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Dürfen Frauen selbst entscheiden?

Seit 1.1.1975 ist ein medizinisch sicherer Schwangerschaftsabbruch möglich. Ein denkwürdiges Ereignis.

Das Leben von Frauen in diesem Land hat sich vor fast 35Jahren dramatisch verbessert. Die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs am 1.Januar1975 bedeutete, dass sich Frauen mit einer ungewollten Schwangerschaft nicht mehr einer Engelmacherin anvertrauen oder mittels einer Stricknadel selbst Hand anlegen mussten. Sie müssen nicht mehr ihre Gesundheit und häufig sogar ihr Leben aufs Spiel setzen, um eine ungewollte Schwangerschaft zu beenden. Als Folge der Legalisierung wurden in den Krankenhäusern auch die „septischen Stationen“ geschlossen. Dort wurden Frauen mit schweren Infektionen nach illegal durchgeführten Abbrüchen behandelt. Oft genug erfolgte die medizinische Behandlung erst, wenn die Frau der Polizei die Namen aller an dem illegalen Abbruch Beteiligten genannt hatte.

Die Auswirkungen des Gesetzes waren enorm. Nach Schätzungen des damaligen Primars am AKH, Prof. Husslein, gab es vor 1975 etwa 70.000–100.000 illegale Abbrüche pro Jahr, mehr als doppelt so viele wie heute. Ab 1975 war nun ein medizinisch sicherer Abbruch für alle Frauen möglich. Nicht nur für die wenigen Frauen der Oberschicht, die es sich „richten“ konnten.

Die Widerstände waren jedoch enorm. Nicht nur auf politischer Ebene, wie das Volksbegehren der „Aktion Leben“. Auch ganz praktisch: Niemand wollte das Startkapital von damals 300.000Schilling zur Gründung des ersten Ambulatoriums zur Verfügung stellen. Deshalb sprang eine Klinik aus England ein und ermöglichte die Gründung des Ambulatoriums am Fleischmarkt. Es ist mehr als angebracht, dass wir dieses denkwürdige Ereignis in einem öffentlichen Rahmen in Erinnerung rufen.


Mühsam erkämpft

Dabei wurde jeder Schritt von betroffenen Frauen mühsam erkämpft. Konservative Kreise wollen verhindern, dass Frauen selbst über ihr Leben und ihre Fruchtbarkeit entscheiden. So durften Frauen früher das Ergebnis eines Schwangerschaftstests nicht selbst erfahren, sondern nur ihr Arzt. Die Pille wurde anfänglich nur an verheiratete Frauen abgegeben. Die „Pille danach“ ist in Österreich immer noch rezeptpflichtig, obwohl sie im größten Teil Westeuropas mit sehr guter Erfahrung ohne Rezept abgegeben wird. Und Frauen wird vor einem Abbruch eine Pflicht-„Beratung“ oder eine „Bedenkzeit“ vorgeschrieben. Immer wird das angeblich verantwortungslose Verhalten von Frauen ins Feld geführt. Immer wird so getan, als ob Frauen mit den wirklich wichtigen Entscheidungen in ihrem Leben nicht zurechtkommen würden und der Führung durch selbst ernannte, angeblich „verantwortlich“ handelnde Personen bedürfen. Dieser Reflex funktioniert immer noch, wie die aktuelle Diskussion zeigt, in der nicht etwa eine Unterstützung von ungewollt schwangeren Frauen gefordert wird, sondern deren Bevormundung. Wenn hingegen Frauen bzw. Paare in ihren Bedürfnissen unterstützt werden, gibt es die wenigsten ungewollten Schwangerschaften und die meisten gewollten Kinder.

Die Erhaltung der reproduktiven Gesundheit von Frauen liegt aber auch im fundamentalen Interesse von uns Männern: Wir sind von der Gesundheit unserer Mutter, Schwester, Partnerin oder Tochter abhängig. Wir sollten uns deshalb für Rahmenbedingungen einsetzen, damit Frauen, die ja durch unser Zutun schwanger geworden sind, eine ungewollte Schwangerschaft ohne unnötiges Leid beenden können. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die einzige Person, die eine wirklich verantwortungsbewusste Entscheidung treffen kann, die Frau selbst ist. Ich frage mich, wie lange es noch dauert, bis diese Selbstverständlichkeit auch in unserem Land allgemein akzeptiert wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2009)