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Das unerträgliche Schweigen Europas zum Leid der Christen

Christen leiden weltweit am meisten unter Verfolgung. Aber auch als Flüchtlinge in Europa sind sie heutzutage nicht sicher vor Übergriffen und Misshandlung.

Alle fünf Minuten wird auf der Welt ein Christ wegen seines Glaubens ermordet, 100 Millionen werden verfolgt. Dies veranlasste Österreichs Bischöfe zu einem dramatischen Aufruf, auf deren Schicksal nicht zu vergessen. Derzeit leiden Christen besonders in Syrien, im Irak und im Jemen, wo erst kürzlich vier Mutter-Teresa-Schwestern, die ein Altenheim betreiben, von Jihadisten ermordet wurden. Das Europäische Parlament hat im Februar die Verfolgung der Christen und anderer Minderheiten, wie der Jesiden, in Syrien als Völkermord bezeichnet und verurteilt – und das über die Parteigrenzen hinweg einhellig.

Somit sind Christen diejenigen, die zweifellos einen echten Asylgrund vorzuweisen haben, wenn sie anderswo Schutz suchen. Laut Flüchtlingskonvention hat Anspruch auf Asyl, wer etwa aus religiösen, rassischen oder politischen Gründen verfolgt wird. Wo sollen sie hin, außer ins christlich geprägte Europa? In der Türkei, wo Christen vom Staat schikaniert und Übergriffen ihrer Mitbürger ausgesetzt sind, sind sie nicht sicher.

Doch Europa reagiert nicht so, wie man es aufgrund dieser Tatsachen erwarten könnte. Europäische Regierungen äußern sich meist lieber nicht zur weltweiten Christenverfolgung. Dies wird von den heimischen Bischöfen nun scharf kritisiert. Sie bezeichnen das Schweigen in den westlichen Ländern als „unverständlich“. Politiker hingegen, die sich in der Vergangenheit für eine bevorzugte Aufnahme von Christen ausgesprochen haben, wie etwa die Innenministerin, ernten von den Medien einen Sturm der Entrüstung. Es wird ihnen unterstellt, es gehe ihnen bloß um eine Ausgrenzung der Muslime und die Rettung des christlichen Abendlandes. Menschenrechtliche Aspekte werden hingegen einfach nicht zur Kenntnis genommen, weil sie nicht ins Weltbild passen.

Stattdessen öffnete man in Österreich und Deutschland die Grenzen und ließ eine unkontrollierte Masseneinwanderung zu, was den absehbaren Effekt hatte, dass viele Menschen kamen, die kein Anrecht auf Asyl haben. Es kamen viele Wirtschaftsmigranten und vereinzelt sogar Terroristen. Nun sind die Grenzen auch für die wirklich Asylberechtigten zu. Eine völkerrechtlich und ethisch höchst unsaubere Lösung – und dazu noch ungerecht und nicht nachvollziehbar für die Betroffenen.

Jene verfolgten Christen, die es nach Europa geschafft haben, sind hier leider nicht durchwegs in Sicherheit. So melden deutsche Behörden regelmäßig zum Teil massive Übergriffe in Flüchtlingsunterkünften gegenüber Christen sowie Frauen.

In Berlin musste gar der Staatsschutz einschreiten. Es gab Fälle, in denen muslimische Sicherheitsleute, die die Heime schützen sollen, christliche Flüchtlinge misshandelten. Nur in Einzelfällen, wie in Stuttgart, erklärte sich die Behörde bereit, die Christen gesondert unterzubringen. Die Flüchtlinge müssten lernen, dass sie hier miteinander auskommen müssen, so die Rechtfertigung.

Der Sprecher des Evangelischen Arbeitskreises kritisierte diese Haltung heftig. Christliche Flüchtlinge dürften nicht als „Dummy“ für Integrationsexperimente herhalten.

Hierzulande herrscht Schweigen zu dieser Problematik. Umso wichtiger ist es, dass die Bischöfe dazu nun Klartext sprechen: Es müsse garantiert sein, dass christliche Flüchtlinge in den Asylunterkünften in Österreich nicht ausgegrenzt und bedrängt würden.

Wir dürfen nicht zulassen, dass Christen, die vor Verfolgung und Bedrohung nach Europa fliehen, hier erneut drangsaliert werden! Das hat nichts damit zu tun, ob man selbst Christ ist oder nicht, sondern ist die Aufgabe eines Rechtsstaates.

Es kann nicht sein, dass wegen eines antikatholischen und kirchenfeindlichen Mainstreams das Recht auf Schutz und Sicherheit einer Gruppe von Asylwerbern, nämlich der Christen, missachtet wird. Sie werden sonst zu Opfern eines Kulturkampfes, für den sie wahrlich nichts können.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

Zur Autorin:

Dr. Gudula
Walterskirchen ist Historikerin und
Publizistin. Sie war bis 2005 Redakteurin der „Presse“, ist seither freie Journalistin und Autorin zahlreicher Bücher mit historischem Schwerpunkt.

www.walterskirchen.cc

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2016)