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Nicht mehr, noch nicht

(C) Freitag
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Wer die Musik nicht hört, hält Tanzende für wahnsinnig. Über die Krise der EU. Samt einer kurzen Geschichte der europäischen Zukunft.

Hegel sagte einmal: „Der Mensch stirbt auch aus Gewohnheit.“ Natürlich stellte er damit nichtdie biologische Endlichkeit des Lebens jedes Menschen infrage, sondern bezog sich auf den Menschen als politisches und soziales Wesen. Lebt er in derGewohnheit des Alltags und geht ganz darin auf, sein Leben zu fristen, zumal „im Vollzug einer unselbstständigen Arbeit, in der das Werkzeug selbstständig, d. h. Maschine geworden ist“, dann setzt dieses „Sterben aus Gewohnheit“ ein, die soziale Angst und „das Zittern vor gesellschaftlichem Tod“. Dieses Zittern ist die letzte Unruhe einer geschichtlichen Bewegung, die nun auf der Stelle tritt, weil deren Absicht und Notwendigkeit, nämlich der Fortschritt im Geist der Freiheit, vergessen, und deren Ziel, auch jedes vorläufig angepeilte Etappenziel, als Bedrohung des Gewohnten angesehen und schließlich verdrängt wurde.

Diese Stelle aus den „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ beschreibt präzis auch den gegenwärtigen sittlichen Zustand der Europäischen Union, in dem sich Gewohnheitsrecht wieder über Menschenrecht setzen will und der tatsächlich ein Zustand ist, weil er den Prozess der europäischen Einigung gestoppt hat. Was sich hier noch bewegt, ist blanke Zukunftsangst, die sich in Ressentiment entlädt. Wo sich dieses Ressentiment auf der Straße zeigt, wird es zwar auch Bewegung genannt, es ist aber bloß ein karikaturhafter Nekrolog auf den Menschen als Zoon politikon. – Dabei war noch vor einem halben Jahrhundert die Zukunft so schön. Das Zukunftsbild, das damals von denGründern des europäischen Einigungsprojekts entworfen wurde, war ein Meisterwerk pragmatischer Vernunft im Geist der Aufklärung. Es war von radikaler Kühnheit, es war avantgardistisch, dabei aber von historischenErfahrungen abgeleitet und von eleganter Klarheit und Logik. Es machte grundsätzlich die Menschenrechte und konkret die natürlichen menschlichen Bedürfnisse nach Frieden, sozialer Sicherheit, Lebenschancen und Partizipationsmöglichkeiten am gesellschaftlichen Leben zur Richtschnur des politischen Gestaltungswillens. Es war ein Projekt des Lebens in Würde.

„Das Einigungswerk, das wir begonnen haben und an dem wir täglich arbeiten, ist keine schemenhafte Idee, die da aufs Geratewohl in die Zukunft hineinprojiziert worden ist, kein nebelhafter Traum. Es ist vielmehr Wirklichkeit, weil es an den Realitäten Europas orientiert ist“,sagte Walter Hallstein, der erste Präsident der Europäischen Kommission, in einer damals viel beachteten und heute vergessenen Rede im Jahr 1964 in Rom.

Wie waren nun die„Realitäten Europas“? Europa lag nach einem 30- jährigen Krieg (1914–1945) in Trümmern. Die Menschen, die sich nun anschickten, Europa neu aufzubauen, hatten dieErfahrung machen müssen, dass Friedensverträge und Bündnisse zwischen Nationen nicht ausreichen, Frieden und Rechtszustand zu gewährleisten. Und diese Erfahrung saß so tief, dass Zustimmung zu der Idee möglich war, nachhaltigen Frieden auf eine andere, auf eine völlig neue Weise herzustellen. Aber wie? Die Gründer des europäischenEinigungswerks hatten den Aggressor klar erkannt und benannt, der die Infrastruktur des Kontinents zerstörte, Elend und Misere für Generationen produzierte und die grauenhaftesten Menschheitsverbrechen, bis hin zu Auschwitz, zu verantworten hatte.

Dieser Aggressor war der Nationalismus, die ideologische Selbstüberhöhung der Nationen, der nationale Eigensinn, der in steten Konflikt mit den Interessen anderer Nationen geraten muss – wobei, wie Jean Monnet schrieb, „nationale Interessen nichts anderes sind als die kurzsichtigen ökonomischen Interessen nationaler Eliten, deren Befriedigungdie eigene Population und die Populationen anderer Nationen in der Buchhaltung dieser Ökonomie zu Abschreibposten, im konkreten Leben zu Opfern macht“.

Frieden in Europa zu schaffen war einmoralischer Anspruch, dem alle zustimmen konnten, aber es war Jean Monnet völlig klar, dass moralische Appelle und das Vertrauen auf die Kriegsmüdigkeit der Menschen so wenig nachhaltige Sicherheit bieten würden wie wiederum neue Friedensverträge zwischen den Nationen. Die Idee, die Jean Monnet hatte und die er mit dem französischen Außenminister Robert Schuman als Plan formulierte, war daher, den Nationalismus zu überwinden, indem die Nationen schrittweise zur Abgabe nationaler Souveränitätsrechte bewegt werden, bis die Nationen, gleichsam ausgehöhlt und entkernt, perspektivisch absterben, wodurch dem Nationalismus definitiv die Grundlage genommen wäre. Dazu ist dieGründung von supranationalen Institutionen notwendig, die nach und nachdie Aufgaben der nationalen Institutionen übernehmen. Es begann mit derSchaffung einer Hohen Behörde, die im Bereich der Kohle- und Stahlproduktion gemeinsame Regelungen für alle Mitgliedstaaten treffen konnte. Kohle und Stahl waren kriegswichtige Güter, zugleich von eminenter Bedeutung für Wiederaufbau und Wirtschaftsaufschwung – eine supranationale Institution zu schaffen, die Kontrolle über diese Güter ausübt, für ihre gerechte Verteilung sorgt und geheime Aufrüstung unterbindet, war der erste Schritt der geplanten nachnationalen Entwicklung.

Die Dynamik des damals angestoßenen historischen Prozesses hat in vielen kleinen, aber konsequenten Schritten zu immer größerem Fortschritt geführt, wenn wir an den Wegfall der nationalen Grenzen im Schengen-Raum, die Einführung der ersten transnationalen Währung in der Euro-Zone und an den gemeinsamen Markt denken, der zu einer gesamteuropäischen Volkswirtschaft und zum Absterben der Nationalökonomie führt, was lediglich die Nationalökonomen und die von ihnen beratenen Politiker noch nicht begriffen haben. Und tatsächlich steht in der Bilanz des europäischen Vergemeinschaftungsprozesses die längste Friedensperiode der Länder, die an diesem Projektteilnehmen.

Zugleich ist etwas Eigentümliches passiert: Der historische Vernunftgrund und das perspektivische Ziel des Projekts sind von den heute in Verantwortung stehenden politischen Repräsentanten und von weiten Teilen der Öffentlichkeit vergessen worden. WäreFrançois Hollande imstande, Mitterrands Satz„Le nationalisme c'est la guerre“ frei heraus zu sagen? Würde es Angela Merkel wagen, den Satz von Walter Hallstein „Das Ziel ist die Überwindung der Nationen“ zumindest zu buchstabieren? Zwar kann jeder auf die Frage „Was ist die EU?“ im Schlaf mit „Friedensprojekt!“ antworten, gähnen und weiterschlafen, aber diese Antwort ist weniger als die halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit war, ist und bleibt: „Sicherung von nachhaltigem Frieden durch die Überwindung der Nationen und Schaffung eines nachnationalen Europa.“

„Friedensprojekt“ ist deshalb weniger als die halbe Wahrheit, weil dabei offenbleibt, auf welche Weise der Friede gewährleistetwerden könne, und sich somit wieder Raum für ideologische Illusionen in Hinblick auf die Notwendigkeit nationaler Identität und Verteidigung nationaler Interessen öffnet.Der Friede wird als Gewohnheit vorausgesetzt, verteidigt aber wird die Gewohnheit, die jetzt als bedroht empfunden wird, nämlich: sich als Teil einer Nation wahrzunehmen und seine eigene Bedeutung und Stellung in der Welt davon ableiten zu können. Und als bedroht werden nicht zuletzt auch die politischen Partizipationsmöglichkeiten der Bürger gesehen, grundsätzlich dieDemokratie, die als nationale Demokratie eingeübt wurde und nur als solche vorstellbar blieb.

Wer die Musik nicht hört, hält Tanzende für wahnsinnig. Die Menschen, die den Sinn des Projekts nie gehört haben, merken jetzt dessen Konsequenzen und halten diese für verrückt und bedrohlich. Und die politischenRepräsentanten, die in europapolitischer Verantwortung stehen, wissen natürlich, dass sie, die nur in nationalen Wahlen gewählt werden, auf Gedeih und Verderb ihres politischen Überlebens das Angebot machen müssen, nationale Interessen zu verteidigen, besser gesagt: mit allen Mitteln diese Fiktion, dass „nationale Interessen“ ein Synonym für die Interessen ihrer Wähler sei, aufrechtzuerhalten. So schaukelt sich heute das auf, was wir „Renationalisierungstendenzen“ in Europa nennen, und diese gehen nicht vom rechten Rand, den klassischen nationalistischen Biotopen, aus, sondern von der politischen Mitte und sind systembedingt.

Wenn man also die Idee der Gründerväter des europäischen Einigungswerks rekonstruiert, dann ist klar, warum für die meisten völlig verrückt klingen muss, was die zwar kühne, aber im Grunde nur logische Konsequenz aus historischen Erfahrungen ist: Eine Überwindung der Nationalstaaten, ein Europa, das eine politische Organisation ohne Nationen entwickelt – das ist heute für mehr als die Mehrheit der Menschen völlig unvorstellbar.

Mit dem Unvorstellbaren ist es aber so eine Sache. Niemand hat sich vorstellen können, dass die Berliner Mauer fällt. Noch am Tag, bevor die Mauer sich öffnete, war es unvorstellbar, und doch ist es am nächsten Tag geschehen. Und dann war völlig unvorstellbar, dass die Sowjetunion implodiert. Und doch ist es geschehen. Es war wünschenswert, es war festgeschriebenes politisches Programm der freien Welt, es wurde immer wieder in Sonntagsreden beschworen, aber doch war unvorstellbar, dass es wirklich eintritt. Das Ziel war zur Floskel geworden, und die Floskel hat die politische Fantasie verdunkelt, man hatte sich bereits eingerichtet in einer Welt, in der die Floskel regiert und nicht der wirkliche Anspruch auf das Mögliche. Und trotzdem ist dann das Unvorstellbare geschehen. Und wenn es auch nur die Folge einer gewissen Eigendynamik war, sie war die Folge einer Bewegung, die einmal politisch in Gang gesetzt wurde. Eine Politikergeneration, die diese Lehre nicht annimmt, ist eine verlorene Generation.

Alle Argumente, die noch für die Unverzichtbarkeit nationaler (Selbst-)Organisation vorgebracht werden, sind längst widerlegt, von der Geschichte, und wer die Geschichte nicht kennt,dann von unserer Lebensrealität, unseren Erfahrungen: Die Nation, so wird immer wieder und bezeichnenderweise zunehmend aggressiv ins Treffen geführt, stiftet Identität und vermittelt auf der Basis gemeinsamer Kultur, Geschichte, Mentalität und Sprache die solidarische Zugehörigkeit des Einzelnen zu einem gesellschaftlichen Ganzen.

Diese Behauptung ist Fiktion. Wäre die gemeinsame Sprache konstitutiv für gemeinsame nationale Identität, dann müsste Österreich Teil der deutschen Nation sein. Wäre es die historisch gewachsene Kultur, dann wärenOberösterreich und Süddeutschland eine Nation, aber schon Norddeutschland und Westösterreich wären eindeutig kein Teil davon. Die gemeinsame Geschichte? Verbindet Österreich und Ungarn mehr als Österreich und Deutschland. Die Mentalität der Menschen in Großstädten unterscheidet sich radikal von der Mentalität in Alpendörfern oder auf dem flachen Land, unabhängig von nationalen Grenzen und Sprachen. So sind einem Wiener die Städte Bratislava, Budapestoder Prag näher, mentalitätsgeschichtlich, aber auch schon ganz simpel in Hinblick auf die geografische Distanz, obwohl das die Hauptstädte anderer Nationen sind und dort andere Sprachen gesprochen werden als zum Beispiel in Gföls oder Feldkirch, obwohl die Menschen dort denselben Pass wie die Wiener haben.

Nationen stiften Gemeinsamkeit und Einheit? Dieser Behauptung muss man natürlich zustimmen – wenn man blind ist. Nur dann glaubt man an die Gemeinsamkeiten zum Beispiel der Nord- und Süditaliener oder an die unverbrüchliche Einheit von Basken und Katalanen mit der spanischen Nation.

So kann man es ewig durchdeklinieren und wird doch immer nur auf einen einzigen historischen Vernunftgrund der Nationsbildungen stoßen: Sie waren ein – historisch vielleicht nicht anders möglicher – Zwischenschritt auf dem Weg, der erst durch das europäische Einigungsprojekt auf friedliche Weise weitergegangen wird. Was war zum Beispiel die deutsche Nationsbildung? Aus 40 Kleinstaaten wurde ein gemeinsamer Markt mit gemeinsamen politischen Institutionen und Regeln. Wer will im Ernst behaupten, dass dies das Ende der Geschichte der politischen und gesellschaftlichen Organisation der Menschen darstellt? Umgekehrt, wer will nach den historischen Erfahrungen mit dem deutschen Nationalismus und angesichts der gegenwärtig sichtbaren Dynamiken im Ernst behaupten, der Nationalismus ließe sich definitiv domestizieren?

Nun kann man, so utopisch die Vorstellung vom notwendigen Sterben der Nationen und die Idee eines nachnationalen Europas heute für viele klingt, dies nicht mehr als Utopie bezeichnen – denn es ist keine Utopie, wenn es sich seit über 60 Jahren in konkreten Schritten an einem konkreten Ort, nämlich auf unserem Kontinent, verwirklicht. Im Gegenteil, man muss den Glauben, dass die Nationen zu retten wären und nur sie Freiheit, Selbstbestimmung, Rechtszustand, Friede und Sicherheit gewährleisten können, im Licht der historischen und unserer täglichen Erfahrungen als negative Utopie bezeichnen. Deren morbide Macht, ihre Aggression in der Auseinandersetzung mit ihrem diagnostizierten Sterben, ist es, die zur gegenwärtigen Krise der Europäischen Union geführt hat. Die Nationen funktionieren nicht mehr, ein entfaltetes nachnationales Europa haben wir noch nicht.

Mehr noch, wir fürchten uns mittlerweile sogar, es uns auszumalen. Dabei ist doch eindeutig sichtbar, dass alle Rahmenbedingungen unseres Lebens, alle Prozesse und Entwicklungen, die wir gestalten müssen, um sie nicht bloß zu erleiden, alle Phänomene und Probleme, auf die wir politische Antworten suchen, längst transnational sind: Die Wertschöpfungskette, die Investitionen und Gewinnrückführungen, die Energieerfordernisse, die sicherheitspolitischen Probleme, die Kommunikation, die mit den modernen Kommunikationsmitteln verbundenen Gefahren wie Überwachung und Kontrolle, die ökologischen Probleme – all das macht weder an nationalen Grenzen halt, noch kann es innerhalb von nationalen Grenzen in nationaler Souveränität gemanagt werden.

Ist das klar? Nein. Liestman Zeitungen, liest man die Postings und Leserbriefe besorgter Bürgerinnen und Bürger, liest man die Ergebnisse der Meinungsforschung zu entsprechenden Fragen, dannsieht man, wie stark der Todestrieb aus Gewohnheit ist, auf welch dramatische Weise sich Geschichtsblindheit auch als Blindheit von Zeitgenossenschaft erweist. Alles, was die besorgten Bürger besorgt macht und erregt, alle Probleme und Konflikte, die ungelöst weiterschwelen oder immer wieder und immer heftiger auflodern, werden als Beweis dafür genommen, dass die EU nicht funktioniert, nicht funktionieren kann, während von den nationalen Regierungen immer aggressiver und immer radikaler gefordert wird, „diese Realität“ anzuerkennen und konsequenter die nationale Souveränität und die sogenannten nationalenInteressen zu verteidigen – während es genaudiese nationalen Blockaden der Gemeinschaftspolitik sind, die stete politische Symbolpolitik in Rücksicht auf die nationalen Wähler, die zur politischen Blockade der Union insgesamt und jeder Nation in der Union führen, zur politischen Hilflosigkeit und zum so verzweifelten wie sinnlosen Rückgriff auf erwiesenermaßen wirkungslose alte Rezepte.

Dieser unproduktive Widerspruch vonnachnationaler Entwicklung und Renationalisierung ist es, was wir heute Krise nennen. Und alles, worüber mit zunehmender Erregung diskutiert wird, ist nur ein Reigen von Symptomen. Oder, wie Hegel schrieb: „Das so auf der Schwelle Stehende ist oft gerade das Ungenügendste.“

Und doch ist es das Vernünftige. Die nachnationale Entwicklung ist mittlerweile globale objektive Realität. Was wir Globalisierung nennen, ist nichts anderes als die schrittweise Entmachtung der Nationalstaaten. Doch Europa ist der einzige Kontinent, wo sie nicht bloß passiert, sondern vor über 60 Jahren als bewusste politische Entscheidung in Gang gesetzt und in kleinen Schritten kontrolliert als transnationale Solidargemeinschaft entwickelt wurde. Europa hat daher in Hinblick auf die Globalisierung die größte Expertise. Beziehungsweise: hätte.

Aber Europa steckt in der Blockade von Nicht-mehr-noch-nicht fest. Diese Blockade kann nur aufgebrochen, und die Krise kann nur gelöst werden, wenn die Idee des europäischen Projekts rekonstruiert wird. Man muss die Geschichte erzählen; sie wäre das heute so verzweifelt gesuchte „Narrativ“, das Europa angeblich fehlt, aber in Wahrheit nur verdrängt wurde. Die Idee, den ersten nachnationalen Kontinent aufzubauen und damit Teil einer aufgeklärten Weltavantgarde zu sein, wäre für die, die das brauchen, Faszinosum genug, um ihren angeknacksten Nationalstolz vernünftig aufzuheben. Wer die Stirnhat, sich Mensch zu nennen, will sich nicht durch verächtliche Abgrenzung von anderen in seiner Wir-Gruppe besser und stärker fühlen, er will nicht im Ressentiment gegen andere sein Selbstgefühl und billigen Trost für seine eigene Misere finden.

Das Engagement desbesorgten Bürgers, der besorgten Bürgerin erwiese sich nicht im aussichtslosen und immer aggressiver werdenden Kampf zur Rettung nationaler Souveränität, im Grunde dem Gegröle nationalistischer und völkischer Parolen, sondern im Anspruch, den nachnationalenProzess demokratisch zu gestalten, die demokratischen Institutionen Europas weiterzuentwickeln, ihre demokratische Legitimation zu stärken und Fantasie in Hinblick auf die Ausgestaltung einer Europäischen Republik zu entwickeln. Denn es ist klar, dass die Einsicht und erst recht der davon abgeleitete Anspruch, dass die souveränen Nationalstaaten absterben müssen, zu der Frage führt, wie Europa danach verfasst und politisch organisiert sein soll.

Es ist faszinierend, wie weit die Gründergeneration des europäischen Projekts vorausgedacht hatte, wie konkret ihre Fantasie war und realistisch verwurzelt in den „Realitäten Europas“. Lesen wir die eingangs zitierte Rede von Walter Hallstein weiter: „Als erste europäische Realität sieht unser Einigungswerk den europäischen Menschen, den Europäer als Einzelwesen, als Mitglied seiner Familie, als Angehörigen seiner Gemeinde, seiner Heimatregion. Daher ist den europäischen Gemeinschaften, die das Zusammenleben der europäischen Menschen neu und besser ordnen wollen, eine Verantwortung für wohlverstandene Regionalpolitik mitgegeben worden.“

Regionalpolitik war bald das Herzstück der politischen Anstrengungen von Hallstein und Monnet. Für sie war die Region die logische politische Verwaltungseinheit in einem postnationalen Europa. Es ist die Region, die in Wahrheit für den Menschen mentalitätsprägend und identitätsstiftend ist – das weiß doch im Grunde jeder, so wie ein Bayer weiß, dass er kein Preuße ist, und beide nur Deutsche sind bei der Wetterkarte im Fernsehen –,und es ist die Region, die sich als einziges soziales und kulturelles Kontinuum in einer Geschichte von sich stetig und willkürlich und zufällig ändernden nationalen Grenzen erwiesen hat. Es ist die Eigenart jeder Region, dass ihre Mentalität und ihre historisch gewachsene Kultur von keiner Nation, in die sie eintrat oder hineingezwungen wurde, gebrochen werden konnte.

Umgekehrt haben Regionen, die durchpolitische Willkür nach Kriegen gespalten und aufgeteilt, durch willkürliche nationale Grenzen geteilt und getrennt wurden, niewirklich aufgehört, ein gemeinsamer Kulturraum zu sein, und haben, wenn die Grenzen wieder durchlässig wurden oder durch die EU aufgehoben wurden, dies sehr schnell und deutlich wieder bewiesen. Zugleich haben alle europäischen Regionen eine mehr oder weniger gleiche Größe und etwa die gleiche Bevölkerungsanzahl. Es ist die ideale Größe für den Überblick und die Kenntnis der unmittelbaren Lebensrealität, für die Teilhabe an deren politischer Gestaltung, also wünschenswerte politische Partizipation der Bürgerinnen und Bürger, für subsidiäre Demokratie. Und das ist entscheidend für die demokratische Entwicklung einer EuropäischenRepublik, denn, wie Walter Hallstein weiter sagt: „Wollten wir nur durch die Schaffungeines gemeinsamen Markts gewaltige wirtschaftliche Kräfte freisetzen und Menschenmassen dorthin bewegen, wo sich ihre Arbeit am schnellsten in ökonomischen Nutzen verwandelt, so würden wir vergessen, dass der Mensch eben nicht nur ein Homo oeconomicus oder ein Homo faber ist. Wir sehen aber in der Maximierung des Sozialprodukts nicht das Ziel menschlicher Beziehungen. Gerade hierin unterscheiden wir uns von den Systemen der Unfreiheit.“

Diese Idee, die als „Europa der Regionen“ auch im Lissabon-Vertrag festgeschrieben wurde, aber von den nationalen Repräsentanten im Europäischen Rat bestenfalls als Floskel angesehen wird(wir wissen allerdings von 1989 ff., welche historischeGewalt Floskeln entwickeln können! Ach, ihr armen, sterbenden nationalen Repräsentanten!), hat sich dort, wo sie bereits die Möglichkeit hatte, sich in diesem Sinn zu entfalten, eindeutig bewiesen. Etwa in Südtirol. DerWohlstand Südtirols und die Zufriedenheit der großen Mehrheit der Südtiroler ist zweifellos nicht der Zugehörigkeit Südtirols zur italienischen Nation zu verdanken, sondern der Tatsache, dass Südtirol eine autonome Region in einem freien europäischen Netzwerk ist. Natürlich wird es in Südtirol Menschen geben, die manches an den Südtiroler Verhältnissen mit guten Gründen kritisieren, was, solange wir nicht den Eingang ins Paradies wieder gefunden haben, auch nur beweist, dass die subsidiäre Demokratie die schlechteste aller Regierungsformen ist, abgesehen von allen anderen, die jemals ausprobiert wurden, inklusive der nationalen Demokratie.

Die Idee eines Europas der Regionenwürde außerdem ein Prinzip der Aufklärung, das auch zur allgemein abgenickten Floskel geworden ist, aber nie ganz eingelöst wurde, endlich verwirklichen können: das Prinzip der (Chancen-)Gleichheit. Freiheit GleichheitBrüderlichkeit – das ist der Schatz, den wir von der Französischen Revolution geerbt haben und der bis heute das Grundkapital unserer politischen Anstrengungen darstellt. Selbstwenn es von gierigen Erben der Revolution, die zugleich zu blöd sind, auch nur den Begriff Revolution heute zu buchstabieren, völligverballhornt wurde, zu deren Profit und unserer Misere – Freiheit von sozialer Verantwortung, Gleichheit der Ware Arbeitskraft, Brüderlichkeit in den Preisabsprachen –, ist dieses Erbe der Revolution doch ein bleibender Anspruch aufgeklärter Politik. Ob man im großen Deutschland oder in einer Nation, die nur eine halbe Insel ist wie Zypern, sein Lebenmachen muss, spottet der Idee von Gleichheit Hohn. Ein Europa der Regionen, wie von Monnet und Hallstein angedacht, würde neben demokratiepolitischem Fortschritt auch den Gleichheitsanspruch einlösen.

Ich kann nicht verstehen, was an einer transnationalen Solidargemeinschaft in einerZeit der Globalisierung, die nicht gestoppt werden kann, aber gestaltet werden muss, falsch sein soll. Ich kann nicht verstehen, wasan der Idee einer Überwindung des Nationalismus, nach all unseren Erfahrungen mit Nationalismus, falsch sein soll. Ich kann nicht verstehen, dass die heutigen Staats- und Regierungschefs die Ideen ihrer Vorgänger so konsequent verschweigen, vergessen, missverstehen, verleugnen, wo sie ihnen dochAuswege aus der Krise zeigen könnten, die sie nicht und nicht in den Griff bekommen.

Ach so, sie wollen wieder gewählt werden. National. Dabei ist klar: Die Nationalstaaten werden untergehen. Je früher wir uns mit diesem Sachverhalt vertraut machen, desto besser für unsere demokratische und selbstbestimmte Zukunft. Oder es wird wieder Schutt und Asche geben, Misere, Trümmerlandschaft, massenhaft ermordete Sündenböcke und tote Sünder. Und wir werden ganz furchtbar betroffen vor den rauchenden Trümmern stehen und murmeln: „Das soll nie wieder geschehen dürfen.“

Der Hegelsche Tod aus Gewohnheit. ■

Geboren 1954 in Wien. Dr. phil. Erzähler, Essayist, Übersetzer. 2012 bei Zsolnay: „Der Europäische Landbote“, 2014 bei Suhrkamp: „Heimat ist die schönste Utopie“. Sein „Spectrum“-Beitrag erscheint demnächst in erweiterter Form in dem Schweizer Kulturmagazin „Die Gazette“ in Kooperation mit „The European“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2015)