Gehen, sehen, verstehen

Kleine Kulturgeschichte des Wanderns, Vagabundierens und Flanierens: In der Anthologie „Durch Welt und Wiese oder Reisen zu Fuß“ verweben Ilija Trojanow und Susann Urban poetische Texte von überzeugten Gehern aus zwei Jahrhunderten.

Viele Kilometer Reiseliteratur sind in den vergangenen zwei Jahrhunderten entstanden, früh wies ein „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“ einen Weg, wie das Erzählen und das Wandern poetisch zusammenfinden können. An Johann Gottfried Seume (1763–1810) kommt eine Literaturgeschichte des Gehens, Wanderns, Vagabundierens, Promenierens und Flanierens nicht gut herum.

So wählen auch Ilija Trojanow und Susann Urban in ihrer Anthologie „Durch Welt und Wiese oder Reisen zu Fuß“ einen Ausschnitt aus, in dem Seume Schottwien und den Semmering – „der Sömmering ist kein Maulwurfshügel“ – ohne große Emphase passiert. Froh ist dieser gen Italien wandernde Erzähler vielmehr, dass er alsbald „aus der abenteuerlichen Gegend heraus war“ (die Rede ist von Mürzzuschlag und Krieglach). Offensichtlich taugt dieses österreichische Arkadien für einen asketischen Dichter an der Wende zum 19. Jahrhundert wenig zu einer romantischen Weichzeichnung, eher zur Härte. Da ist ein kritischer Beobachter unterwegs, der die Zeichen gesellschaftlichenUmbruchs am Wegesrand liest. Und einüberzeugter Geher, der in diesem Buch nicht allein unterwegs ist, sondern in guter Gesellschaft – mit Charles Dickens, Henry David Thoreau, Robert Walser, Werner Herzog und Christoph Ransmayr.

Zahlreiche Texte in Trojanows und Urbans munterer, das Thema recht weit ausschreitender Sammlung widmen sich dem Gehen als Phänomen, durchaus mit dem Anspruch „sich seiner Existenz immer wieder in Bewegung zu versichern“. Gehen, sehen und erkennen werden in der Textzusammenschau zu sinnigen Kausalitäten. Gehen, schreiben und leben rücken in den ausgewählten Passagen eng zusammen. Im Gesamt der Texte aus zwei Jahrhunderten erscheint das Gehen durchaus als eine Art Kunst beziehungsweise Methode, sich Zugang zu verschaffen: zum Eigenen und zum anderen.

Nicht immer führt dieses Gehen aus sich heraus, von Alltag und Konflikten weg. Vielmehr trägt mancher Poet Ballast mit sich herum. Es treibt ihn an und nicht selten in die Irre, bemerkenswert ist, wenn der Text die Erschütterungen der Seele seismografisch aufzuzeichnen vermag. Beispielhaft dafür lässt sich John Clares (1793–1864) Bericht nennen, über einen Marsch „In Essex, um Essex und um Essex herum“, der sich in einer hastigen, fast atemlosen Abfolge von Orten, Distanzen, Begegnungen und Irrungen verliert.

Freilich kommt das Schreiben über das Gehen nicht ohne die Beschreibung des physischen und ästhetischen Vergnügens aus, das, so Jean-Jacques Rousseau, „reizende Landschaften immer bereiten“. Riesige Tableaus entstehen vor dem geistigen Auge des Lesers – von Ferdinand Georg Waldmüller, Caspar David Friedrich, William Turner. Und viele Texte speisen sich aus den Rahmenbedingungen, die auf den Gehenden einwirken: die Elemente, das Wetter, die Begegnungen mit missgünstigen und gewogenen Passanten, die Lasten und Freuden, der Durst, der Hunger, die Leistungsgrenzen, die Motivation, die Blasen an den Sohlen.

Selbst gewählte wie schicksalhaft aufgezwungene Etappen absolvieren die versammelten Autoren, der Leser folgt ihnen beim Aufsuchen von Orten, Unorten, Zwischenorten. Nicht immer ist die Gegend so reizvoll wie bei Jürgen von der Wennse (1894–1966): „eine Alpenflur in Miniatur!“ Und wenige sind so besessen vom Gehen, dass sie rekordverdächtige Kilometer hinter sich lassen wie Will Self, der eine „andere Art des Wanderns“ betreibt, „eine gewissermaßen antiromantische Suche nach dem Erhabenen, nicht in der Natur, sondern in jenen Bereichen der Zivilisation, die überwältigend unbeachtet bleiben.“

Gern halten sich die Erzähler mit dem Beobachten und Kommentieren auf, während sie Meter machen. Natur lädt sich mit Allegorien auf, der Weg überhöht sich ins Mythische. So wie Gehen die elementarste Bewegung ist, setzt sie den Gehenden dem Elementaren aus. Und atmosphärischen Ereignissen, sodass sich Texte lesen wie Turners Himmel oder Giorgiones Gewitter oder Waldmüllers Alpen.

Und vieles, so scheint es, evoziert im Gehenden, Sehenden etwas Bedrohliches wie zum Beispiel in Virginia Woolfes „Tod des Falters“ oder in Hektor Malots „Heimatlos“. Befremdliches erlebt der Fremde in der Fremde. Vor allem, wenn es ihn ins Wirtshaus drängt und er sich der autochthonen Bevölkerung stellt. Den frühen Wanderer hielten sie häufig für einen Landstreicher, der Tunichtgut kommt meist zu Fuß. Selbst Trojanow, so schreibt er in seinem zehn-etappigen Vorwort, hatte dort und da Erklärungsnotstand, warum er zu Fuß und nicht motorisiert unterwegs ist. Und aus der Perspektive des modernen Wanderers beziehungsweise Flaneurs entstehen Stadtlandschaften, in denen, verwandelt, die Hochhäuser wie Tannen wachsen. Auch das kann Wald sein.

Die Auswahl der literarischen Belege, die Ilija Trojanow und Susann Urban anführen, ist glücklich und vielfärbig. Sie zeigt, wie Gehen unabhängig von gesellschaftlichen Verhältnissen funktioniert, einfach, demokratisch. Nicht chronologisch, sondern thematisch werden die Beiträge geordnet: Die Erzähler und Chronisten wagen den „Aufbruch“, schildern uns ihre „Betrachtungen“, mitunter wird das Gehen zur „Meditation“. „Spaziergänge“ schreiten das Terrain im federnden Tonfall ab. Bei Gewaltmärschen sind„Entbehrungen“ hinzunehmen. Doch zum Schluss wird alles Gehen belohnt: Es gelingen „Verwandlungen“. Vorangestellt ist den großen Kapiteln Trojanows eigener Zugang zur Materie („Fußwärts“).

Locker sind diese Texte verwoben und manchmal in Bezug zueinander, eine Abzweigung mündet zufällig in die nächste, und wieder tun sich Nebenrouten auf, denen man folgen könnte. Die großen Überschriften sind die Wegweiser, ohne Angabe von konkretem Ziel. Aber zumindest gibt es eine Richtung durch die Real-, Traum- und Seelengeografie.

Kenntnisreich geleitet Ilija Trojanow den Leser in seiner Anthologie „durch Welt und Wiese“; man könnte das Buch, jetzt im Sommer, wenn sich die Wanderer und Zu-Fuß-Geher vermehrt auf den Weg machen, einfach in den Rucksack packen. Wie einen unterhaltsamen Weggefährten, der an den richtigen Stellen mit guten Geschichten aushilft. Die zähen Abschnitte vergehen wie im Flug, wenn man sich verinnerlicht, wie beschwerlich das Gehen beispielsweise bei Jack London am Yukon war. Gut kann man sich auch vorstellen, den Abschnitt über Peter Handkes „großen Wald“ unter einem Baum aufzuschlagen, zu imaginieren, was er dort gesehen hat: ein Tableau des niederländischen Malers Jakob van Ruisdael. Gefunden bei Salzburg. ■

Ilija Trojanow, Susann Urban

Durch Welt und Wiese oder Reisen zu Fuß

348 S., geb. im Schuber, € 43,20 (Verlag Die Andere Bibliothek, Frankfurt/Main)