Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Sex im Harem und das "Gesetz des Urinierens"

Sex im Harem als Forschungsgegenstand.
Sex im Harem als Forschungsgegenstand.(c) Imago (imago stock&people)
  • Drucken

Die Harvard University hat zum 25. Mal den "Ig"-Nobelpreis für kuriose Forschungen verliehen. Zum zweiten Mal gewannen Österreicher.

Kann der marokkanische Sultan Mulai Ismail in 30 Jahren wirklich 888 Kinder gezeugt haben? Warum pinkeln fast alle Säugetiere etwa 21 Sekunden lang? Und an welcher Stelle des Körpers tut ein Insektenstich am meisten weh?  Abwegige Fragen? Möglicherweise, aber renommierte Wissenschafter haben sich damit beschäftigt - und sind dafür in der Nacht auf Freitag mit Ig-Nobelpreisen ausgezeichnet worden. Die an der Harvard University zum 25. Mal vergebenen Auszeichnungen sollen "das Ungewöhnliche feiern und das Fantasievolle ehren" und belohnen Forschung, die "erst zum Lachen und dann zum Denken anregt". Der Preis-Name ist ein Wortspiel (ignoble heißt auf Deutsch unwürdig).

Zwischendurch fliegen bei der so ganz anderen Preisverleihung Papierflieger durch die Luft. Die Geehrten kommen oft verkleidet auf die Bühne, präsentieren Sketche oder singen ihre Dankesreden. Wenn die zu lang ausfallen, kommt ein kleines Mädchen ("Miss Sweetie Poo") auf die Bühne und schimpft: "Bitte hör' auf, mir ist langweilig." Im Publikum sitzen echte Nobelpreisträger, die die Papierflieger nach dem Ende der auch live im Internet übertragenen Show wieder zusammenkehren müssen. Zwischendurch werden bizarre Kurz-Opern aufgeführt und Treffen mit den echten Nobelpreisträgern verlost. Die Trophäe besteht in diesem Jahr aus einem Blumentopf - ohne Pflanze.

 

Papierflieger bei der Preisverleihung.
Papierflieger bei der Preisverleihung.(c) APA

Preis für Österreich: Sex im Harem

Der marokkanische Herrscher Mulai Ismael (1634-1727), genannt der "Blutrünstige", soll laut Guinness Buch der Rekorde 888 Kinder gezeugt haben. Die Biologen Elisabeth Oberzaucher und Karl Grammer (Uni Wien) haben mit Hilfe eines mathematischen Modells analysiert, ob und unter welchen Voraussetzungen das möglich war - und wurden dafür mit dem "Ig-Nobelpreis" in der Kategorie Mathematik ausgezeichnet. Zum zweiten Mal geht der Preis damit nach Österreich. Bereits 2011 erhielten die Forscher Natalie Sebanz, Isabella Mandl und Ludwig Huber von der Uni Wien den Ig-Nobelpreis für ihre Studie, dass Gähnen bei Rotfußschildkröten nicht ansteckend wirkt.

Oberzaucher und Grammer legten ihren Untersuchungen den Bericht eines französischen Diplomaten aus dem Jahr 1704 zugrunde, der damals notierte, dass Moulai 600 Söhne von vier Ehefrauen und 500 Konkubinen hatte. Berücksichtigt man, dass damals lediglich die Töchter der Gattinnen leben durften, während jene der Konkubinen nach der Geburt getötet wurden, kamen die Forscher auf eine Kinderzahl von rund 1171 in einer Zeitspanne vom Antritt seiner Regentschaft 1672 bis 1704, also 32 Jahre.

Religiöse Tabus und Fehlgeburten einberechnet

Da der Diplomaten-Bericht die einzige verlässliche Quelle aus dieser Zeit ist, konzentrierten sich Oberzaucher und Grammer auf die ersten 32 Jahre der Regentschaft des "Blutrünstigen" - obwohl sein "Reproduktionserfolg" bis zu seinem Tod 1727 wahrscheinlich substanziell höher war. Seinen Beinamen verdankte der Mann übrigens auch seinen brutalen Methoden zur Sicherstellung seiner Vaterschaft.

Für ihre Publikation erstellten die beiden Forscher ein Computermodell von Ismaels Reproduktionsbemühungen. Dabei galt es die unterschiedlichsten Faktoren zu beachten: Das reicht von unterschiedlichen Modellen, mit denen die Wahrscheinlichkeit der Zeugung eines Kindes während des weiblichen Zyklus bewertet werden, über religiöse Tabus (kein Geschlechtsverkehr während der Menstruation) bis zum Einbeziehen von Fehlgeburten. Außerdem kalkulierten die beiden Biologen die Möglichkeiten ein, dass der "Blutrünstige" einerseits auf Zufallsbasis wilden Sex haben könnte, aber auch, dass bei der Wahl seiner Sexpartnerinnen durchaus auch Liebe und Favoritinnen eine Rolle gespielt haben. Vor Probleme gestellt haben dürfte ihn auch die Tatsache, dass in einem Harem sich der Ovulationsrhythmus der Frauen angleicht.

"Fingerübung im Programmieren"

Trotz all dieser Unwägbarkeiten kamen die Forscher zum Schluss, dass Moulay Ismael seine kolportierte Kinderanzahl tatsächlich aus eigener Kraft geschafft haben könnte. Außerdem zeigten sie, dass er dazu sogar weniger Sex haben musste als in bisherigen Forschungsarbeiten angenommen - und dass sein Harem eigentlich zu groß war: 65 bis 110 Frauen würden zum Reproduktionserfolg ausreichen.

Den Ig-Nobelpreis findet Grammer "zunächst einmal lustig", wie er betonte. Verbunden damit sei aber auch die Hoffnung, "dass nun der Artikel häufiger zitiert wird". Auf das Thema sei er während eines Vortrags vor 1000 Reproduktionsmedizinern gekommen, "als ich mich fragte, wie hoch der Aufwand für die menschliche Produktion sei", sagte Grammer. Weil die Mediziner keine Antwort gewusst hätten, habe er mit Oberzaucher nachgerechnet, wobei er die Arbeit als "Fingerübung im Programmieren" bezeichnete. "Das ist wirklich eine Menge Arbeit", sagt Oberzaucher, "er müsste jeden Tag seines Lebens ein- bis zweimal Sex gehabt haben."

"Das Gesetz des Urinierens"

Ein Team um Patricia Yang aus den USA bekam die Auszeichnung in der Kategorie Physik, weil es herausfand, dass fast alle Säugetiere ihre Blase innerhalb von 21 Sekunden - oder bis zu 13 Sekunden schneller oder langsamer - leeren. Die Wissenschafter nennen es das "Gesetz des Urinierens".

Die Präsentation des
Die Präsentation des "Gesetzes des Urinierens".(c) Reuters

Ein Ig-Nobelpreis ging an mehrere Forscher unter anderem aus Japan und der Slowakei. Sie hatten sich mit Auswirkungen und Nutzen von intensivem Küssen beschäftigt haben. "Wie Ihr Euch sicher vorstellen könnt, war das ziemlich harte Arbeit", sagte Jaroslava Durdiaková in ihrer Dankesrede.

Mark Dingemanse aus den Niederlanden und seine Kollegen wurde für die Entdeckung geehrt, dass das Wort "huh?" (in Deutsch: hä?) scheinbar in allen Sprachen der Welt vorkommt - und auch dafür, dass sie nicht wissen, warum das so ist.

Forscher um Diallah Karim aus Großbritannien werden geehrt, weil sie entdeckt haben, dass eine akute Blinddarmentzündung korrekt diagnostiziert werden kann - anhand der Stärke des Schmerzes, der auftritt, wenn der Patient über eine Bodenschwelle zur Geschwindigkeitsbegrenzung gefahren wird.

Michael L. Smith von der Cornell University in den USA bekam den Preis, weil er sich von Bienen stechen ließ, um herauszufinden, wo es am wenigsten weht tut (Kopf, mittlere Zehenspitze, Oberarm) und wo am meisten (Nasenflügel, Oberlippe, Penis).

Sex im Harem: Die Preisträger

Elisabeth Oberzaucher, die die Auszeichnung bei der skurrilen Verleihungs-Zeremonie selbst abholte, wurde 1974 in Förolach (Kärnten) geboren. Sie studierte an der Uni Wien Biologie und schrieb ihre Diplomarbeit (2000) zum Thema "Phytophilie, die positiven Auswirkungen von Grünpflanzen auf die kognitive Leistungsfähigkeit". Ihr Doktoratsstudium am Ludwig-Boltzmann-Institut für Stadtethologie schloss sie 2003 ab. Sie lehrt am Department für Anthropologie der Uni Wien und ist Herausgeberin des Fachjournals "Human Ethology Bulletin".

Der gebürtige Deutsch Karl Grammer (Jahrgang 1950) studierte Zoologie an der Uni München, forschte an der damals von Irenäus Eibl-Eibesfeldt geleiteten Forschungsstelle Humanethologie der Max-Planck-Gesellschaft in Seewiesen, wo er auch seine Doktorarbeit schrieb. 1990 habilitierte er sich an der Uni Wien, wo er von 1991 bis 2008 das Ludwig-Boltzmann-Institut für Stadtethologie leitete und als Professor am Department für Anthropologie tätig ist.