anderem gegen sechs US-Flugzeugträger. Alles im Wissen, dass sie kaum überleben würden.

2500 bis über 3000 Attacken

1944/45 soll es zwischen 2500 und mehr als 3000 solcher Attacken gegeben haben, über 85 Prozent der Draufgänger starben. Oft gelten sie als Vorbilder für Selbstmordattentäter von heute: Ohne die Flugzeuge oder Klein-U-Boote, die samt Steuermann ins Ziel gelenkt wurden, gäbe es womöglich manch aktuelle Form von Terror nicht; das Attentat vom 11. September 2001 etwa, als Islamisten zwei Linienjets ins New Yorker World Trade Center lenkten, sowie Muster und Logik von Anschlägen vor allem im Nahen Osten, in Pakistan und Nigeria haben viel mit den Kamikaze gemein.

Nach ersten Erfolgen hatte sich für Japan ab dem Sommer 1942 die Niederlage angebahnt. Es kassierte Rückschläge, verlor Raum in Südostasien und im Pazifik. Also erdachte Admiral Takijiro Ohnishi, der Japans Marineluftwaffe auf den Philippinen kommandierte, Mitte 1944 eine neue Taktik: Die Stärke der USA waren die großen Flugzeugträger, die von einzelnen Treffern der kleinen japanischen Bomber mit deren 250-Kilo-Bomben oft nur mäßig beschädigt wurden. Es gab zu wenige Flugzeuge und der US-Jagdschirm war auch gegenüber den gefährlicheren Torpedofliegern sehr dicht. Also war Ohnishis Idee: Man verzichte auf die Rückkehr der Flieger und lasse sie mit ganzer Masse auf ein Schiff fallen, daduch müssten die Schäden steigen.

 

Der Kaiser und die Kirschblüte

Zuerst verkaufte sich die Taktik schwer, auf Rekrutierungskampagnen meldete sich niemand freiwillig. Da griff die Regierung auf Folklore und Religiosität zurück: Für den Kaiser würde man sterben, und da er laut Shinto-Religion von den Göttern abstamme, handle es sich beim Kamikaze-Angriff um einen Gottesauftrag. Wer lebend zurückkehrt, habe versagt und bringe Schande über sich und die Familie.

Briefe derer, die sich nun meldeten, dokumentieren zerrissene Seelen: Der Stolz über den patriotischen Dienst stand Lebenswillen gegenüber. Aber im ultranationalistischen Japan der 1940er-Jahre gab es wenig Widerstand, zudem glaubten viele der Piloten und U-Boot-Fahrer, etwas Gutes, Reines zu tun. Fotos zeigen daher Kirschblüten an den Rümpfen der Flugzeuge und Uniformen der Todespiloten. Warum? Die Kirschblüte hatte die Regierung zum Symbol der Märtyrer gemacht, diese in Japan von allen geliebte Blume, deren Schönheit aufblüht, doch gewiss erlischt, das Sinnbild für Leben überhaupt.

„Geblendet von der Ästhetik der Kirschblüte nahmen die Kamikaze ihren Tod in Kauf“, schreibt die Heidelberger Religionsforscherin Inken Prohl. Was weit hergeholt wirken mag, sieht Pohl in Symbolik und Religiosität als Parallele zu islamistischen Selbstmordanschlägen: „Emotionalisiert durch Verweise auf die Erhabenheit, Würde und Schönheit der islamischen Frühzeit, identifizieren sich diese Akteure mit dem für sie wahren Islam.“ Pohl folgert, dass nicht bestimmte Religionen an sich anfällig für Gewalt seien, sondern die Art, wie man sie durch mächtige Symbole und Visionen instrumentalisiert.

 

Es begann im Oktober 1944

Die erste Kamikaze-Welle traf am 25. Oktober 1944 die US-Flotte vor der philippinischen Insel Leyte. Dabei wurden vier kleine Begleitträger beschädigt und einer versenkt, zum Preis von 55 Piloten. Kurz zuvor, am 21. Oktober, war ein Sturzkampfbomber in den australischen Kreuzer HMAS Australia gekracht, dort starben 30 Mann, darunter der Captain. Viele halten das für den ersten Kamikaze-Einsatz, doch ist unklar, ob der Crash geplant, eine Spontanaktion oder Zufall gewesen war.

Jenseits des göttlichen Kaiserdienstes und des Bildes der Kirschblüte war in Japan indes auch der Name für die Selbstmordaktionen Programm: Die Schriftzeichen für „Kamikaze“, die sich auch „shinpu“ lesen lassen, heißen übersetzt „göttlicher Wind.“ So nannte man im 13. Jht. eine günstige Windlage, die eine mongolische Invasionsflotte von Japan abgehalten hatte. Das Wetterglück stärkte den Mythos, wonach Japan von den Göttern gesegnet war. Die mörderischen Piloten sollten die modernen göttlichen Boten werden.

Nicht jeder war einverstanden mit diesem Narrativ des Krieges: Einer der hinterlassenen Briefe der Piloten etwa liest sich so: „Morgen wird einer, der an Demokratie glaubt, diese Welt verlassen. Er mag einsam dreinschauen, aber sein Herz ist voll Genugtuung. Die faschistischen Länder Italien und Deutschland sind besiegt.

Autoritarismus heißt, auf zerbrochene Steine zu bauen.“ Der Brief stammt aus den Tagen des Kamikaze-Anflugs auf Okinawa, der dann so wenig bewirkte: Von 11. bis 13. April etwa griffen mehr als 186 Maschinen an, trafen aber nur einige kleine Schiffe; 355 Todesflieger hatten zuvor am 6. April nur drei US-Zerstörer und einige Begleitschiffe versenkt. Bis Juni 1945 fielen bei Okinawa mehr als 2300 Kamikaze, versenkten aber nur 34 kleine Schiffe, keines größer als ein Zerstörer, und keinen Träger.

 

Selbstmord des Vorbildgebers

Nachdem im August Russland zum Angriff angetreten und die USA zwei Atombomben eingesetzt hatten, kapitulierte Kaiser Hirohito, für den die Kamikaze geflogen waren, persönlich. Admiral Ohnishi nahm sich rituell das Leben, indem er sich den Bauch aufschlitzte. Ein Akt der Ehre, war seine Taktik doch erfolglos. Dennoch fand sie Jahrzehnte später reichlich Nachahmer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2015)