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Ein Lagerwahlkampf, aber nur unter Bürgerlichen

Was ist heute noch freiwillig „bürgerlich“? Der Begriff ist dank gnadenloser Inflation völlig unbrauchbar geworden.

Im Vorfeld der Bundespräsidentenwahl wird von einem „Lagerwahlkampf“ gemunkelt. Bürgerliches Lager gegen, ja gegen wen? Ganz genau weiß man es nicht, denn es gibt ein großes Rätsel: Was bedeutet „bürgerlich“, wenn in diesem Wort die FPÖ inkludiert ist, während dem SP- bzw. Grünkandidaten das Etikett „nicht bürgerlich“ verpasst werden soll?

Nicht nur der Kongress tanzt, sondern in dieser Jahreszeit auch das Bürgertum. So das Vorurteil gegen den Opernball, wenn jedes Jahr am Ende der Faschingszeit auf selbigen geeilt wird, um sich dort mühsam übers Parkett zu drängeln. Der indiskrete Charme der Bourgeoisie und ihrer Restbestände? Ist der Opernball, eigentlich offiziell Regierungsfasching, tatsächlich ein Lagerball? Und wer beansprucht das proletarische Lagerbier für sich?

Merkwürdig, dass sich das vermeintliche Bürgertum ausgerechnet mittels Linkswalzer selbst äußerln führt. Angesichts dessen haben sogar die einst traditionellen Opernballdemonstranten resigniert. Gegen ein Phantom der Oper kann man nicht demonstrieren. Zudem gibt es ein Distinktionsproblem. Bekleidet mit Frack und Ordenslametta schunkeln alle im Gleichklang vor sich hin, der Sozialdemokrat ist vom ÖVPler ebensowenig zu unterscheiden wie beide vom FPÖ-Grenzgänger.

 

Frack, Orden, Narbengesicht

Auch wenn der Verdacht besteht, dass der eine oder andere Gast mit Zugehörigkeit zu einer angeblich bürgerlichen Partei die in bürgerlichen Kreisen einst übliche Erziehung umschifft haben dürfte, da der Umgang mit Messer und Gabel – wie manche Narbe im Gesicht verkündet – nicht ausreichend eingeübt worden ist.

Es fällt schwer, den Begriff des „Bürgerlichen“ überhaupt noch in irgendeinen Zusammenhang zu bringen. Vielmehr stellt sich die Frage, ob der Begriff im heutigen politischen Leben noch einen wie immer gearteten Sinn hat.

Die Begriffsklärung ist schwierig. Schon Karl Marx hatte seine liebe Not mit dem Bürgerlichen und schwankte zwischen civil society, bourgeois society und middleclass society. Davon ausgehend, dass die bürgerliche Gesellschaft erst mit der Bourgeoisie entstanden ist, nimmt der Begriff „bürgerlich“ unmittelbar Bezug auf das neue Privateigentum an Produktionsmitteln.

Sich der Abschaffung des Privateigentums zu verschreiben gilt als nicht bürgerlich. Aber dann sind alle halbwegs bekannten Parteien Österreichs – selbst die KPÖ – in diesem Sinne bürgerlich, da keine ernsthaft eine Abschaffung anpeilt. Die Arbeiterklasse ist bei Marx einerseits bürgerlich (als Klasse der bürgerlichen Gesellschaft). Durch die ihr zugeschriebene Fähigkeit, die Klassenverhältnisse aufzuheben, ist sie gleichzeitig der bürgerlichen Gesellschaft nicht zugehörig. Ein dialektischer Zirkelschluss ohne Erkenntnisgewinn.

Der Rückgriff auf Aristoteles bringt auch nichts: In der polis galten nur Männer als Bürger (ebenso wie im mittelalterlichen Stadtrecht, als die Eigenschaft des „Bürgers“ an den Besitz von Liegenschaften geknüpft war).

 

Vom Proletarier zum Bürger

In der Hegel'schen Rechtsphilosophie nimmt die bürgerliche Gesellschaft einen zentralen Platz ein. Stark vereinfacht gesagt, setzt Hegel die Existenz eines Staates voraus, und die bürgerliche Gesellschaft ist eine Instanz, die zwischen Familie und den Staat tritt, quasi mit der Entwicklung der modernen Welt hinzukommt.

Hegel begreift die bürgerliche Gesellschaft getrennt vom Staat, wobei diese aber der Bändigung durch den Staat bedarf. Womit wir zum paradoxen Schluss kämen, dass die Sozialdemokraten mit ihrem Staatsverständnis bürgerlicher sind als die ÖVP.

Wäre es vielleicht ein Ausweg, sich auf die Alltagsbedeutung dieses Begriffs zu beschränken? Dann sind Konservative und Liberale aller Art eben bürgerlich, Sozialdemokraten und sonstige Linke aber nicht. Doch Eduard Bernstein schrieb 1899: „Kein Mensch denkt daran, der bürgerlichen Gesellschaft als einem zivilistisch geordneten Gemeinwesen an den Leib zu wollen. Im Gegenteil.“

Bernstein verlangte, nicht die Gesellschaft zu proletarisieren, sondern die Arbeiter vom Proletarier zum Bürger zu erheben, damit das Bürgertum zu verallgemeinern. Im zum Bürger mutierten Proletarier sah Bernstein das Wesen der sozialistischen Gesellschaft.

 

Eine anonymisierte Klasse

Heute wird der Begriff der bürgerlichen Gesellschaft längst von anderen Begriffen überwuchert: Leistungs- und Konsumgesellschaft müssen ebenso dafür herhalten wie Informations- oder Wettbewerbsgesellschaft. Die bürgerliche Gesellschaft hat sich als Begriff anonymisiert, und mit ihr die dazugehörige Klasse. Oder wie Roland Barthes 1957 formuliert hat: „Die Bourgeoisie definiert sich als die politische Klasse, die nicht benannt sein will.“

Nur am Opernball blinken Äuglein und Orden. Man spielt Bürgertum – inklusive des Auftriebs unvermeidlicher schwarzer Schafe. Man will zumindest gesehen und für bürgerlich gehalten werden – trotz der bereits erwähnten Schwierigkeit, dass die Bürgerlichen von den Nichtbürgerlichen nicht unterscheidbar sind.

Man kann es also drehen und wenden, wie man will: Der Begriff des Bürgerlichen taugt zu nichts. „Bürgerlich“ ist ein inhaltsleeres Schlagwort mit Propagandafunktion geworden. Der Begriff ist sinnlos in einer Zeit, da auch die Straches, die Gudenusse und wie sie alle heißen dem „bürgerlichen“ Lager zugerechnet werden; am besten, man streicht ihn aus dem allgemeinen Sprachgebrauch. Er ist dank gnadenloser Inflation unbrauchbar geworden.

Auch der Ansatz, die Frage mittels bürgerlicher Tugenden zu klären, scheitert. Die Tugend der Sparsamkeit! Welcher Politiker kann sie ernsthaft für sich in Anspruch nehmen? Da muss man gar nicht „Hypo Alpe“ murmeln, es genügt ein Blick auf Budgetdefizite und den dafür gelieferten Gegenwert.

 

Wo bleibt die Wahrheitsliebe?

Mit der Wahrheitsliebe (Teil bürgerlicher Ordentlichkeit) ist es auch nicht weit her. Einerseits ist die Wahrheit ebenso eine Tochter von Präsidentschaftskandidat Andreas Khol wie die Auslegung des Wortes Nächstenliebe. Andererseits ist auch das Geschwurbel rund um „Richtwert“ und „Obergrenze“ nicht recht wahrheitsaffin. Ob die FPÖ mittels des Wortes „Staatsfeind“ für den Kanzler bürgerlicher Höflichkeit frönt, darf ebenfalls bezweifelt werden.

Was also ist bürgerlich und vor allem: Wo ist das dazugehörige Lager? Der einzige Lagerwahlkampf, der sich abzeichnet, ist der zwischen Gutmenschen und Schlechtmenschen (ein Begriff, der längst nach Aufnahme in den rationalen Diskurs schreit).

Wer sich heute noch freiwillig „bürgerlich“ nennt . . . Aber das sollen angeblich Bürgerliche gefälligst unter sich selbst ausmachen! Am besten in einer Loge am Opernball. Der behauptete Lagerwahlkampf findet auf jeden Fall unter ihresgleichen statt.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Michael Amon
(*1954 in Wien) lebt als freier Autor in Gmunden und Wien. Der Romancier und Essayist ist außerdem geschäftsführender Gesellschafter einer kleinen Steuerberatungskanzlei. Zuletzt erschien von ihm der Kriminalroman „Nachruf verpflichtet“ als Band drei der „Wiener Bibliothek der Vergeblichkeiten“ (echomedia Buchverlag). Band vier,
„Der Preis der Herrlichkeit“, soll im
Frühsommer erscheinen. [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2016)