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"Wilde Vertreibung“: "Tötet sie, lasst niemanden am Leben!“

Gedenken an den "Brünner Todesmarsch“ der Deutschen aus der Tschechoslowakei 1945. Während sich die Staatsspitze in Schweigen hüllt, kommen aus dem Rathaus von Brünn/Brno versöhnliche Gesten.

Ende Mai vor siebzig Jahren ist auch in Böhmen und Mähren der Weltkrieg endlich vorbei. Wer überlebt hat, kann aufatmen: Tschechen und Deutsche. Die Juden waren schon vorher von den Nazis vernichtet worden. Doch nun entlädt sich der Hass der Tschechen gegen die deutschen Mitbürger. Als ob sie alle Nazis gewesen wären. Man könnte nun an den Wiederaufbau gehen. Auch in Brünn (Brno), der Hauptstadt Mährens. Für die einheimischen Deutschen wird die Lage immer beängstigender. Hass, Neid, Missgunst feiern nun Triumphe. Die Deutschen werden entlassen, sie dürfen nur noch manuelle Arbeit leisten, sie müssen ausnahmslos weiße Armbinden tragen (N = „nemec“ = „Deutscher“).

Am 21. Mai 1945 erhält Michael Czajka in dem mährischen Dorf Unter-Wisternitz, heute Dolní Věstonice, unfassbare Post. Der Text – in Übersetzung:

„Durch Entschließung des Bezirksnationalausschusses in Nikolsburg werden Sie mit der ganzen Familie aus dem ganzen Gebiet der Tschechoslowakischen Republik ausgewiesen. Aus diesem Grund wird Ihnen aufgetragen, das Gebiet der Tschechoslowakischen Republik innerhalb von 24 Stunden, d. i. bis 22. 5. 1945, 15 Uhr, zu verlassen.
Nichtbefolgung wird mit dem Tod bestraft.
Ihr Eigentum verfällt zugunsten des Staates.
Zur Lebensführung können Sie nur die notwendigsten Gebrauchsgegenstände mitnehmen, und nur so viel, wie Sie selbst tragen können.
Der Vorstand der BHNS“
(zwei Unterschriften, unleserlich)

Die Enkel, die in Österreich leben, haben dieses Schriftstück bis heute verwahrt.

„Alle Deutschen raus!“

Was in Brünn/Brno in der Nacht zum 31. Mai 1945 (Fronleichnam) vor sich geht, ist in das Geschichtsgedächtnis von Tschechen, Deutschen und Österreichern als der „Brünner Todesmarsch“ eingegangen. Am späten Abend wird die Parole ausgegeben: „Všechny nemci ven!“ („Alle Deutschen raus!“). Trupps bewaffneter Arbeiter und Partisanen eilen von Haus zu Haus, die Gewehrkolben donnern an die Türen: „Packt das Wichtigste, ihr müsst fort! In zwei Stunden müsst ihr auf dem Hauptplatz gestellt sein. 15 Kilo Gepäck, mehr nicht!“ Es handelt sich vornehmlich um Frauen, Kinder und alte Menschen, wie die Augenzeugen berichten. Denn die wehrfähigen Männer sind noch nicht heimgekehrt, gefallen oder in Kriegsgefangenschaft.

In der Morgendämmerung formiert sich ein Zug von etwa 30.000 Menschen, der sich in Richtung Süden nach Niederösterreich in Bewegung setzt. Alle paar Meter ein Posten, das Gewehr griffbereit, Kolbenschläge für die Erschöpften. Wegen eines Gewitters erreicht der Zug Pohrlitz (heute Pohořelice) mit nassen Kleidern, durstig und hungrig. Verseuchtes Wasser führt zu ersten Ruhrerkrankungen, Hunderte sterben. Wer nicht mehr weiter kann, wird am Ende des Zuges erschossen und in den Straßengraben gestoßen.

Massengräber an der Brünner Straße

Am nächsten Abend erreicht man die österreichische Grenze, Bauern helfen, aber die Tausenden sind zu viel. Wieder sterben Hunderte, sie werden in Massengräbern entlang der Brünnerstraße bis Wien verscharrt.
So entgleiste die von den alliierten Siegermächten bewilligte „ordentliche Abschiebung“ der Deutschen aus der Tschechoslowakei. Das Potsdamer Protokoll vom August 1945 gab zwar der CSR-Regierung von Edvard Beneš nachträglich die Rechtfertigung für diese Maßnahme, doch von Enteignung, Vermögensentzug, Schaffung von Konzentrations- und Zwangsarbeitslagern war im Potsdamer „Cecilienhof“ nie die Rede. Während diese Konferenz der „Großen Drei“ (Stalin, Truman, Attlee) vom 17. Juli bis 2. August in Potsdam lief, war die brutale Vertreibung der Deutschen schon fast abgeschlossen. Stalin hatte also nicht ganz unrecht, als er meinte, es gäbe in Böhmen, Mähren, Schlesien und Ostdeutschland sowieso „nur noch eine deutsche Restbevölkerung“, die Masse der Deutschen sei bereits nach Deutschland geflüchtet.

So kamen alle Ermahnungen der Alliierten an den tschechoslowakischen Präsidenten Beneš zu spät.
Dieser hatte sein Ziel der „ethnischen Säuberung“ klug und kompromisslos mit jahrelangem Lobbying verfolgt: Schon 1938, als Hitler die Tschechoslowakei immer stärker bedrohte, schlug Beneš in einem internen Schreiben vor, einen Teil des Sudetenlandes an das Deutsche Reich abzutreten (rund 5000 von 28.000 Quadratkilometern, also etwa 18 Prozent) und gleichzeitig einen großen Teil der verbleibenden deutschsprachigen Bevölkerung (nach Beneš' überschlägigen Berechnungen etwa 2,2 Millionen) zwangsweise auszusiedeln.

Im Londoner Exil während des Weltkrieges hatte Beneš weiter an der Rechtlosmachung der deutschen Mitbürger gearbeitet: Das „Kaschauer Programm“ vom 5. April 1945 legte dann die Basis für vier Präsidentendekrete – noch vor der Potsdamer Konferenz. Dabei ging es um die Ungültigkeit von Vermögensgeschäften, um Bestrafung und um die Konfiskation des Grundbesitzes. „Es wird notwendig sein [. . .] insbesondere kompromisslos die Deutschen in den tschechischen Ländern und die Ungarn in der Slowakei völlig zu liquidieren“, rief er nach seiner Rückkehr aus dem Londoner Exil am 16. Mai vor einer begeisterten Menge auf dem Altstädter Ring in Prag. Deutlicher noch sein Stabschef, General Sergěj Ingr: „Wenn unser Tag kommt, wird die ganze Nation dem alten Kriegsruf der Hussiten folgen: ,Schlagt sie, tötet sie, lasst niemanden am Leben!‘“

Nur Václav Havel fand richtige Worte

In einer Note vom 3. Juli ersuchte dann die tschechische Regierung die Alliierten um Aufnahme ihres Vertreibungsprogramms in die Tagesordnung von Potsdam. Da war die „wilde Vertreibung“ längst durchgeführt.
Während die Entschuldigung für dieses völkerrechtswidrige Vorgehen des ersten frei gewählten Präsidenten der Tschechoslowakei nach dem Zusammenbruch des „Ostblocks“, Václav Havels, von Herzen erfolgte, kam es in der Amtszeit seiner Nachfolger Václav Klaus und Miloš Zeman eher zu einer chauvinistischen Verhärtung. Doch die jüngere Generation denkt längst europäisch.

Vor fünf Jahren lief im tschechischen Fernsehen zur besten Sendezeit die Dokumentation „Töten auf tschechische Art“ von David Vondráček. Ein Amateurfilmer hatte im Mai 1945 Hinrichtungen in der Prager Siedlung Bořislavka aufgenommen. Zu sehen war eine lange Reihe von über vierzig Männern in Zivilkleidung. Die meisten, aber nicht alle, sollen Deutsche gewesen sein. Sie standen am Straßenrand mit dem Rücken zur Kamera und fielen, von Kugeln getroffen, in den Graben. Anschließend zermalmte ein Lkw der Roten Armee die Körper. Der Regisseur verwies auch auf das Massaker an deutschen Zivilisten im nordböhmischen Postelberg (Postoloprty). Über 760 Männer zwischen 15 und sechzig Jahren wurden hingerichtet: „Die Toten von Postelberg sind Teil des größten Massenmordes zwischen dem Zweiten Weltkrieg und den Ereignissen im bosnischen Srebrenica 1995“ (Vondráček).

Eine neue Filmdokumentation

Nun, zum 70. Jahrestag, kommt die Filmdokumentation „Nemci ven! Deutsche raus!“ in die Kinos. Andreas Kuba und Simon Wieland begleiten Vertriebene, die heute in Österreich oder Deutschland leben, auf ihrer traumatischen Reise in die frühere Heimat. Auch Tschechen, die selbst Opfer des NS-Regimes wurden oder an der Vertreibung mitwirkten.

Noch immer scheiden sich die Geister an der Zahl der Opfer durch die Vertreibungen nach dem Krieg. Der ehemalige US-Gesandte in Prag, Laurence Steinhardt, hat die Zahl der Toten auf 240.000 geschätzt, die Zentralstelle des kirchlichen Suchdienstes nennt 295.000, das „Bundesministerium für Vertriebene und Flüchtlinge“ (es wurde 1969 aufgelöst) gab die Zahl mit 267.000 an, das Statistische Bundesamt im Auftrag des Bundestages nennt 273.000 Menschen.

„Die Stadt Brünn bedauert“

Aus Brünn selbst kommen versöhnliche Gesten. So hat der Oberbürgermeister den Sprecher der Sudetendeutschen in Österreich, Gerhard Zeihsel, zur Teilnahme an einer Gedenkfeier eingeladen, die heute, Samstag, stattfindet. Seit einigen Jahren organisieren Bürgerinitiativen am 30. Mai einen Gedenkmarsch nach Pohořelice/Pohrlitz, wo für die Ermordeten gebetet wird. Danach geht es – gemeinsam mit politischen Repräsentanten aus dem In- und Ausland – zum Altbrünner Augustinerkloster am Gregor-Mendel-Platz. „Ich werde natürlich mitgehen,“ sagt Zeihsel der „Presse“, „und dabei an meine Großmutter und meine Mutter denken, die aus Kumrowitz/Komárov vertrieben wurden.“
Bereits in der Vorwoche hat der Stadtrat von Brünn – wie berichtet – eine Resolution beschlossen: „Die Stadt Brünn bedauert aufrichtig die Ereignisse vom 30. Mai 1945 und der folgenden Tage. Unterwegs aus Brünn starben manche Menschen durch Erschöpfung, einige von ihnen wurden durch das begleitende Personal erschlagen oder erschossen.“ Es waren 5200 Personen. Von den 55 Stadträten stimmten 34 für die Erklärung. Die Sozialdemokraten (?SSD) und die Bürgerdemokraten von Václav Klaus enthielten sich der Stimme, die KP stimmte naturgemäß dagegen.

Und nun ein Schlussstrich?

Bürgermeister Petr Vokal hingegen freut sich, dass die Stadt sich ihrer Geschichte stellt: „Das ist das erste Mal, dass der Stadtrat als höchstes Organ der Stadt sein Bedauern über den Todesmarsch ausgedrückt hat. Ich bin froh, dass das heute geklappt hat.“
In der Wiener Deutschordenskirche hat Kardinal Groër 1989 eine Gedenktafel enthüllt. Darauf heißt es: „Brünn liegt noch immer vor den Toren von Wien. Die Tafel erinnert, dass Vertreibung, Not und auch Elend verbürgt, dass Unrecht nie mit dem Betroffenen stirbt. Im Gedenken an alle Verstorbenen des Brünner Todesmarsches.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.05.2015)