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Landkarten regieren die Welt

Die Aufklärung ermutigte Wissenschaftler, Grenzen zu ziehen. Deren Reflexion ist fällig, meint nicht nur Jean-Claude Juncker.

Was ist ein Nationalpark? Eine geschützte Sphäre, in die wir Menschen möglichst wenig eingreifen, indem wir zum Beispiel dort keine Straßen bauen. Das schützt die Flora und Fauna, stellen wir uns vor. Die kanadische Schriftstellerin Katherine Govier sagt: Ein Nationalpark ist „Natur, eingesperrt in eine kleine Box“. Wildtiere lassen sich allerdings schwer an einem Ort festhalten. „Man kann versuchen, den Zustand zu konservieren – aber dann handelt es sich nicht mehr um das, was wir unter Natur verstehen.“

In einem literarisch-geisteswissenschaftlichen Seminar bearbeitete Govier von Donnerstag bis gestern das Thema „Jenseits von Karten“ gemeinsam mit dem Wissenschaftshistoriker Christoph Irmscher (Universität Indiana, USA). 40 Teilnehmer aus der ganzen Welt besuchten den Kurs – eine gute Auslastung für ein geisteswissenschaftliches Thema beim eher naturwissenschaftlich orientierten Forum Alpbach, wie Irmscher meint. Um den Anforderungen eines „Reading Course“ während der Seminarwoche – bei der außerhalb des Hörsaals natürlich auch Skikursstimmung aufkommt – gerecht zu werden, ergriffen die Lektoren kreative Maßnahmen: Sie ließen die Teilnehmer selbst Passagen der Texte in kleinen szenischen Einlagen spontan vorlesen.

Die Natur braucht uns Menschen nicht

Ein Text von Govier leitete als roter Faden durch die Seminarwoche: Die Autorin spürt in ihrem Roman „Creation“ der Expedition des Ornithologen John James Audubon im Jahre 1833 nach Labrador (in den Nordosten Kanadas) nach. Bloß: Was hat ein Naturwissenschaftler des 19. Jahrhunderts mit Grenzziehungen in der Gegenwart zu tun? „Die damalige Wissenschaft vertrat die Auffassung, die Welt sei da, um von uns entziffert zu werden“, sagt Irmscher.

Erst Darwin, der 1859 „Über die Entstehung der Arten“ publizierte, rückte diesen arroganten Standpunkt zurecht: „Die Natur braucht uns nicht, um zu existieren“, verweist Irmscher auf die Evolutionstheorie. Daraus folge ein „nicht-anthropozentrischer Zugang zu Natur“, also ein Zugang, in dem nicht der Mensch von oben herab alles rund um ihn herum bezeichnet und bestimmt.

Genau das aber passierte ab zirka 1800 als Folge der Aufklärung, so Irmscher. Der Ornithologe Audubon sei ein Charakter, der diesem Drang nach Kontrolle zuwider handelte. „Für einen Vogel, sogar für mich, ist das Ei Gott“, lässt Govier ihn in ihrem Text sagen. Der Geist der Aufklärung gestaltete so die Entdeckung und Vermessung der Welt mit – ganz konkret durchs Zeichnen von Landkarten und Ziehen von Artgrenzen.

„Die schlimmste Erfindung“ sei zu hart

„Grenzen sind die schlimmste Erfindung, die Politiker je gemacht haben“, sagte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker vergangenen Sonntag in seiner Eröffnungsrede des Congress Centrums. „Es ist nicht die schlimmste Erfindung, das ist zu hart“, meint Govier, die die Rede insgesamt „erstaunlich“ fand. „Grenzen können falsch sein, destruktiv, sie können Menschen trennen, Familien, Kulturen oder Gefangene von der übrigen Bevölkerung. Aber eine Welt ohne Grenzen anzudenken, das gelingt mir nicht.“

Es waren nicht die Grenzen Europas, die ihr vorschwebten, als sie sich das Seminarthema überlegte, erzählt Govier. „Vielmehr waren es die Handelnden im 19. Jahrhundert, die die Neue Welt mit ihren Landkarten überlagerten. Als ich hier in Alpbach ankam, wurde mir klar, dass Landkarten als Definition, wo man hineingeraten ist, die brennende Frage darstellen.“ Sie prädeterminieren unsere Wahrnehmung. Sie dokumentieren Reisen, Eroberungen oder Narrative, wie die beiden Lektoren erzählen.

Govier lebt an der längsten unverteidigten Grenze der Welt, der zwischen den USA und Kanada – nördlich davon, wie sie betont. „Diese Grenze hat uns zu etwas anderem gemacht, als die US-Amerikaner. Grenzen lassen Unterscheidungen zu. Aber vielleicht müssen wir einen anderen Weg finden, um Unterscheidungen zu treffen.“ (trick)