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Wege aus der Angst

Mit unchristlichen Mitteln lässt sich ein christliches Europa nicht retten, sagt Paul M. Zulehner. „Entängstigt euch!“: ein Plädoyer des Pastoraltheologen gegen die Angst vor Flüchtlingen. Weiters legt er seine Dissertation über das Verhältnis von Arbeiterschaft und Kirche gedruckt vor.

Die Flüchtlingsthematik spaltet die Bevölkerungen. Politische Bewegungen, die sich in der Flüchtlingsfrage klar pro oder kontra positionieren, haben Aufwind. Was das für das Christentum in Europa bedeutet, thematisiert Paul M. Zulehner, von 1984 bis 2008 Ordinarius für Pastoraltheologie an der Universität Wien, in seinem neuen Buch, „Entängstigt euch!“.

Zulehner, wohl Österreichs Theologe mit der größten Medienpräsenz, erinnert daran, dass weltweit 60 Millionen auf der Flucht sind und nur in Gang gekommen ist, was Zukunftsforscher schon längere Zeit vorausgesagt haben: Der „globale Marsch“ hat begonnen, Migration hat sich entgrenzt. Die Gesellschaften in den europäischen Ländern schwanken zwischen Abwehr und Einsatz.

„Schaffen wir es, oder wird es in einer Katastrophe enden?“ Derartige Fragen, „die heute gerade wache Menschen umtreiben“, hat Zulehner in einer online-gestützten Umfrage gestellt und die Antworten von rund 3000 Personen ausgewertet. Ob die Politik dieAufnahme der Kriegsflüchtlinge bewältigen kann? Das vorherrschende Gefühl dazu ist bei 53 Prozent der Studienteilnehmer Sorge, bei 26 Prozent Zuversicht und bei 17 Prozent Ärger, vier Prozent äußerten keine klare Meinung. Zulehner unterscheidet zwischen der Haltung und dem Handeln der Menschen. Es gibt Vollengagierte – vor allem die Zuversichtlichen, Diskutanten –, und darunter sindviele Besorgte; und es gibt Desengagierte – das sind vorwiegend die Verärgerten.

Vor allem Menschen mit Ärger haben Angst vor einer Islamisierung Europas. Sie schätzen den künftigen Anteil der Muslime – sollten alle syrischen Kriegsflüchtlinge und zusätzlich Afghanen und Afrikaner nach Europa einwandern – auf nahezu ein Drittel der europäischen Bevölkerung, die Besorgten auf ein Viertel, die Zuversichtlichen noch immer auf ein Sechstel (17,6 Prozent).

„Wir mutieren immer mehr zu einer Angstgesellschaft“, stellt Zulehner fest und versucht, Wege aus der Angst zu weisen. Er setzt sich mit Stammtischparolen auseinander, die mit dem Islam nur Negatives und Bedrohliches verbinden. Er erinnert daran, dass im Dreißigjährigen Krieg, einem Konflikt unter den christlichen Konfessionen, in manchen Regionen bis zu 70Prozent der Bevölkerung umgekommen sind. Was sicher nicht nur er grotesk findet: „Im postatheistischen Dresden wird zur Rettung des christlichen Abendlandes aufgerufen.“ Wenn es in Zukunft in Europa mehr Menschen mit islamischem Glauben geben wird, so ist das eine Herausforderung für das Christentum, sagt Zulehner.

Christen in Europa, die Angst vor der religiösen Kraft der Muslime und Muslimas haben, offenbarten damit ihre eigene Glaubensschwäche: „Das Problem Europas sind nicht die kraftvoll gläubigen Muslime und Muslimas, die zu uns kommen und unter uns leben. Das Problem sind die vielen schwach gläubigen Christinnen und Christen. Wer schwach ist, bekommt eher Angst. Starke gläubige Christinnen und Christen werden in der Begegnung mit dem Islam universeller, katholischer.“

Für Zulehner ist klar, dass Christen gefordert sind, das Bibelwort „Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich nicht aufgenommen“ ernst zu nehmen. Manche werden den Theologen angesichts der vielen Zuwanderer – sogar der Papst hat dafür das Wort „Invasion“ verwendet – blauäugig nennen, aber mit diesem Vorwurf – und dem des „Gutmenschentums“ – müssen engagierte Christen ja schon lang leben.

Zulehner selbst sieht sich nicht als Optimist oder Pessimist, sondern als Possibilist, dessen Grundvertrauen lautet: „Eine menschlichere Welt ist möglich.“ Als dafür erforderlich bezeichnet er einen gediegenen Dialog zwischen den Religionen. Nicht zielführend ist für ihn „eine Politik, die mit unchristlichen Mitteln das christliche Abendland retten will“. Eine solche Politik würde dessen Untergang beschleunigen. Es gehe aber nicht darum, das christliche Abendland, sondern das Christliche im Abendland zu retten, und dies könne nur „eine christliche Realpolitik, die diesen Namen auch wahrhaft verdient“. Zulehner bringt seine Botschaft schon im Vorwort auf die klare Formel: „Wird (diffuse) Angst kleiner, kann (liebende) Solidarität größer werden.“ Dann aber heiße die große Zumutung der heutigen Zeit: „Entängstigt euch!“

Fast gleichzeitig mit diesem tagespolitisch brisanten Buch hat Paul M. Zulehner seine Dissertation aus dem Jahr 1961 erstmals im Druck veröffentlicht, ein Werk, das naturgemäß mehr wissenschaftlichen Charakter hat. Er erzählt die lange Geschichte der Entfremdung von Arbeiterschaft und Kirche, beginnend mit dem individuellen Liberalismus, dessen Wurzeln bis in die Spätscholastik reichen.

Den zweiten Teil der Dissertation bildet eine Pioniertat Zulehners, die religionssoziologische Studie „Das religiöse Verhalten des heutigen Industriearbeiters“. Deren Zahlen und Erkenntnisse sind als Vergleichsmaterial mit heutigen Studien sehr wertvoll. Ein Jahr vor dem Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils sieht Zulehner die Entfremdung von der Kirche in einer „sehr eigenwilligen Auffassung“ von ihr verursacht. Diese Auffassung stelle die Kirche „losgelöst von ihrem religiösen Sinn als einen Verein unter anderen hin, dem es nur um das Geld und um die Macht geht“. Die 1961 unter Arbeitern vorherrschende Meinung, die Kirche stehe mehr auf der Seite der Reichen als auf der Seite der kleinen Leute, dürfte, selbst wenn sie eine gewisse Berechtigung gehabt haben mag, spätestens seit Papst Franziskus nicht mehr ganz haltbar sein. ■

Paul M. Zulehner

Religion und industrielle Gesellschaft

Zur Entfremdung von Arbeiterschaft und Kirche. 298 S., brosch., € 30,90 (Patmos Verlag, Ostfildern)

Paul M. Zulehner

Entängstigt euch!

Die Flüchtlinge und das christliche Abendland. 168 S., brosch., € 13,40
(Patmos Verlag, Ostfildern)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2016)