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Die Revolte im KZ Auschwitz gegen die SS

Carnations are placed on the barbed wire in the former Nazi death camp of Auschwitz in Oswiecim
(c) REUTERS
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Oktober 1944. Der einzige Aufstand der Häftlinge gegen ihre Peiniger endete nach 12 Stunden tödlich.

Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, 7. Oktober 1944. Es ist Sabbat. Jüdische Häftlinge, Mitglieder der „Sonderkommandos“, treten wie jeden Tag ihren Dienst an den Gaskammern an. Ihr grausiger Job: Die Leichen der soeben erstickten Juden müssen zu den Verbrennungsöfen gekarrt werden. Als Mitwisser des Massenmordes wissen die Angehörigen dieses „Sonderkommandos“ natürlich, dass sie selbst dem Tod geweiht sind.

An diesem 7. Oktober 1944 kommt es zum einzigen und letzten Aufbäumen der KZ-Häftlinge gegen ihre Peiniger. Die Revolte ist lang geplant worden, jetzt bricht sie blitzschnell aus. Der Aufstand in Auschwitz dauert nur wenige Stunden. Nach 12 Stunden sind alle 452 Häftlinge– auch jene, denen die Flucht aus dem Lager gelungen ist – wieder eingefangen und erschossen. Ihre Namen sind nicht überliefert. Nur die drei SS-Leute, die dabei ums Leben kamen, sind identifiziert.

Auf diesem „Todesplaneten“ namens Auschwitz, schreiben die Historiker Gideon Greif und Itamar Levin, „auf dem die Lebenserwartung in Tagen gemessen wurde und der Wert des Menschenlebens gleich Null war, stellte dieser Aufstand einen Sieg des Geistes über diejenigen dar, die alle existierenden menschlichen Werte verachteten, einen Sieg der Moral über diejenigen, die die bestialische Natur zu ihrem Ziel wählten.“

Schon einmal, im August, hatten griechische und ungarische Häftlinge geplant, während des Abend-Appells den SS-Männern deren Waffen zu entreißen, sie zu töten und aus dem Lager zu fliehen. Jetzt war es so weit. Als ein SS-Mann zu Mittag einen Häftlinge mit dessen Nummer aufruft, zückt der einen Hammer und schlägt auf seinen Peiniger ein. „Hurra!“: Das ist das vereinbarte Zeichen. In Windeseile legen die Häftlinge Feuer an das Gebäude der Gaskammer 4 samt dem Krematorium, dann versuchen sie, zu fliehen. Die Flammen schlagen bereits lichterloh heraus, als die SS-Verstärkung aus dem Hauptlager in Lastkraftwagen herbei rast: Hunderte Wachmänner mit Stahlhelmen schießen blindlings in die Menge der Häftlinge, die panisch reagieren. Jeder rennt um sein Leben, sucht nach Deckung.

Das Gebäude brennt total ab, ist nicht mehr zu verwenden, aber die Flucht gelingt nur wenigen der Aufständischen. Wie sollte sie auch? Die Umgebung des KZ ist eine weitete menschenleere Ebene, ideal als Schussfeld für die Schergen. Wer von der SS lebend gefangen wurde, musste sich auf die Erde legen, das Gesicht zum Boden gewandt. In einer langen Reihe lagen sie. Jeder Dritte wurde mit Genickschuss erledigt. Der Rest verhört, gefoltert, schließlich „erledigt.“ Fast keiner hat überlebt.

 

Ausstellung: Getto Litzmannstadt

Das Jüdische Museum Wien zeigt ab nächster Woche „Post41. Berichte aus dem Getto Litzmannstadt“ in der Dorotheergasse. Die Ausstellung dokumentiert Zeugnisse aus dem Getto Litzmannstadt. Postkarten und Tagebücher, Auszüge aus der Gettochronik sowie Foto- und Filmbeiträge bilden Versatzstücke einer Erzählung, die sich im Grunde nicht erzählen lässt. 70 Jahre nach der Räumung des Gettos widmen Institutionen in Wien und Łódź jenen 5000 Juden, die 1941 vom Wiener Aspangbahnhof nach Łódź deportiert wurden, diese Ausstellung und ein Gedenkbuch.

Buchtipp:

Gideon Greif, Itamar Levin

Aufstand in Auschwitz

Böhlau, 300 Seiten, 25,60 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2015)