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Bedingungsloses Grundeinkommen: Skepsis ist angebracht

Arbeit, verstanden als ein Handeln, das dazu beiträgt, die Zukunft zu gestalten, ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Geschenktes Geld vergällt es.

Trotz des beeindruckend eindeutigen Ergebnisses, mit dem die Schweizer die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens für jeden Einwohner rundweg abgelehnt haben, lassen die Befürworter dieser Idee nicht locker. Sie glauben, dadurch per Dekret alle Bürger des Landes vor der Armutsfalle zu schützen, und sie verweisen darauf, dass im Zuge des anhaltenden industriellen Fortschritts das Bedürfnis nach menschlicher Arbeitskraft abnehme, die Arbeitslosigkeit folglich weiter um sich greifen werde.

Obwohl diese Argumente nicht völlig aus der Luft gegriffen sind, dürften sie doch aus praktischen wie auch aus prinzipiellen Gründen zu kurz greifen.

Einer der praktischen Gründe, warum dem bedingungslosen Grundeinkommen mit Skepsis zu begegnen ist, lautet: Was geschieht mit jenen, die nach Erhalt ihres Grundeinkommens, von dem sie der Theorie nach bequem leben könnten, dieses Geld schlecht investieren, sinnlos verschleudern, im Casino verspielen? Sozialhilfe dürfen sie nicht mehr erwarten. Sie sind auf Almosen und auf die Suppenküche angewiesen. Wobei – dies ist bei geschenktem Geld zu befürchten – die Zahl derer, die es verschleudern, nicht so gering sein dürfte.

Wäre die Lösung der Verteidiger des Grundeinkommens, dieses durch Sachleistungen wie freie Miete, Essensmarken, Nulltarif beim Verkehr zu ersetzen, liefe dies auf eine totale Entmündigung der Bürger hinaus und auf einen paternalistischen pädagogisierenden Staat (von dem wir bereits jetzt schon leider viel zu viele Ansätze verspüren).

Noch triftiger aber ist es, gegen das bedingungslose Grundeinkommen aus prinzipieller Sicht zu argumentieren: Wer für ein bedingungsloses Grundeinkommen plädiert, will den Status quo, den Gutverdienende erreicht haben, nicht nur bewahren, sondern bedingungslos auf die Gesamtbevölkerung ausdehnen. Das Ziel ist, bildhaft gesprochen, ein Gefrieren der guten Gegenwart.

Doch dieses Ziel widerspricht diametral der Conditio humana. Die Existenz des Menschen hat nämlich etwas Expansives. Erblickt der Mensch neue Ufer, will er dort landen, hört er von fremden Welten, will er sie erobern. Die Geschichte der Griechen beginnt mit der Besiedlung des östlichen Mittelmeeres. Die Geschichte Roms beginnt mit der Ausweitung der Macht eines Bauernvölkchens auf das italienische Festland und danach über dieses hinaus. Die Geschichte des Mittelalters beginnt mit der Völkerwanderung und dem Eindringen germanischer Stämme in das weströmische Reich. Die Geschichte der Neuzeit beginnt mit der Entdeckung Amerikas.

Die erste industrielle Revolution verlief parallel zur Erfindung der Lokomotive, der Eroberung des nordamerikanischen Kontinents mit den Schienensträngen der Züge, der Durchmessung des asiatischen Kontinents mit der Transsibirischen Eisenbahn. Die zweite industrielle Revolution, jene der Elektronik und des Aufblühens der Informationsindustrie, wurde von John F. Kennedy mit der berühmten Rede vor dem Kongress eingeleitet, den Mond noch innerhalb dieser Dekade erobern zu wollen: Die dafür nötigen technischen Maßnahmen bescherten uns die Ära des Computers.


Das zu erobernde neue Land muss nicht nur geografisch verstanden werden. Es gibt genauso geistige Eroberungen – manchmal, aber nicht immer gingen sie mit den physischen einher. Arbeit, verstanden als ein Handeln, das dazu beiträgt, die Zukunft zu erobern und zu gestalten, ist demnach ein Grundbedürfnis des Menschen. Keine Maschine wird ihm dieses entreißen können, und allein dafür will sich der Mensch bezahlt wissen. Es ist dabei gleichgültig, ob es sich um die Arbeit des Installateurs beim Reparieren von Dichtungen oder um die Arbeit der Herzchirurgin beim Setzen eines Stents handelt.

Bedingungsloses Grundeinkommen vergällt das Begehren, an der Gestaltung von Zukunft teilzuhaben. Es ist wie Almosenbrot ein bitteres Brot.

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Zum Autor:

Rudolf Taschner
ist Mathematiker und Betreiber des math.space im
quartier 21, Museumsquartier Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2016)