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Hoffen auf Mekka

BELGIUM BRUSSELS AYAAN HIRSI ALI
Ayaan Hirsi Ali (Archivbild)EPA
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Islam-Reform: unrealistisch – aber unvermeidlich! In ihrem Buch „Reformiert euch!“ sieht Ayaan Hirsi Ali die in Medina entstandenen, mehr von Aggression geprägten Teile des Korans als Wurzel gegenwärtiger Probleme.

Ayaan Hirsi Ali ist die bekannteste und brillanteste Islamkritikerin der Welt. Vermutlich ist sie deswegen auch die bestgehasste. In ihrer holländischen Zeit vor rund zehn Jahren ist sie von Mohammed Bouyeri mit dem Tode bedroht worden, der zuvor ihren Freund und Arbeitskollegen Theo van Gogh mit mehreren Schüssen getötet hat. Seither ist sie rund um die Uhr bewacht.

Seit Jahren ist Terror praktisch gleichzusetzen mit islamistischem Terror. Danach folgt immer das gleiche Spiel: Die Terroranschläge werden verurteilt, und zugleich wird vor Islamophobie gewarnt. „Offenbar ist es heutzutage ein Verbrechen, die Wahrheit über den Islam zu sagen. In der derzeitigen Stimmung wird alles, was den Muslimen Unbehagen bereitet, als ,Hass‘ gebrandmarkt“, schreibt Ayaan Hirsi Ali. Kulturrelativisten haben Hochsaison. Islamversteher wetzen die Messer gegen Kritiker und versuchen mit abnehmendem Erfolg, die katastrophalen Entwicklungen auf die mangelnde Willkommenskultur der Europäer zu schieben. Jahrhundertelange Übung wurde zur Schuldkultur: Mea culpa, mea maxima culpa!

Auf diese Schuldkultur prallt die „Kultur der Ehre“ des Islam. Sie wirkt auf westlich erzogene Menschen unverständlich bis archaisch, denn sie basiert auf Stammesdenken, das im Zuge der Aufklärung in Europa zurückgedrängt wurde und nur mehr vereinzeltbei Aschermittwochreden aus der Mottenkiste geholt wird. So kam es zu für uns unfassbaren Erscheinungen, wie permanentes Beleidigt-Sein wegen Trivialitäten, die Stamm, Religion und Propheten kritisierten: die Karikaturen der dänischen „Jyllands-Posten“ und von „Charlie Hebdo“ und viele andere Vorfälle, die hunderte Tote nach sich zogen.

Kritik ist in der Kultur des Islam nicht vorgesehen. Was der Kern unseres philosophischen, kulturellen und politischen Systems seit Kant ist, nämlich kritisches Denken, ist hier nicht vorgesehen. Der Koran, die Betriebsanleitung des Islam, gilt als perfekt und unantastbar. Er ist aber uneinheitlich, widersprüchlich und besteht aus zwei recht unterschiedlichen Teilen, weil auch die Situation für Mohammed verschieden war: In Mekka war er verhasst und schließlich vertrieben worden, während er in Medina mit offenen Armen aufgenommen und zum aggressiven Kriegsherrn und Eroberer wurde.

Daher unterscheidet Ayaan Hirsi Ali die Muslime nach mekkanischen und medinischen, was die Chance eröffnet, den Koran friedlicher zu interpretieren, wenn man sich mehr an den mekkanischen orientiert. Die dritte Gruppe, zu der sie sich selbst zählt, ist die der Dissidenten, einige von ihnen konnten nicht mehr Gläubige sein, viele aber sind Gläubige, darunter „Geistliche, die erkannt haben, dass ihre Religion sich ändern muss, soll ihre Religion nicht zu einem endlosen Kreislauf politischer Gewalt verdammt sein“ und in einem Blutbad enden. Dies ist Hirsi Alis Botschaft. Meinten bisher viele Islamwissenschaftler und auch Hirsi Ali selbst, der Islam wäre unreformierbar, so ruft sie nun den Muslimen zu: „Reformiert euch!“

Hirsi Ali plädiert dafür, „sich auf die Seite der Reformer zu schlagen und ihnen zu helfen, erstens, jene Teile von Mohammeds moralischem Vermächtnis zu identifizieren, das aus Medina stammt, und sich von ihnen zu distanzieren, sowie zweitens, die Mekka-Muslime davon zu überzeugen, diesen Wandel zu akzeptieren und den Aufruf zu Intoleranz und Gewalt zurückzuweisen.“ Dazu schlägt sie fünf Punkte vor, die einer Reform bedürfen: 1. Mohammeds Stellung als Halbgott, 2. die Ausrichtung auf das Leben nach dem Tod, 3. die islamische Rechtslehre (Scharia), 4. die Praxis der Fatwas und 5. die Notwendigkeit des Jihad. Damit sind die meisten Probleme schon angesprochen, die es gilt, auch von theologischer Seite zu ändern. Aus mitteleuropäischer Sicht sind hier drei politische Forderungen zu ergänzen: 1.konsequente Säkularität, 2. Anerkennung der Menschenrechte (statt der Kairoer Erklärung), der Gleichberechtigung der Geschlechter und der uneingeschränkten Glaubensfreiheit inklusive der Freiheit von Religion, also die Sanktionsfreiheit der Apostasie, 3. Toleranz im Sinne der europäischen Aufklärung und ihrer Werte, nicht im Sinne der Duldung von Nichtmuslimen als „Dhimmi“, das bedeutet: keine Verachtung von „Ungläubigen“, Pluralismus von religiösen und nicht religiösen Weltanschauungen als Selbstverständlichkeit, Abschied von der Idee der Überordnung des Islam („Siadat“).

Dieses Buch beschreibt die Fesseln der Religion und die Willkür, die Freibriefe für Gräueltaten ausstellt. Mit Beispielen wird beschrieben, wie Mütter ihre Söhne stolz zum Märtyrertum „erziehen“. Die ganze Welt steht gebannt vor dem Phänomen des politischen Islam, und selbst der geistigen Elite ist nicht viel Besseres eingefallen als die Leugnung der schrecklichen Realität und die Beschimpfung der Überbringer der Nachricht als Islamophobe. Sollte es gelingen, diese Gedankenwelt physisch oder viral zu vermehren, steuert alles auf einen größeren „clash“ mit Blutvergießen zu. Will man diesen vermeiden, muss man um die Reformwilligen werben: die Mekka-Leute, die Frauen und die Integrierten. Hirsi Ali sieht einen Lichtblick in der großen Zahl friedliebender Muslime, die am liebsten aus der „geschlossenen Gesellschaft“ ausbrechen würden, vor der Karl Popper gewarnt hat.

Was hat das mit uns zu tun? Statt sich unserer Werte bewusst zu sein (Aufklärung, Demokratie, Menschenrechte und kritisches Denken), gibt man sich mit Lippenbekenntnissen zufrieden. In einem Akt galoppierender Rückgraterweichung stellte man saudischen Missionaren am Schottenring ein Palais samt Diplomatenpässen zur Verfügung, statt dort ein Sir-Karl-Popper-Institut unterzubringen. Man ließ es zu, dass es in Wien mehr Moscheen als in Bagdad gibt und in vielen Kindergärten der Nachwuchs orthodox-muslimisch erzogen wird, also lernt, dass Ungläubige zu verachten sind, Kritik unzulässig ist und das Leben nach dem Tod wichtiger ist: Die perfekte Immunisierung gegen jede Integration mitten in Europa.

Ayaan Hirsi Ali

Reformiert euch!

Warum der Islam sich ändern muss. Aus dem Englischen von Michael Bayer, Enrico Heinemann und Eva-Maria Schnitzler. 304 S., geb., € 20,60 (Knaus Verlag, München)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2015)