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Mein kleiner Rest Loyalität

Ich bin 69 Jahre alt und seit 45 Jahren Mitglied der SPÖ. Noch. Als die „Generation Ampelpärchen“ an die Macht kam: eine Abrechnung.

Ich bin 69 Jahre alt und seit 45 Jahren Mitglied der SPÖ. Noch. Wie kommt eine solche Einstellung zustande? Sicher auf ziemlich irrationaler Basis. Der Vater hat auf den langen sommerlichen Autofahrten nach Rimini gerne gesungen. Das Kind, das ich einst war, wollte immer wieder das Kinderfreundelied hören: „Wir sind jung, die Welt ist offen.“ Ich habe es an seinem Grab spielen lassen. Ein paar alte Genossen haben mitgesungen. Andere haben geweint. Papa war ein Kind der Armut, hat es „zu etwas gebracht“, aber seine Wurzeln in der Arbeiterbewegung der 1920er-Jahre nie verleugnet. Die Freunde meiner Eltern, die meist auch Gärten auf der Schmelz hatten oder Dauerkabinen im Gänsehäufel, mochte ich als Kind gern, auch wenn sie keine großartigen Jobs hatten und manche Fremdwörter falsch betonten. Die „alten Jugendlichen“ von der SAJ hielten zusammen. Sie waren Heimat für mich.

Manchmal gab es Treffen mit Österreichs damaligem Paradeautor Fritz Hochwälder, dem Dichter des „Heiligen Experiments“. Derhatte auch nur Tapezierer gelernt, aber sich als Autodidakt weitergebildet. Mein Vater konnte bloß die Bürgerschule besuchen, aber er hat sich zum Prokuristen eines Großhandelsbetriebs hochgearbeitet. Einige Jahre war er nebenbei als Funktionär des Freien Wirtschaftsverbandes tätig, aber er hat sich letztlich doch für die Arbeit in der Privatwirtschaft entschieden. Von da an sind wir nicht mehr beim Maiaufmarsch mitgegangen. Aber die Durchgabe der Wahlresultate im Radio habenwir immer noch mit Spannung verfolgt und der SPÖ die Daumen gehalten.

Als ich Papa am Ende meines Studiums sagte, ich würde der Partei beitreten, war er gar nicht so begeistert. Er sagte sogar etwas Ähnliches wie: „Wo die Partei wirtschaftlich hingreift, wächst kein Gras mehr.“ Ich gab ihm teilweise recht. Dass die sozialistischen Studenten das Leistungsprinzip so ablehnten, hatte auch mich abgestoßen. Die „Aktion“, eine linksliberale Gruppe in der ÖH, war mir lieber. Ich wollte keine Abschaffung der Prüfungen, bloß Fairness und Transparenz. Aber die „Aktion“ ist bald untergegangen. „Was willst du machen – wer in Österreich etwas bewegen möchte, muss bei einer Partei sein, und ich habe weder mit den ,Katholen‘ noch mit den ,Nationalen‘ etwas am Hut“, sagte ich zu meinem Vater. Er gab mir letztlich recht. Außerdem war da der neue Stern am Parteihimmel, Bruno Kreisky, der ließ einen aufatmen nach dem kleinlichen Gewitzel seines Vorgängers. Es sah so aus, als würde die SPÖ modern – und mit ihr alle ihr nahestehenden Institutionen.

Meine Studienzeit verlief erfolgreich, aber ich wollte die Wirtschaft nicht nur abstrakt in den Werken der Theoretiker studieren, sondern auch in der Praxis, in einem modernen, sozialen, gut funktionierenden Unternehmen. Man bot mir die Chance, in die Revisionsabteilung des Konsumverbandes einzutreten. Im Gespräch mit wohlwollenden Kollegen wurde mir dort rasch klar, dass hier von gutem Funktionieren keine Rede sein konnte. Organisatorisch herrschten Chaos und Eifersüchtelei, und die Umsatzzuwächse der Konsum-Gruppe waren allzu teuer erkauft. Von der „Gemeinwirtschaft“ wurde damals erwartet, dass sie ihre Mitarbeiter besser bezahlt als die Konkurrenz, preisgünstiger verkauft und dass sie zugleich beschäftigungspolitische Initiativen setzt. Dabei waren ihre Strukturen überaltert. Die Ära Kreisky setzte auf Großfusionen, auch in der verstaatlichten Industrie. Es war der falsche Weg.

Ich versuchte, von einer Position am Rand, zu warnen. Es war vergeblich. Man betrieb „Management by Ignorance“. Die Zeitungen schrieben auch kaum über den drohenden Untergang des größten österreichischen Einzelhandelsunternehmens. Manche äußerten die Vermutung, dass dies etwas mit den wöchentlichen Inseraten des „roten Riesen“ zu tun haben könnte.

Die liebenswerten Idealisten meiner Elterngeneration starben langsam weg, die Spanienkämpfer, die Schutzbündler, die Naturfreunde. Das Wort Arbeiter verschwand aus den Namen der Banken, der Autofahrerklubs, der Rettungsgesellschaften. Die Arbeiterbewegung war längst gestorben und in Museen und Forschungsvereinen einbalsamiert. Aber es gab immer noch einzelne Sozialdemokraten in Spitzenpositionen, die Respekt einflößten. Ein Leopold Gratz, ein Helmut Zilk besaßen bei all ihren Fehlern die Kraft, zuzuhören und auf „die Menschen draußen“ einzugehen. Der Wunsch nach mehr direkter Demokratie war noch nicht mit dem Pesthauch des antidemokratischen Unwortes „Populismus“ belastet.

Dann aber kam die Generation der Weinkenner und „Genderer“ zum Zug, der selbst ernannten Moralapostel und der Ampelpärchen. Heute fühle ich mich der Partei entfremdet, und wenn ich SP-Politiker die Vorzüge von zentrumsnahen Hochhäusern als Spekulationsobjekt für reiche Russen loben höre, wundert mich gar nichts mehr. Die SPÖhat die Bodenhaftung verloren. Wahrscheinlich könnten Leute, die die Aufbruchsstimmung des Zweiten Vatikanischen Konzils erlebt haben, ähnliche Geschichten der vorsichtigen Hoffnung, der Enttäuschung und Entfremdung erzählen. Die Kirchen sind ja heute beinahe ebenso leer wie die Parteilokale; aber das ist eine andere Geschichte.

Mir bleibt die Frage: Austreten aus der SPÖ – oder doch nicht? Ich spüre für einen Austritt immer noch zu viel Restloyalität in mir. Eines aber weiß ich: Wenn das dämliche Hochhaus beim Eislaufverein gebaut wird, das den „Canaletto-Blick“ vom Belvedere auf meine Stadt zerstört, trete ich sicher aus – denn dann ist klar, dass sich die Partei der „kleinen Leute“ endgültig in die Hände der Immobilieninvestoren begeben hat. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2016)