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Orient: Mit dem Schnellzug von Bagdad nach Shanghai

Kämpfer der Zukunft. Die Kriege, die den Nahen Osten und Nordafrika gebeutelt hatten, endeten allmählich in den späten 2020er-Jahren. Die Menschen waren erschöpft.(c) Reuters

Im Juni 2048 sind viele Länder in Nahost längst in Kleinstaaten zerfallen. Der politische Islam spielt keine Rolle mehr.

Die Kriege, die jahrzehntelang im Namen von Religionen und Erdölinteressen den Nahen Osten und Nordafrika gebeutelt hatten, endeten allmählich in den späten 2020er-Jahren. Die Menschen waren zwar schon lang erschöpft, doch den Drahtziehern von Ankara über Riad bis Teheran gingen menschliches Kanonenfutter und Geld erst mit Verzögerung aus. Ein Grund war der Einbruch des Erdölpreises. Kriege enden meist dann, wenn alle Beteiligten nicht mehr können. Königreiche waren zerbrochen, neue Staaten und Grenzen entstanden.

Der Nahe Osten im Sommer 2048 präsentiert sich als Drehscheibe für asiatische Händler, die auch politisch die Fäden ziehen. So verbindet ein Hochgeschwindigkeitszug das neu errichtete Bagdad mit Shanghai. Menschen pendeln von West nach Ost, zumal China mit seiner überalterten Bevölkerung die Arbeitskräfte ausgegangen sind. Die Region ist aber von den Kriegsspuren, einem rapiden Bevölkerungsrückgang und dem Klimawandel gezeichnet. Küstengebiete im östlichen Mittelmeerraum sind infolge des Ansteigens des Meeresspiegels unbewohnbar.

Trotz Ölschmuggels und sorgloser Exploration der wesentlichen Erdölfelder, die die Milizen für ihre Kriege massiv genützt haben, lagern zwischen dem einstigen Libyen, der völlig zersplitterten Arabischen Halbinsel und dem Iran noch immer die wesentlichen fossilen Reserven. Hier haben asiatische Mächte Anfang der 2030er-Jahre Verbündete als neue Machthaber eingesetzt. China und Indien konnten ihren von Kohle bestimmten Energieverbrauch teils durch erneuerbare Energien ersetzen. Doch der Transportsektor im bevölkerungsreichen Indien benötigt Erdöl. Indien und Pakistan beziehen Erdgas nun aus dem Iran. In diesem Dreieck boomt die Wirtschaft.

 

Der Oberst von Petrolistan

Die großen Ölfelder von Ghawar im Nordosten der Arabischen Halbinsel wurden im Chaos des Staatenzerfalls als eine Art Petrolistan neu geordnet. In dieser Grenzregion leben seit Jahrhunderten Schiiten. Ein charismatischer Offizier konnte mit Unterstützung des Iran und Indiens die Region stabilisieren. Die „Supermärkte der Wüste“, also die Emirate und Katar, versandeten indes mit ihren Skylines, denn die Ausländer zogen ab. Doch die alten Handelsrouten zwischen Asien und Arabien schaffen neue politische Allianzen.

Saudiarabien, also das Arabien des Stammes Saud, zerfiel relativ früh. Palastrevolten, der Krieg im Jemen und Aufstände hatten Königsfamilie und Klerus in Richtung London und Kairo, wo sie über Besitz verfügen, vertrieben. Jahrelang bekämpften sich Islamisten und Stämme. Denn das gewaltige Waffenarsenal, das die Saudis vom Westen erwarben, sorgte für Materialschlachten. Die saudische Jugend zog für den Islamischen Staat ins Feld. Die pakistanischen Söldner, die die Petromonarchien schützen sollten, verließen bald ihre Arbeitgeber, da sie sonst gegen ihre eigenen Landsleute kämpften müssten.

 

Ernüchtert von IS-Herrschaft

Aus dem Jemen heraus sollten Stammesführer die kriegszerstörten Gebiete der Halbinsel neu ordnen. Der alte Spruch „Kippt der Jemen, kippt Saudiarabien“ stimmte. Zwar versuchten auch die Haschemiten nach ihrer Flucht aus Jordanien, ihre einstige Rolle als Wächter der heiligen Stätten von Mekka und Medina wiederzuerlangen. Doch den neuen Scherifen stellt ein alter jemenitischer Stamm, auf den sich die Muslime in einem digitalen Weltkongress einigen konnten. Auch die Schiiten, die als Minderheit den Sunniten lang die Stirn boten, sind mit dem Kompromiss einverstanden. Die alten theologischen Gräben sind zugeschüttet, weil der politische Islam unwichtig geworden ist.

Die Menschen waren nach der langen Gewaltherrschaft des Kalifats Islamischer Staat, das sich von Bagdad über Damaskus und mit Ausläufern im ehemaligen Jordanien bis nach Nordafrika hinein fast zwölf Jahre lang erstreckte, vom Islam ernüchtert. Von Scharia, Verschleierung und Jihad wollen die meisten Muslime nichts mehr hören. Eine Trennung von weltlicher und spiritueller Führung hat sich durchgesetzt. Mutige Frauen hatten regelmäßig gegen den Schleier rebelliert. Die ersten Erfolge erzielten die Frauen in Algerien und Ägypten. Beide Staaten bestehen noch in ihren bekannten Grenzen. In Libyen errichtete ein asiatisches Bündnis ein Protektorat, um das Chaos, das die Nato 2011 mit ihrer Intervention auslöste, einzudämmen. Marokko erholt sich ebenso von Interventionen und versucht, die Berberfrage durch neue politische Bezirke zu lösen.

 

Irans Moscheen blieben leer

Der Klerus, ob sunnitisch oder schiitisch, hat sich aus der Politik zurückgezogen. Im Iran gelang dies durch Rückbesinnung der Religiösen auf ihre spirituelle Rolle. Die Moscheen im Iran waren in der einstigen Islamischen Republik eher leer. Nun werden die Gebäude für Klimaflüchtlinge aus den Küstengebieten genützt. Islamistische Parteien existieren nur mehr als Randgruppen, um die Veteranen, so auch ewiggestrige Muslime aus Europa, aufzunehmen.

Im Sommer 2048 bemühen sich die Verantwortlichen in den ethnisch-konfessionellen Kleinstaaten, die nach dem Zerfall des Irak und Syriens sowie des Libanons und Israels, entstanden waren, um regionale Kooperation. Wassernot und Umweltzerstörung zwingen sie dazu. Ein souveränes Kurdistan wurde schon vor 30 Jahren im Nordirak proklamiert, doch die kurdischen Gebiete in der Türkei versuchten sich erfolglos diesem Staat anzuschließen. Es kam zu verheerenden Vertreibungen kurdischstämmiger Menschen aus den großen türkischen Städten.

Auch die Türkei kennt nun eine Kantonisierung, wie der Libanon und Syrien, wo Alawiten, Drusen und andere Ethnien in Ministaaten leben. Ihre Mobilität ist gering, die Angst nimmt langsam ab. Der einstige Irak ist infolge der US-Invasion 2003 in mehrere Teile zerbrochen, wobei die anarchischen Grenzräume dominieren. Grenzen kennen nur der Iran und Ägypten infolge ihrer langen Staatengeschichte. Anders erging es Israel und den palästinensischen Gebieten. Hier begann der große Krieg erst spät, aber umso brutaler wurde im Namen Gottes gefochten. Es war wie einst in Troja – meine Götter gegen deine Götter. Am Schluss blieb nur Asche, denn kein Gott siegte.

Stadtstaaten haben in dem Chaos überlebt. Ähnlich den antiken Vorbildern, wie Byblos oder Ephesos, konnten Tel Aviv, Jerusalem, Istanbul, Beirut, Petra und viele andere bestehen. Ein Grund hierfür war wohl die Lebensbejahung der Menschen, die sie ihren Ahnen und ihrer Liebe zur Kunst verdanken. Musiker und Maler, die im Exil oder Untergrund ausharrten, eröffnen Konzertsäle und Galerien. Beirut musste als Polis am längsten den Fundamentalisten trotzen. Auch in Tel Aviv überlebten Universitäten und die Kulturszene Anschläge ultraorthodoxer jüdischer und anderer Fanatiker.

 

Frauen lenken die Geschicke

Techniker, ob nun aus dem einstigen Israel, dem zersplitterten Libanon, der chaotischen Türkei und Ägypten arbeiten gemeinsam an Lösungen für die Wasser- und Energieversorgung. Die große gemeinsame Not verdammt sie zum Miteinander. Die Köpfe der Levante waren dafür immer bereit, bloß standen Politik und Religionen im Weg. Die Demografie erweist sich wieder als Motor. Die testosterongetriebenen jungen Männer waren lang in die Bajonette gerannt. Die Bevölkerung hat sich um fast zwei Drittel reduziert. Ein Frauenüberschuss führt diesmal nicht zur Polygamie wie in den orientalischen Gesellschaften von Abraham bis Mohammed. Die meisten Frauen übernehmen den Wiederaufbau, also als orientalische Trümmerfrauen, und lenken auch die außenpolitischen Geschicke. Die neue Sherifa von Mekka widmet sich dem Natur- und Tierschutz.

DIE AUTORIN

Karin Kneissl war bis 1998 in Österreichs Diplomatischem Dienst. Seither ist sie freischaffend tätig und schrieb unter anderem für die „Presse“ und andere Zeitungen. Zudem wird sie immer vom ORF als Nahostexpertin zu politischen Analysen eingeladen. Karin Kneissl unterrichtet in Wien und Beirut im Bereich internationale Beziehungen, Energiepolitik und Naher Osten und hat eine Reihe gesellschaftspolitischer Sachbücher verfasst. Zuletzt waren das die Bücher „Testosteron macht Politik“ (2012), „Die zersplitterte Welt“ (2013) und „Mein Naher Osten“ (2014). Sie alle sind im Verlag Braumüller in Wien erschienen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2015)