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Kostenfrage Psychotherapie

Im Zuge der Pensionsreform würde sich der Ausbau der Psychotherapie auch volkswirtschaftlich rechnen.

Seit Wochen wird darüber diskutiert, dass psychische Erkrankungen der Hauptgrund für Frühpensionen seien. Ist uns noch zu helfen? Die Antwort ist: Ja! Psychotherapie ist für Patienten noch immer eine Kostenfrage. Die meisten Sozialversicherungen zahlen lediglich einen Zuschuss von 21,80 Euro pro Therapiestunde (seit 1992 unverändert). Viele Menschen können sich die verbleibenden Kosten nicht leisten.

Die voll finanzierten Therapieplätze (Psychotherapie auf Krankenschein) sind jedoch von den Kassen streng kontingentiert. Obwohl jährlich über 900.000 Menschen Psychopharmaka einnehmen, erhalten bloß 65.000 Psychotherapie. Nur die BVA (Beamtenversicherung) hat auf 40 und SVB (Bauernversicherung) auf 50 Euro Zuschuss erhöht.

Derzeit wird oft gewartet, bis ein psychisches Leiden zum Zusammenbruch führt oder die Chronifizierung einsetzt. Die Behandlung wird so deutlich schwieriger – und um vieles teurer. Die Studie „Volkswirtschaftliche Analyse eines rechtzeitigen Erkennens von Burn-out“ der Johannes-Kepler-Universität hat aufgezeigt, dass eine späte Burn-out-Diagnose zu 62 Mal höheren Kosten führt.

 

Wirksam gegensteuern

Um bei befristeten Invaliditätspensionen und beim Rehabilitationsgeld wirksam gegensteuern zu können, darf nicht erst beim Ausscheiden aus dem Arbeitsleben angesetzt werden. Dies zeigen auch die Erfahrungen beim Rehabilitationsgeld (nur ein Prozent Wiedereingliederung in das Arbeitsleben). Um anzusetzen, bevor die Leiden chronisch werden, muss die finanzielle Hürde zur Psychotherapie abgebaut werden.

Der Ausbau von Psychotherapie rechnet sich auch wirtschaftlich. Jährlich verursachen psychische Erkrankungen hohe Kosten: etwa 189 Millionen Euro Rehabilitationsgeld oder 280 Millionen Euro Spitalskosten. In Summe belaufen sich die gesamtwirtschaftlichen Kosten auf rund vier Milliarden Euro. Demgegenüber werden jährlich nur 21 Millionen Euro für den Zuschuss für Psychotherapie aufgewandt. In einer Szenario-Rechnung des Bundesverbands für Psychotherapie wurden drei Varianten kalkuliert: Einsparungen von 25, von 15 und von 7,5 Prozent. Im besten Fall kommt es zu 987 Millionen Euro Einsparungen, im mittleren zu 592 Millionen Euro und im schlechtesten zu 296 Millionen Euro.

Auf der Ausgabenseite wurde mit einer Erhöhung des Zuschuss auf 40 Euro/Stunde und einer Steigerung der Anzahl der bezuschussten Stunden um 50 Prozent gerechnet, was die Kosten für die Sozialversicherung um 40 Millionen Euro jährlich erhöht. Sogar bei den Sozialversicherungen können die Mehrkosten durch Einsparungen mehr als kompensiert werden.

Die Senkung der finanziellen Hürden zur Psychotherapie ist sozial gerecht, sie hilft Betroffenen und ist wirtschaftlich rational. Deshalb wäre die rasche allgemeine Zuschusserhöhung auf mindestens 40 Euro pro Einheit angezeigt.

Dr. Peter Stippl ist Präsident des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP) und seit 1995 als Psychotherapeut im Burgenland tätig.
 
E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.03.2016)