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Die „Zinswende“ wird wieder einmal vertagt

Federal Reserve Bank of New York President William Dudley Speaks To The Economic Club of Minnesota
Federal Reserve Bank of New YoWilliam Dudley(c) Bloomberg (Bridget Bennett)
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Die Federal Reserve wollte heuer eigentlich die Zinsen geringfügig anheben, aber den Märkten gefällt die Idee nicht.

Die Zinsen liegen weltweit am Boden – und den Takt gibt die US-Zentralbank Federal Reserve vor. Dort ist der Zins in einem schmalen Korridor zwischen null und 0,25 Prozent festgenagelt. Und das seit Jahren. 2015 sollte aber eigentlich das Jahr der Wende werden, das Jahr der „Zinswende“. Zuerst hieß es, die Fed werde die Zinsen im Frühjahr erhöhen. Dann war es der Sommer. Dann der Herbst.


Rückzieher. Inzwischen ist sogar unklar, ob die Fed es heuer überhaupt noch schaffen wird, die Zinsen anzuheben. Vergangene Woche sendete der Internationale Währungsfonds eine Warnung an die Dollar-Zentralbank. Die Fed täte gut daran, die erste Zinserhöhung seit mittlerweile neun Jahren auf Anfang 2016 zu verschieben, so der IWF. Es sei angebracht, auf das Anziehen der Löhne und der Inflationsrate zu warten. Die Warnung kommt überraschend: Der IWF hatte bisher immer eine Zinsanhebung in diesem Jahr erwartet – und auch unterstützt.

Der Rückzieher ist den schwachen wirtschaftlichen Aussichten geschuldet – denn auch nach jahrelanger extrem lockerer Geldpolitik wollen weder Wirtschaft noch Inflation anziehen. Der Grund: Den Geldmengen aus den Zentralbanken steht der Kreditabbau im privaten Sektor gegenüber, der als deflationäre Kraft wirkt. Und zwar noch immer – so dürfte es zumindest der IWF sehen.

Aufgrund des Rückgangs der US-Wirtschaftsleistung im ersten Quartal dieses Jahres und anderer Faktoren wie des starken US-Dollar senkte der IWF seine Prognose für die Konjunktur der größten Volkswirtschaft. Für dieses Jahr rechnet der Fonds nur noch mit einem Wachstum von 2,5 Prozent. Bisher erwartete er 3,1 Prozent.


23 Senkungen. Freilich: Selbst eine geringfügige Anhebung der Zinsen würde die Normalität nicht an die Märkte zurückkehren lassen. Dass jetzt sogar eine Zinsanhebung im heurigen Jahr angezweifelt wird, ist ein weiterer Hinweis auf eine schwache Wirtschaftslage – und zwar global. Denn rund um den Erdball haben heuer in Erwartung einer strafferen Geldpolitik Washingtons 23 nationale Notenbanken ihre Zinsen schon gesenkt.

Bleibt noch Variante C: Die Fed will die Zinsen möglichst rasch und vor allem überraschend erhöhen – und dann die Konsequenzen bewerten. Auch das wäre möglich. Vor diesem Hintergrund wäre die IWF-Warnung nicht mehr als Theater.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2015)