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Die große Mobilisierung der weniger Gebildeten

Donald Trump und das bewusste Schüren von Furcht, Ressentiments und Misstrauen in der US-Wählerschaft.

Die Präsidentschaftskandidatin der Demokraten in den USA, Hillary Clinton, hat die Anhänger ihres Gegners, Donald Trump, in einem Wahlkampfauftritt im September als „Korb der Erbärmlichen“ bezeichnet. Das war weder taktvoll noch elegant formuliert, Clinton hat sich später dafür auch entschuldigt. Aber sie lag mit ihrer Qualifizierung eher richtig als falsch. Trump zieht eine Vielzahl von Unterstützern an, deren Ansichten beispielsweise zu ethnischen Fragen sehr wohl erbärmlich sind.

Das Problem ist, dass viele dieser erbärmlichen Wähler zugleich relativ ungebildet sind, was Clintons Bemerkung snobistisch aussehen ließ. Beklagenswerterweise gibt es in den USA zu viele relativ ungebildete Menschen.

Unter den entwickelten Ländern nehmen die Vereinigten Staaten, was die Lese- und Schreibfähigkeit, die Allgemeinbildung und die naturwissenschaftlichen Kenntnisse angeht, einen niedrigen Platz ein. Japaner, Südkoreaner, Holländer, Kanadier und Russen weisen konsequent höhere Werte auf. Dies beruht zumindest teilweise darauf, dass man in den USA die Bildung zu stark dem Markt überlässt: Wer Geld hat, ist hochgebildet; wer aber nicht über ausreichende Mittel verfügt, ist nicht gebildet genug.

 

Prahlen mit Unwissenheit

Clinton scheint bisher eindeutig die gebildeteren städtischen Wähler anzusprechen, während Trump überwiegend für die weniger gebildeten weißen Männer attraktiv ist, von denen viele in früheren Generationen demokratisch wählende Berg- oder Industriearbeiter gewesen sind. Bedeutet dies, dass es eine Verknüpfung zwischen Bildung beziehungsweise Bildungsmangel und der Attraktivität eines gefährlichen Demagogen gibt?

Besonders bemerkenswert in Bezug auf Trump sind das Ausmaß seiner eigenen Unwissenheit (trotz seines hohen Bildungsabschlusses) und die Tatsache, dass er davon zu profitieren scheint, dass er öffentlich damit prahlt. Vielleicht ist es für einen großsprecherischen Ignoranten aber einfacher, große Zahlen an Menschen zu überzeugen, deren Wissen über die Welt so gering ist wie sein eigenes.

Doch beruht diese Annahme darauf, dass Tatsachen in der Rhetorik eines populistischen Agitators eine Rolle spielen. Viele von Trumps Anhängern scheinen nicht viel Wert auf sachliche Argumente zu legen – dies ist etwas für „liberale Snobs“. Was mehr zählt, sind Emotionen – und die wichtigsten Emotionen, die Demagogen in den USA und anderswo manipulieren, sind Furcht, Ressentiments und Misstrauen.

Dies war auch in Deutschland der Fall, als Hitler an die Macht kam. Doch fand die NSDAP die Masse ihrer Unterstützer in ihrer Frühphase nicht unter den am wenigsten gebildeten Teilen der Bevölkerung. Die Menschen in Deutschland war im Durchschnitt gebildeter als in anderen Ländern – und zu den begeistertsten Nazis gehörten Lehrer, Ingenieure und Ärzte sowie, in ländlichen Regionen, Kleinunternehmer, Angestellte und Landwirte.

Die städtischen Fabrikarbeiter und konservativen Katholiken waren insgesamt weniger anfällig für Hitlers Einflüsterungen als viele hochgebildete Protestanten. Geringe Bildungsstandards bieten also keine ultimative Erklärung für Hitlers Aufstieg.

Furcht, Ressentiments und Misstrauen waren nach der Schmach der Niederlage im Ersten Weltkrieg und inmitten einer verheerenden Wirtschaftsdepression groß in der Weimarer Republik. Doch die von den Propagandisten der Nazis geschürten „rassischen“ Vorurteile waren andere als jene, die heute bei vielen Trump-Anhängern erkennbar sind.

 

Groll gegen die Elite

Damals wurden die Juden als unheilvolle Kraft betrachtet, die die elitären Berufe dominierte: als Banker, Professoren, Anwälte, in den Nachrichtenmedien oder in der Unterhaltungsbranche. Sie waren die Verräter aus der „Dolchstoßlegende“, die den Wiederaufstieg Deutschlands verhinderten.

Die Anhänger Trumps zeigen einen ähnlichen Groll gegen die Symbole der Elite, wie etwa Wall-Street-Banker, die etablierten Medien und Washingtoner „Insider“. Ihre Fremdenfeindlichkeit jedoch richtet sich gegen arme mexikanische Einwanderer, Schwarze oder Flüchtlinge aus dem Nahen und Mittleren Osten, die als Schmarotzer wahrgenommen werden, welche ehrliche (sprich weiße) Amerikaner um den ihnen zustehenden Platz in der sozialen Hackordnung bringen. Relativ unterprivilegierte Menschen in der zunehmend multikulturellen Welt der Globalisierung grollen jenen, die noch weniger Privilegien genießen.

In den heutigen USA haben die Aufgebrachten und Ängstlichen wie einst in der Weimarer Republik so wenig Vertrauen in die bestehenden politischen und wirtschaftlichen Institutionen, dass sie einem Führer folgen, der verspricht, das System im größtmöglichen Maß durchzurütteln.

 

Ausmisten des Stalls

Wenn der Stall ausgemistet wird, so ihre Hoffnung, wird das Land wieder groß werden. In Hitlerdeutschland bestand diese Hoffnung in allen gesellschaftlichen Schichten – in der Elite ebenso wie in den benachteiligten Schichten. In Trumps Amerika herrscht sie überwiegend bei Letzteren.

Für die wohlhabenderen und gebildeteren Wähler in den USA und Europa, die von offenen Grenzen, billigen eingewanderten Arbeitskräften, der Informationstechnologie und einer breiten Palette kultureller Einflüsse profitieren, nimmt sich die heutige Welt weniger furchteinflößend aus.

Genauso haben Einwanderer und ethnische Minderheiten, die ihr Leben verbessern wollen, kein Interesse daran, einer populistischen Rebellion beizutreten, die sich vor allem gegen sie selbst richtet, und werden daher für Clinton stimmen.

Trump muss sich auf die unzufriedenen weißen Amerikaner stützen, die das Gefühl haben, abgehängt zu werden. Die Tatsache, dass ausreichend viele unzufriedene Menschen so empfinden und einen derart ungeeigneten Präsidentschaftskandidaten tragen, ist eine Anklage gegen die US-Gesellschaft. Dies hat etwas mit Bildung zu tun – nicht, weil gebildete Menschen gegen Demagogie immun wären, sondern, weil ein kaputtes Bildungssystem zu viele Menschen benachteiligt.

 

Das Gefühl des Verlierers

In der Vergangenheit gab es ausreichend Arbeitsplätze in der Industrie, sodass sich die weniger gebildeten Wähler einen angemessenen Lebensunterhalt verdienen konnten. Heute, da diese Arbeitsplätze in den postindustriellen Gesellschaften verschwinden, haben zu viele Menschen das Gefühl, nichts mehr zu verlieren zu haben.

Dies ist in vielen Ländern so, aber in den USA hat dieses Gefühl größere Bedeutung. Denn würde hier ein bigotter Demagoge in das höchste Amt gewählt, würde dies nicht nur den USA selbst, sondern allen Ländern, die versuchen, in einer immer gefährlicheren Welt an ihren Freiheiten festzuhalten, großen Schaden zufügen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan,

Copyright: Project Syndicate, 2016.


E-Mails an:debatte@diepresse.com

DER AUTOR

Ian Buruma (*1951 in Den Haag) studierte chinesische Literatur in Leiden und japanischen Film in Tokio. 2003 wurde er Professor für Demokratie und Menschenrechte am Bard College in New York, 2008 mit dem Erasmus-Preis ausgezeichnet. Zahlreiche Publikationen; sein neues Buch, „Their Promised Land: My Grandparents in Love And War“, ist zu Beginn dieses Jahres erschienen. [Internet]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2016)