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Der Riss

Präfektur Fukushima, fünf Jahre nach der Nuklearkatastrophe: Noch immer leben Tausende in Notunterkünften. Bagger tragen verseuchtes Erdreich ab, Arbeiter fällen Bäume, ganze Wälder sind abgeholzt. Nach einem Endlager für das kontaminierte Material freilich wird noch immer gesucht. Ein Lokalaugenschein.

Am 11. September 2011, genau ein halbes Jahr nach der Katastrophe von Fukushima, bildeten Hunderte in Tokio eine Menschenkette gegen die Atompolitik ihres Landes. Es war der Auftakt anhaltender Proteste gegen die Atomenergie. Am selben Tag errichteten Anti-AKW-Aktivisten auf einem Grundstück vor dem Industrie- und Handelsministerium im Tokioter Regierungsviertel Kasumigaseki mit Anti-AKW-Parolen versehene Zelte und begannen einen Sitzstreik. Mit dieser Aktion wollten sie über Fukushima informieren, einen Ort des freien Meinungsaustausches schaffen und, als oberstes Ziel, den Ausstieg Japans aus der Atomenergie erreichen.

Im Februar 2015 wurden die Anti-Atom-Aktivisten vom Tokioter Bezirksgericht zur Räumung und zur Zahlung einer Geldstrafe von 20.000 Yen, umgerechnet rund 150 Euro, für jeden Tag der Besetzung verurteilt, mit der Begründung, dass die Zelte wichtige Hinweistafeln des Ministeriums verstellten und damit Besucher behinderten. Die Gruppe ist mittlerweile in der Plattform „keizaishomae tentohiroba“ organisiert (in etwa: Zeltforum vor dem Industrieministerium) und informiert auf ihrer Website tentohiroba.tumblr. com über die aktuellen Entwicklungen und Aktionen.

Durch meinen ersten Besuch bei den Anti-AKW-Zelten vor dem Industrieministerium im Herbst 2011 lernte ich die Kindergärtnerin Sadako Monma in Fukushima-Stadt kennen, rund 60 Kilometer vom AKW Fukushima entfernt. „Soramame no iie“, Riesenbohnenhaus, hatte sie ihren Waldorfkindergarten liebevoll benannt, in dem sie Pädagogik nach Rudolf Steiner praktizierte. Am 15. März 2011 ging radioaktiver Niederschlag über dem Viertel nieder. Es kam keine Hilfe der Behörden, es gab keine Informationen.

Sadako Monma schritt zur Selbsthilfe. Unterstützt von Greenpeace und dem „Fukushima Netzwerk zum Schutz der Kinder vor Radioaktivität“ dekontaminierten sie und ihre Mitarbeiter gemeinsam mit Eltern,Freunden und Freiwilligen 100 Quadratmeter Spielplatz, trugen das Erdreich ab, vergruben es in einem tiefen Loch.

Rund ein halbes Jahr später wurden dort immer noch Radioaktivitätswerte bis zu 5,4 Mikrosievert pro Stunde gemessen. Jeder Regen brachte eine neue Flut verseuchter Blätter und verstrahltes Erdreich, und die Werte stiegen. Ihr Versuch, selbst zu dekontaminieren, sei naiv gewesen, meinte Sadako Monma später. Es sei ihr klar geworden, dass sie mit dem Kindergarten wegziehen müsse. Wegen der Absiedlung vieler Menschen aus Fukushima kamen damals nur mehr neun von zuvor 23 Kindern in ihren Kindergarten. Ein finanzielles und menschliches Desaster für sie: „Die Kinder konnten nicht mehr draußen spielen. Ich musste ihnen ständig sagen: Geht dort nicht hin, greift das nicht an. In so einem Umfeld kann ich Kinder nicht aufwachsen lassen.“

Rund 60.000 Menschen haben die Präfektur Fukushima „freiwillig“ verlassen, 24.500 davon sind unter 18 Jahren. Insgesamt gibt es fünf Jahre nach der Katastrophe noch immer rund 120.000 Evakuierte. Abgesehen von den finanziellen Auswirkungen (Anspruch auf staatliche Entschädigung haben nur jene, die zwangsevakuiert wurden, „freiwillige“ Flüchtlinge – die Behörden sprechen von „selbstbestimmter Flucht“ – jedoch nicht) sind die sozialen Folgen des Fortgehens enorm. Es bedeutet, Verwandte, Freunde und sogar Ehepartner zurückzulassen, das gesamte soziale Netzwerk aufzugeben.

Im Dezember 2012 schrieb mir Sadako Monma in einer E-Mail, dasssie mittlerweile mit ihrem Kindergarten rund 20 Kilometer ins Landesinnere umgezogen sei. Im Frühjahr 2013 besuchte ich sie. Der Kindergarten war in einem alten Bauernhaus einquartiert. Die drei Kinder wirkten etwas verloren in dem großen Raum, betreut von ihr und zwei Helferinnen. Die Gegend gilt offiziell als sicher, in den Handel kommen laut offiziellen Angaben nur geprüfte, unbedenkliche Nahrungsmittel. Sadako Monma hatte trotzdem Zweifel. Sie erzählte, dass sie für die Kinder nur Reis und Gemüse koche, die nicht aus der Präfektur Fukushima stammten, und dass sie kein Leitungswasser verwende. Sie selbst esse aus Solidarität mit den Bauern auch Produkte aus der Umgebung. Um ihre eigene Gesundheit mache sie sich keine Sorgen, meinte die knapp über 50-Jährige, ihr halbes Leben habe sie bereits hinter sich. Damals erhielt sie Geld von Tepco, der AKW-Betreiberfirma. Tepco hatte ihr eine monatliche Schadenersatzzahlung zugestanden, in der Höhe von 71 Prozent der Einnahmen, die sie mit ihrem Kindergarten vor dem Unfall im AKW erzielt hatte.

Im Juli 2014 trafen wir uns abermals in Fukushima-Stadt. Wir aßen in einer Sushi-Bar zu Abend. Das Gespräch kam nur mühsam in Gang. Sie wirkte niedergeschlagener denn je. Finanzielle Sorgen bedrückten sie. Sie erhalte jetzt nur mehr ein Viertel der Entschädigung von Tepco, sagte sie. Nach Abzug der Steuern bleibe kaum etwas übrig. Sie überlege, ob sie nicht aus der Präfektur Fukushima wegziehen und irgendwo – vielleicht sogar im Ausland – neu beginnen solle. Ende November vergangenen Jahres erreichte mich eine E-Mail: Sie werde ihren Kindergarten kommenden März schließen.

Alle Kinder aus Fukushima wegzubringen, das hatte sich das „Fukushima Netzwerk zum Schutz der Kinder vor Radioaktivität“ zum Ziel gesetzt. Gegründet wurde das Netzwerk von der Biobäuerin Sachiko Sato. Sachiko Sato betrieb bis zum 11. März 2011 in Kawamata-Machi, rund 45 Kilometer vom AKW entfernt, biologischen Landbau. Für sie war klar, dass es hier keine Zukunft für biologischen Landbau mehr geben konnte. Ihre fünf Kinder hatte sie bereits am 12. März in Sicherheit gebracht. Nun wollte sie die Evakuierung für alle Kinder in Fukushima durchsetzen und wurde zur Aktivistin. Vorübergehend gelang es ihr, viele Frauen zu mobilisieren, vorübergehend sah es auch so aus, als entstehe aus dem Kampf für ein sicheres Leben der Kinder und gegen die Atomenergie eine neue Frauenbewegung. Wenn es gelänge, Japan und die Welt zum Umdenken zu bringen, und zur Abkehr von der Atomtechnologie, dann habe die Katastrophe von Fukushima einen tieferen Sinn gehabt, meinte sie damals noch. Eineinhalb Jahre später, im Frühjahr 2013, war von ihrer Energie nichts mehr zu spüren. Sie wirkte müde und resigniert. Es habe bis datokein einziges Treffen mit Behördenvertretern gegeben, erzählte sie bei einer Tasse Tee in ihrem leeren Büro in Fukushima-Stadt. Dem Netzwerk seien nach und nach die Mitstreiterinnen abhandengekommen. Nun laste eine zu große Bürde auf ihr. Der Riss, der seit dem 11. März 2011 durch die Gesellschaft geht, trat immer deutlicher zutage.

Widersprüchliche Informationen über gesundheitliche Risiken und Gefahren führen dazu, dass die Menschen nicht mehr wissen, welchen Angaben sie vertrauen können. Im vergangenen Oktober wurde etwa eine japanische Studie veröffentlicht, wonach die Schilddrüsenkrebserkrankungen in Fukushima seit März 2011 bis zu 50-fach häufiger seien als im nationalen Durchschnitt. Gegenstudien folgten, und die Behörden beruhigten.

Beim Konflikt um die zulässige Strahlenbelastung geht es nicht zuletzt ums Geld. Tepco hat nach einem Bericht von Reuters bereits knapp 37 Milliarden Euro Kompensationszahlungen an Evakuierte geleistet. Dekontaminierung und Abwrackung werden noch viel größere Summen verschlingen. Welche Rolle das Geld spielt, zeigt auch die Aufhebung der Evakuierungszonen, die derzeit im Gange ist. Anfang September 2015 wurde der Evakuierungsbefehl für die Stadt Naraha, rund 15 Kilometer südlich des Kraftwerks, komplett aufgehoben. Die Stadt wurde offiziell wieder geöffnet. Für die Flüchtlinge bedeutet das, dass ihnen die Entschädigungszahlungen von 100.000 Yen (rund 760 Euro) pro Monat für den erlittenen „psychischen Schaden“ gestrichen werden, wennsie nicht in ein Gebiet zurückkehren, das als sicher erklärt worden ist. Trotzdem tun dies nur wenige. Ende Oktober 2015 waren nach offiziellen Angaben nur knapp 200 der einstmals 7400 Bewohner nach Naraha zurückgekehrt.

Bis März 2017 soll die Freigabe zur Rückkehr in weitere Dörfer und Städte in diesem Kreis um das havarierte AKW folgen. Allerorts wird dekontaminiert: Bagger tragen verseuchtes Erdreich ab, Arbeiter fällen Bäume, ganze Waldstriche sind abgeholzt. Auf Sportplätzen, auf Feldern oder Wiesen, am Wegesrand stapeln sich schwarze Plastiksäcke mit kontaminiertem Material. Nach einem Endlager wird noch gesucht. Dass die Dekontaminierung ein Kampf gegen Windmühlen ist, ist wohl auch dem Umweltministerium bewusst, das für die Beseitigung der Schäden durch die Nuklearkatastrophe zuständig ist.

Die Betroffenen, die ihre Heimatorte verlassen haben, versuchen immer noch, ihr Leben nach dem Bruch, den die Nuklearkatastrophe darstellte, zu meistern. Noch immer leben Tausende in Notunterkünften. Für die „freiwilligen“ Flüchtlinge stellt die räumliche Trennung von ihren Ehepartnern nicht nur eine große finanzielle Belastung dar, müssen doch zwei Haushalte aufrechterhalten und hohe Transportkosten für Besuche berappt werden. Es ist auch eine psychische Belastung, mit der viele nicht zurechtkommen. Immer wieder ist von Scheidungen zu hören. In den Medien wurde für dieses Phänomen ein eigener Begriff geprägt: Atomscheidungen. Wie viele dieser Fälle es gibt, ist nicht herauszufinden. Eine entsprechende E-Mail-Anfrage bei der Präfekturverwaltung blieb unbeantwortet.

Die politische Hoffnung auf einen Ausstieg aus der Atomenergie starb mit dem Rücktritt von Premierminister Naoto Kan im September 2011. Kan stand während der Katastrophe an der Spitze der japanischen Regierung. Heute ist er einfacher Abgeordneter der Demokratischen Partei im japanischen Unterhaus. Unmittelbar nach der Katastrophe vollzog der studierte Physiker eine Kehrtwende in der Atompolitik. Im April 2011 kündigte er an, „eine Gesellschaft anzustreben, die nicht von der Atomenergie abhänge“. Im Mai ordnete er die Schließung des in einer extrem erdbebengefährdeten Region liegenden AKW Hamaoka an. Dann habe eine Schmutzkübelkampagne gegen ihn eingesetzt, erzählte er mir im Frühsommer 2014. Die damals oppositionelle Liberaldemokratische Partei stellte einen Misstrauensantrag gegen ihn, der auch von Teilen seiner eigenen Demokratischen Partei unterstützt wurde. Kan überstand das Misstrauensvotum. Kurz vor der Abstimmung kündigte er allerdings seinen freiwilligen Rücktritt an: „Hinter dem Vorgehen gegen mich steckte die Atomlobby.“

Am 11. August 2015 ist Japan zur Atomenergie zurückgekehrt. Ein erster Reaktor am AKW-Standort Sendai auf der südlichen Insel Kyushu wurde wieder ans Netz genommen. Unter den Demonstranten, die sich bei massivem Polizeiaufgebot am Eingangstor zum AKW versammelt hatten, um gegen die Wiederinbetriebnahme zu protestieren, war auch der frühere japanische Premierminister Naoto Kan. Im Oktober 2015 wurde ein zweiter Reaktor wieder hochgefahren – begleitet von massiven Protesten. Weitere sollen nach dem Willen der Regierung folgen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2016)