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Das Schiff der letzten Reise

Alban Nikolai Herbsts beinahe fröhlicher Roman über das Sterben: „Traumschiff“.

Einhundertvierundvierzig Personen an Bord haben es – das besondere Bewusstsein, dass sie auf dem „Traumschiff“ eine Reise angetreten haben, um nicht mehr von Bord zu gehen. Die Zeit steht still für sie in Alban Nikolai Herbsts neuem Roman, „und das Schiff bewegt sich durch sie hindurch“. „Schließliche Menschen“, seien sie, wie es einmal heißt, eine „Reisegesellschaft der Sterbenden“. Sie bleiben, um zu gehen, auf dem Kreuzfahrtschiff, das zum Totenschiff wird. „Für die Toten an Bord gibt es aber Kühlzellen, vier.“

Zu Beginn seiner letzten Reise hat Gregor Lanmeister noch klare Momente. Einmal hört er den Doktor von einem zweiten Schlaganfall sprechen, doch die Verbindung zu den Lebenden ist schon unterbrochen. Er spricht nicht mehr und versinkt – von außen betrachtet – immer tiefer in ein halluzinatorisches Verdämmern.

Das Innenleben des Ich-Erzählers Gregor gebiert paradoxerweise immer klarere Ideen, feinere Beobachtungen und schönere Einsichten. Vom Südatlantik bis zum Ärmelkanal führt ihn seine letzte Reise, während der er seine Betrachtungen aufzeichnet. „Es ist nicht leicht, einen Körper wirklich zu erfassen, nicht einmal den eigenen. Das ist sogar viel schwieriger, als die Seele zu verstehen. Wie eng sie mit ihm verwandt ist, merken wir aber, wenn er ermüdet. Wie vernäht unsere Augen mit ihm sind. Wie dicht die Seele in jeden Muskel geknüpft ist.“

Ein „Russenkind“ war er in Nachkriegsdeutschland gewesen, vaterlos aufgewachsen, mit einer Mutter, die ihm ihre Liebe nicht zeigen konnte. Ein erfolgreicher Geschäftsmann ist er später geworden, der vor illegalen Methoden im Halbleiter-Business nicht zurückschreckte. Ein Frauenheld dazu, den seine Exfrauen mit Klagen überzogen haben und der seinen Kindern kein Vater war. Keineswegs ein Sympathieträger also, der uns ins Innere seines Geistes mitnimmt – und uns doch zunehmend ans Herz wächst.


Die Feenseeschwalbe

Eine letzte Liebe treibt Gregor um, die zu Kateryna, einer jungen russischen Pianistin, die er zärtlich „Lastotschka“ oder ukrainisch „Lastivki“, Feenseeschwalbe, nennt. „Ich liebe dich, Schwalbe, doch uneigennützig. Ich liebe dich ganz ohne mich.“ Mit einigen der anderen Auserwählten, die ihre letzte Reise angetreten haben, freundet er sich intensiv an. Monsieur Bayoun, einer aus dieser bunten Sterbensgesellschaft, macht Gregor mit dem Mah-Jongg bekannt, dem „Sperlingsspiel“ und seinen 144 Ziegeln.

Alban Nikolai Herbst (geboren 1955 in Bensberg, Nordrhein-Westfalen) gelingt trotz der Totenschiff-Thematik ein beinahefröhlicher und tröstlicher Roman über das Sterben, der die Außenwelt der Lebenden fad aussehen lässt. „Wir bewegen uns über die Oberfläche der Zeit darauf zu. Was wir den Tod nennen, steht einfach still. Das genau ist sein Wesen. Nur wir sind unterwegs. Er bleibt, wo er ist, und das Traumschiff schiebt sich ihm Raumsekunde für Raumsekunde entgegen. Das ist es, was wir Sterben nennen.“

Es ist eine verschlossene Welt des Bewusstseins, in die uns das „Traumschiff“ mit literarischen Mitteln entführt. Ein bemerkenswerter Roman über die gesteigerte Lebensintensität vor dem Tod, oft lakonisch-komisch, oft sehr berührend, mit einer wirklich unerwarteten Schlusspointe, die uns dem unzuverlässigen Erzähler aber nicht entfremdet: Wer, wenn nicht ein Sterbender, dürfte die Welt ganz nach seiner Wahrnehmung gestalten? ■

Alban Nikolai Herbst

Traumschiff

Roman. 320 S., geb., €22,70 (Mare Verlag, Hamburg)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2015)