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Im Paradies

Oft genug sitzen wir mittendrin: Lob der habbaren Verhältnisse.

Wir wissen alle nicht genau, was das Paradies ist, jeder hat da so seine eigenen Vorstellungen, naturgemäß in der Regel ausgehend von dem, was man hat, und dem, was man nicht hat, aberendlich auch einmal verdient zu haben glaubt. Das fängt dann vielleicht billamäßig an und endet dafür in der Kathedrale. Alles umsonst und alles vom Feinsten: Nichts juckt, nichts kratzt, es gibt Wein und Speck, Sonne und Sommer, pünktliche Züge, gütige Mitmenschen, Liebe von der richtigen Seite – die Liste, beliebig zu verlängern, geht vom Schlaraffenland bis zu Kants endlich erfülltem kategorischen Imperativ, sie ist notwendigerweise höllisch lang und enthält jedenfalls mehr als einen Stuhl im Garten, Teller und Glas aufdem Tisch in greifbarer Nähe, Wärme um die Ohren und eine halbwegs sinnvolle Beschäftigung, und sei es eine wie die, der ich mich hier grad hingebe: Lob der habbaren Verhältnisse.

Ein etwas größerer Garten, rauschendeFlüsse, friedliche Tiere und eine brave (?) Frau, so hatten sich das die fantasielosen Männer – nennen wir sie Moses – vorgestellt. Aber so ein Traum kann ja nicht ewig dauern, nicht zuletzt, weil Gott dann auch gar nichts mehr zu tun gehabt hätte, der sich die Welt ja nicht aus purer Güte, sondern zu seiner eigenen Unterhaltung erschaffen und am Schluss sich noch mit dem geplanten Sündenfall den Chefsessel garantiert hatte. Die Versuchung zum Ungehorsam schoben die feigen Männer – nennen wir sie noch einmal Moses – der Frau zu, obwohl nicht überliefert ist, dass Adam sich besonders heftig gegen ihren Vorschlag zur Selbsterkenntnis gewehrt hätte. Möglicherweise war es ihm in all der immer zur Verfügung stehenden Üppigkeit auch einfach ein bisschen langweilig geworden?

Die Arbeit und das Kinderkriegen waren zwar nicht immer lustig und obendrein gewerkschaftlich nicht abgesegnet und medizinisch nicht betreut, aber es konfrontierte die Menschen mit sich selbst, zwang sie zum Nachdenken (im Paradies gibt's nichts zum Nachdenken) und eröffnete ihnen so ein ganz anderes und allemal interessanteres Bild von sich selbst und ihrem Erfinder, der natürlich auch diese Entwicklung mit eingeplant hatte.

Der Apfel, in den unser Urpärchen gebissen hat, war fraglos vergiftet, aber die Aussicht auf den Tod brachte auch neue Anstöße für die Vorstellung vom Paradies, für die Zeit vor oder die nach dem Ende der irdischen Hetzbahn des Träumers, der Träumerin.

Tatsächlich sitzen wir doch oft genug schon mittendrin im Paradies und wollen es nur nicht wahrhaben. Solange man nicht auf den Haupttreffer im Lottototo und die Schönste aller Schönen wartet, sondern mit etwas mehr als der üblichen Aufmerksamkeit um sich schaut, hört, riecht und denkt (und dankt), dann fehlt vielleicht nur noch ein Buch auf den Knien, das einem von all dem erzählt, waszu wünschen einem bisher noch nicht einmal eingefallen wäre. ■


Verena Stauffer Pyongyang


Meine Brüste zittern beim Denken
Ich denke an zartgrünen Zucker
Und Zweifel die vieles bedingen
In zarten zäh zuckenden Zeiten

Zynisch blitzen die Zungen mir zu
Zarthörend sehe ich sie sind nass
Im Schlag zaubern sie geile Pläne
Meine Brüste zittern beim Hören

Wickeln sich Zäune um die Köpfe
Zurückströme ich zu den Zapfen
Baue einen Zeppelin fliege

Zur Gewalt nach Pyongyang
Wo die Frauen der Offiziere
Zauderhaft und zauberhaft singen

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2015)