Bruno Kreisky: Dankbarkeit ist keine Kategorie

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Vor einem Vierteljahrhundert starb Österreichs interessantester Kanzler. Das Alter prüfte ihn aufs Schwerste - Zorn und Verbitterung prägten seine letzte Phase.

Vor 25 Jahren, am 29.Juli 1990, starb Bruno Kreisky. Das Ende hatte sich schon länger abgezeichnet. Am Vorabend rief die engste Vertraute Margit Schmidt Nationalratspräsident Heinz Fischer in dessen Zweithaus auf der Hohen Wand an: Der Chef sei in „ernstem Zustand“ ins Spital eingeliefert worden. Fischer machte sich erbötig, gleich ins Krankenhaus zu kommen, aber Kreisky war nicht mehr ansprechbar. Als er im Koma gelegen ist, „hab ich mich ein letztes Mal von ihm verabschiedet“, sagt Margit Schmidt. Der Tod am nächsten Morgen war eine Erlösung für den Leidenden. Und die Trauerkundgebung in der Säulenhalle des Parlaments glich einem Staatsakt. So verabschiedete sich Österreich von einem „großen Österreicher, einem großen Europäer, einem Staatsmann“ (Heinz Fischer).

„Als Bruno Kreisky schon sehr krank war, ziemlich zum Schluss, bin ich mit ihm in der Armbrustergasse gesessen“, erzählt die treue Seele Margit Schmidt. „Ihn haben die turbulenten Ereignisse in Deutschland, der Fall der Berliner Mauer, die Wende, sehr beschäftigt. Wenn er jünger und gesünder wäre, würde er gern noch einmal nach Berlin reisen. Er hat lang über die Chancen der Zukunft Europas gesprochen. Nach einer Weile hat er mich traurig angeschaut und gemeint: Alt werden ist eine Gemeinheit.“

 

Vereinsamt und verbittert

Das Alter hatte es mit Kreisky nicht gut gemeint. Nur mehr wenige Freunde aus dem In- und Ausland hielten Kontakt. Mit den früheren Genossen hatte er sich zerstritten, die Krankheiten setzten ihm zu, seit dem Tod seiner Frau, Vera, war er sehr allein. Bitterkeit herrschte in der Villa in der Armbrustergasse. „Man sollte eigentlich glauben“, meinte der sozialdemokratische Politologe und Sozialphilosoph Norbert Leser, „dass ein Mensch von diesen vielen Hochgefühlen zehren kann, die er erleben durfte. Aber das war nicht der Fall.“ Leser ist im Vorjahr gestorben. Auch er hat eine Leere im intellektuellen Gefüge der Partei hinterlassen.

Die bittere Einsamkeit war auch auf ein lang zurückliegendes Ereignis zurückzuführen, das die SPÖ in den Achtzigerjahren fast zerrissen hätte: der Machtkampf zwischen den beiden Führungsfiguren Bruno Kreisky und Hannes Androsch. Kreisky gewann seinen blindwütig geführten Vernichtungsfeldzug gegen den jüngeren Herausforderer, allerdings mit leiblichen und seelischen Blessuren. Im Abstand von 35 Jahren betrachtet: Es hat sich nicht dafür gestanden. Kreiskys Pyrrhussieg brachte damals den fähigsten Mann aus seinem Team, einen geborenen Nachfolger mit Charisma, um seine Chance.

Mit Franz Vranitzky, dem Banker, fand er sich lang überhaupt nicht zurecht. Aber die Zeiten, mit ihm die Sozialdemokratie, hatten sich eben gewandelt. Gerade der alte Kreisky hätte dafür Verständnis haben müssen, war er doch jahrzehntelang der bedeutendste Reformator. Die alte SPÖ, die mit Otto Bauer 1934 ihren Untergang gefunden hatte, rückte nach dem Krieg zu einer Volkspartei links der Mitte auf, die sich in wechselnden Koalitionen weiter an der Macht halten konnte. Ein Trend, der sich parallel zu den Entwicklungen im europäischen Umfeld vollzog. Adressat sozialistischer Politik war nun nicht mehr der entrechtete gesellschaftliche Außenseiter – den es nicht mehr gab –, sondern der gleichberechtigte Bürger eines Wohlfahrtsstaats. Und dieser Bürger benötigte die Partei nicht mehr so dringend, um von ihr gegen eine feindliche Umwelt ökonomisch und geistig beschützt zu werden.

Als Vranitzky 1987 dem neuen Koalitionspartner ÖVP das Außenministerium zukommen ließ, kannte Kreiskys Empörung kaum Grenzen. Spontan legte er den Ehrenvorsitz seiner Partei zurück, weil man nicht auf ihn hörte. Nur mühsam konnte Vranitzky eine Annäherung herbeiführen, zumindest für die Öffentlichkeit. Österreichs Botschafter in Bonn, Friedrich Bauer, war dabei hilfreich: Im Dezember 1988 reiste die Hautevolee der Sozialdemokratie Europas nach Godesberg, wo Kanzler Kohl ein Abendessen zu Ehren des 75-jährigen Willy Brandt gab. Kreisky kam im Privatjet seines Freundes Kahane, Botschafter Bauer nahm ihn in Empfang und teilte ihm gleich mit, dass natürlich auch Vranitzky als amtierender SPÖ-Chef kommen würde. Der Alte brummte Unverständliches. Eher Unfreundliches. Und, setzte Bauer fort: Vranitzky würde ihn begrüßen. Der ORF wäre informiert und würde die Szene filmen. Als kurz darauf Vranitzky im Gästehaus eintraf, sagte er zu dem halb blinden, alten Mann: „Guten Abend, Herr Bundeskanzler, schön, dich hier zu treffen.“ Kreisky gab sich einen Ruck und sagte so freundlich, wie er eben konnte: „Servus, ganz meinerseits.“

Der ORF hatte, was er brauchte, in Österreich ging ein Aufatmen durch die schon genervte Innenpolitik. Beim Weggehen sagte Vranitzky zum Botschafter: „Ich hab nicht die Absicht, so lang wie Kreisky in der Politik zu bleiben.“

 

„Im Herzen hat es weh getan“

Immer wieder hat Kreisky in besseren Zeiten das Bonmot verwendet, Dankbarkeit sei keine politische Kategorie. Nun stand er selbst vor diesem seltsamen Phänomen. „Mit dem Kopf hat er das auch akzeptiert, im Herzen hat es doch weh getan“, sagt seine Assistentin, die später das Bruno-Kreisky-Forum aufgebaut und geleitet hat.

Der 1986 gestürzte FP-Obmann Norbert Steger hatte nach dem Verlust des Vizekanzler-Postens ein interessantes Erlebnis. „Lebensangst“ habe er gehabt, sagt er. Es waren die „großen Krokodile“, die sich um ihn kümmerten: Rudolf Sallinger, Anton Benya – und Kreisky: „Wenn Sie geschäftlich ins Ausland fahren, sagen Sie es mir. Sie bekommen von mir Empfehlungsbriefe.“ Kreisky hielt sein Wort. Steger, heute: „Es stimmt also keineswegs, dass die einzigen Menschen, die Kreisky mochte, seine Hunde waren.“

 

Was hinterließ er?

„Ich lege keinen Wert auf Kränze, die die Nachwelt mir flicht“, schrieb „der Alte“ in seinen Memoiren. „Ich lege keinen Wert auf Denkmäler. Was ich gern hätte, wäre, wenn einmal die Periode, in der ich die politischen Verhältnisse in Österreich beeinflussen konnte, als eine Periode der Einleitung großer Reformen betrachtet würde, die ihre gesellschaftlichen Spuren hinterlassen und eine Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse gebracht haben. Nichts wäre grauslicher als der Gedanke, nur administriert zu haben.“

Fünf Jahre nach Kreiskys Tod formulierte Norbert Leser spitz: „Unter den Blinden ist der einäugige König.“ Sagen wir es positiver. Mit einem Zitat, das er oft verwendet hat. Es ist dies die Mahnung des Marquis Posa an Don Carlos, „dass er Sorge tragen möge, die Ideale seiner Jugend zu bewahren, wenn er Mann geworden ist“.
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Am Abend des 29.Juli 1990 ein Gastgarten im Wiener Prater. An einem Tisch saß Hannes Androsch. Allein. Beide haben wir an jenem Tag einen Vater verloren.

Nächsten Montag:
Das Österreichische Hospiz in Jerusalem.

EIN AUSNAHMEKANZLER

Bruno Kreisky (22.Jänner 1911–29.Juli 1990) war von 1970 bis 1983 Österreichs Bundeskanzler. Er engagierte sich schon als Schüler für die Sozialdemokratie, wurde deswegen 1936 zu einem Jahr Kerker verurteilt und emigrierte nach Schweden.

Staatssekretär im Außenamt seit 1951, Mitglied der österreichischen Delegation, die den Staatsvertrag 1955 aushandelte,

Außenminister von 1959 bis 1966,

SPÖ-Vorsitzender und Oppositionsführer ab 1967.

Bundeskanzler. 1970 zunächst mit einer von den Freiheitlichen tolerierten Minderheitsregierung, errang er dann 1971, 1975 und 1979 für die SPÖ jeweils die absolute Mehrheit. Sein Nachfolger sollte Hannes Androsch werden, den er aber 1980 in die Verbannung schickte.

Polit-Pensionist. 1983 zog er sich nach dem Verlust der absoluten Mehrheit ins Privatleben zurück, nicht ohne heftige mediale Kritik an seinen Nachfolgern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2015)