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Eric Kandel: "Die Österreicher waren nicht ehrlich"

(c) APA (Herbert Pfarrhofer)
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Der 89-jährige jüdische Hirnforscher und Nobelpreisträger Eric Kandel fordert eine Umbenennung des Karl-Lueger-Rings in Wien und erzählt von einem Telefonat mit Thomas Klestil.

Herr Professor, Sie haben Ihr gesamtes berufliches Leben der Erforschung des Gehirns gewidmet. Was macht die Faszination der menschlichen Gedankenwelt aus?

Eric Kandel: Nichts im gesamten Universum ist so komplex und interessant wie das menschliche Gehirn. Wir forschen seit Jahrzehnten, um es besser zu verstehen. Trotzdem sind wir noch unglaublich weit weg davon, wirklich zu kapieren, was im Gehirn alles vorgeht. Selbst in hundert Jahren werden wir noch nicht alles darüber wissen.

 

Frustrierend, oder?

Nein, unglaublich begeisternd.

 

Stimmt es eigentlich, dass der Mensch nur einen kleinen Teil seines Gehirns nützt? Man hört immer wieder von zehn oder zwanzig Prozent.

Das ist absoluter Irrglaube, denn das gesamte Gehirn ist ständig im Einsatz. Erforscht haben wir allerdings bestenfalls 20 oder 30 Prozent davon.


Sie arbeiten vor allem im Bereich des Lern- und Erinnerungsvermögens. Dabei entwickeln Sie Pillen, die das Lernen erleichtern. Wann wird es so weit sein, dass wir eine Pille schlucken und alles geht einfacher?

Im Prinzip gibt es diese Pillen schon. Bei Tieren funktionieren sie bestens. Ob sie beim Menschen langfristig gegen Alzheimer oder geistige Behinderung helfen, wird sich erst herausstellen. Da führen wir gerade Versuche durch.

 

Wann wird es Resultate geben?

In einem Jahr hoffentlich.

 

In einem Jahr könnte es also eine Pille geben, die Alzheimer komplett heilen kann?

Möglicherweise. Schauen Sie, im Moment funktioniert ja im Prinzip gar nichts, um gegen Alzheimer anzukämpfen. Alles, was wir bisher versucht haben, hat wenig geholfen. Also wäre schon ein leichter Fortschritt, der die kognitive Fähigkeit ohne Nebenwirkungen verbessert, ein unglaublicher Erfolg.

 

Was sagen Sie dazu, wenn Jugendliche von Ihnen entwickelte Pillen schlucken, um für Schularbeiten besser lernen zu können?

Davon halte ich gar nichts. Jugendliche sollten die Finger von so etwas lassen, außer sie leiden unter Autismus oder einer anderen geistigen Behinderung. Aber auch dann dürfen unterstützende Medikamente nur nach Gesprächen mit Psychiatern genommen werden.

 

Trotzdem helfen immer mehr Schüler nach, um bessere Leistungen zu erzielen, nicht nur durch Pillen, sondern zum Beispiel mit Beruhigungstropfen, um nicht nervös zu sein.

Das stimmt leider, ist aber eine sehr schlechte Idee. Wichtiger wäre, dass sich die Eltern um ihre Kinder kümmern und nicht mit Pillen oder Tropfen nachhelfen. Denn diese von uns Wissenschaftlern entwickelten Medikamente mögen zwar alten oder geistig behinderten Menschen helfen. Bei Jugendlichen richten sie Schaden an, denn es treten immer negative Nebeneffekte wie Übelkeit auf.

 

Welche Rolle spielt sozialer Druck in diesem Zusammenhang?

Eine große Rolle. Als ich aufgewachsen bin, hat keiner Drogen oder Pillen geschluckt.

 

Damals gab es auch noch keine Pillen, die beim Lernen und Erinnern geholfen haben. Tragen Ihre Arbeit und der wissenschaftliche Fortschritt nicht dazu bei?

Sozialpolitik ist niemals Aufgabe der Wissenschaft. Wir versuchen, das Gehirn besser zu verstehen und Pillen zu liefern, die beispielsweise bei Alzheimer helfen können. Jugendliche, die nicht lernen wollen und deshalb Pillen schlucken, sind das Problem der Eltern, der Gesellschaft und der Politik. Und nicht jenes der Wissenschaft.

 

Was halten Sie eigentlich von technologischen Entwicklungen? Computer nehmen dem Gehirn viel Arbeit ab. Gut oder schlecht für unsere geistigen Fähigkeiten?

Wunderbar, grandios. Der technologische Fortschritt ist eine enorme Hilfe für uns alle.

 

Könnte das langfristig unsere Kreativität einschränken? Vor 50 Jahren mussten sich die Leute noch Sachen merken, heute schaut man einfach im Internet nach.

Natürlich frage ich mich, was das für Konsequenzen für die junge Generation und deren Gehirn haben wird. Wissen werden wir das erst in ein paar Jahrzehnten. Vielleicht schränkt der technologische Fortschritt die Kreativität ein, dafür hilft er bei anderen Sachen wie zum Beispiel dem Multitasking. Die heutige Jugend kann so vieles gleichzeitig machen, das ist beeindruckend.

 

In welchem Umfang verwenden Sie moderne Technologien? Sind Sie gut am Computer und im Internet?

Natürlich verwende ich Technologien. Das Internet erspart mir unglaublich viel mühsame Arbeit, wenn es darum geht, Quellen zu finden oder Informationen zu bekommen.

 

Darf ich noch ein bisschen über Ihr persönliches Leben und Ihre Vergangenheit mit Ihnen plaudern?

Natürlich.


Sie sind Jude und waren neun Jahre alt, als Sie von den Nazis aus Wien vertrieben wurden. In Ihrer Autobiografie verarbeiten Sie traumatische Erlebnisse Ihrer Kindheit.

Ja, das sind leider sehr lebhafte Erinnerungen. Aber ich hatte ja noch Glück im Vergleich zu vielen anderen Juden. Im Nachhinein betrachtet bin ich sehr froh, in den USA gelandet zu sein. Wer weiß, ob ich da wäre, wo ich heute bin, wäre ich nicht vertrieben worden.

 

Was fühlen Sie, wenn Sie heute Österreich besuchen?

Als ich das erste Mal nach dem Zweiten Weltkrieg zurückkam, waren Hass und Ärger dominierend. Das war in den 1960er-Jahren. Die Österreicher waren schlicht und einfach nicht ehrlich zu sich selbst. Ihnen war nicht bewusst, dass sie Furchtbares getan hatten. Es hieß immer: die bösen Deutschen, die bösen Nazis. In Wahrheit haben die Österreicher genauso aktiv wie die Deutschen am Holocaust teilgenommen.

 

Wie weit sind die Österreicher heute mit der Aufarbeitung der Geschichte?

Schon weiter. Aber wirklich glücklich bin ich immer noch nicht. Zum Beispiel ist es eine unglaubliche Beleidigung, dass ein Teil des Rings in Wien immer noch nach Karl Lueger (Wiener Bürgermeister von 1897 bis 1910, Anm.) benannt ist. Karl Lueger hat Adolf Hitler das Handwerk des Antisemitismus gelehrt. Deshalb fordere ich eine Umbenennung, zumindest jenes Teiles, an dem sich die Universität befindet.

 

Halten Sie das für wahrscheinlich?

Viele wichtige Politiker haben mir das mehrmals versprochen. Aber Sie kennen ja die Österreicher. Wenn es darum geht, Ja zu sagen und dann das Gegenteil zu tun, ist dieses Volk ganz groß.

 

Man hört aus Ihren Antworten, dass Sie nicht gerade ein großer Fan Österreichs sind. Als Sie im Jahr 2000 den Nobelpreis gewonnen haben, betonten Sie, ein jüdisch-amerikanischer und ganz sicher kein österreichischer Preisträger zu sein.

Dazu stehe ich nach wie vor.

 

Stimmt es, dass Sie der damalige Präsident Thomas Klestil nach der Verleihung angerufen hat?

Ja. Er hat gefragt, was er tun kann, um die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Ich sagte, zunächst sollte man den Karl-Lueger-Ring umbenennen. Die Deutschen haben sich viel besser ihrer Vergangenheit gestellt. In Österreich gibt es immer noch eine Tendenz, sich als Opfer darzustellen. Fakt ist, dass 200.000 Leute Hitler mit Begeisterung am Heldenplatz empfangen haben. Doch verstehen Sie mich nicht falsch: Es gibt mittlerweile viele tolle Österreicher, ich sehe eindeutige Fortschritte. Aber ich denke, dass sich alle Politiker viel deutlicher von antisemitischen Aussagen der FPÖ distanzieren müssten.

 

Zum Abschluss eine Frage zur Wissenschaft: Wie steht Österreich in diesem Bereich da?

Im Großen und Ganzen sehr gut. Das Institute of Science and Technology in Maria Gugging ist eine wunderbare Erfindung. Nur mit der Universität in Wien bin ich nicht so zufrieden. Um es da als Forscher zu etwas zu bringen, ist es wichtiger, wen man kennt als was man weiß oder wie gut man ist.

 

Das könnte man auch über die Politik sagen...

Absolut. Das ist in Österreich leider so.

 

Und in den USA helfen Beziehungen gar nicht? Das fällt schwer zu glauben.

Ist im Prinzip aber so. Hier kann ein junger Forscher keinen Job kriegen, nur weil er mich kennt. Ich kann zwar eine Empfehlung schreiben. Aber wenn einer eine Null ist, ist er eine Null, da hilft gar nichts.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2009)