Prospekte allein reichen nicht für Impfpolitik

Vorsorge. Wer in Österreich neue Impftechnologien einführen möchte, braucht Geduld, sagt Sozialwissenschaftlerin Katharina T. Paul. Sie forscht zu gesundheitspolitischen Maßnahmen am Beispiel der Einführung der HPV-Impfung.

Geschlechtskrankheiten und Kinder sind ein heikles Thema. Noch heikler ist es, wenn Kinder gegen sexuell übertragbare Krankheiten geschützt werden sollen, wie im Fall der HPV-Impfung. Sie soll Gebärmutterhals- oder Analkrebs verhindern, die durch den humanen Papilloma-Virus, kurz HPV, ausgelöst werden. In Österreich empfiehlt das Gesundheitsministerium die Impfung seit 2007 für Mädchen und Burschen. Seit 2014 ist sie für Kinder zwischen neun und zwölf Jahren gratis. „Der Stempel ,Kinderimpfung‘ hat die Diskussion rund um HPV entsexualisiert“, sagt Katharina T. Paul vom Institut für Politikwissenschaften der Universität Wien. Sie hat mit einem Lise-Meitner-Stipendium des Wissenschaftsfonds FWF die Einführung der HPV-Impfung zur Krebsvorsorge untersucht.

Ihr Fazit: Das Zusammenspiel zwischen Bevölkerung, Experten und politischen Entscheidungsträgern ist bei der Einführung neuer Impftechnologien entscheidend: „Gesellschaftliche Prozesse können Technologien verlangsamen oder zu einer Innovation wachsen lassen.“ Dafür, dass medizinische Technologien auch angenommen werden, reichten Studien oder Prospekte des Gesundheitsministeriums nicht aus. Vielmehr brauche es breit angelegte Informationen und Diskurse.


Schützt vor Krebs in 30 Jahren

„Sobald etwas kostenlos ist, wird es angenommen“, sagt Elmar Joura, Leiter der 2015 veröffentlichten HPV-Impfstudie der Med-Uni Wien. Seit der Eingliederung in das kostenlose Schulimpfprogramm sieht der Gynäkologe keine Diskussionen mehr. Er setzt in die nachhaltige Immunität der Bevölkerung: „Wenn ich Kinder jetzt impfe, verhindere ich einen Krebs, der in 30 Jahren auftreten könnte“, sagt er.

Die Einführung habe sich auch politisch schwierig gestaltet: „Anfangs wurde die HPV-Impfung gepuscht, aber nach jedem Ministerwechsel wurde die Einführung verschoben.“ Die Debatte erreichte ihren Höhepunkt Ende 2007, als eine 19-jährige Frau nach einer HPV-Impfung verstarb. „Erst Monate später gab es eine Klarstellung, dass zwischen Impfung und Todesursache kein Zusammenhang besteht“, sagte Joura: „Hier hätte die Politik schneller reagieren müssen.“

Paul untersuchte für ihre Forschung am Beispiel der Prävention von Gebärmutterhalskrebs die Unterschiede in der Gesundheitsvorsorge zwischen den Niederlanden und Österreich. Während in den Niederlanden der PAP-Test zur Früherkennung für Frauen ab 30 alle fünf Jahre empfohlen ist, können sich in Österreich Frauen ab 19 Jahren testen lassen. Aber nicht alle Sozialversicherungsanstalten erstatten die Kosten zurück. Dazu kommt eine hohe Fehlerquote bei den Tests. „In Österreich gab es die Hoffnung, dass die flächendeckende Impfung die Vorsorgeuntersuchung überflüssig machen würde“, sagt Paul. Diese Hoffnung wurde nicht erfüllt, da die Impfung nur für Kinder gratis ist.


Die Angst vor der Position

Dass das Thema Impfung polarisiert, spürte die Forscherin auch in ihren Interviews: „Die Gesprächspartner hatten Angst als Befürworter oder Gegner positioniert zu werden“, sagt Paul, die mit Bürgern, Vertretern der Pharmaindustrie und politischen Entscheidungsträgern sprach. Ihr Resümee: Sie vermisst Informationen und eine transparente Diskussion über Impfungen. Die Sorgen und Unsicherheiten der Menschen müssten ernst genommen werden, so Paul.

IN ZAHLEN

150 HPV-Typen sind bis heute entdeckt worden. Davon gelten 15 HPV-Typen als krebserregend.

25 von 100 Frauen unter 25 Jahren haben eine HPV-Infektion. Bei neun von zehn Frauen heilt die HPV-Infektion von selbst und folgenlos aus.

62 Prozent der Neun- bis Zehnjährigen an österreichischen Schulen wurden gegen HPV geimpft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2016)