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Als die Sowjets deutsche Techniker "erbeuteten"

Symbolbild: Deutsche wurden in Zügen in die UdSSR gekarrt.
Symbolbild: Deutsche wurden in Zügen in die UdSSR gekarrt.(c) imago
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Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeiteten viele deutsche Techniker für die Sowjets. Zunächst freiwillig, bis sie am 22. Oktober 1946 über Nacht in die UdSSR verschleppt wurden.

In der Nacht auf den 22. Oktober 1946 suchten sowjetische Spezialkommandos in der deutschen „Ostzone“ die Wohnungen von Forschern und Technikern auf. Sie hämmerten an die Türen jener, die tagsüber in ehemaligen NS-Rüstungswerken für sie schraubten und tüftelten. Der Grund: die „Operation Ossawakim“, der sofortige Abtransport in die UdSSR. „Auf Befehl der sowjetischen Militäradministration müssen Sie fünf Jahre in Ihrem Fach in der Sowjetunion arbeiten. Die Arbeitsbedingungen sind dieselben wie für einen Russen in entsprechender Stellung. Sie werden Ihre Frau und Ihr Kind mitnehmen. Sie können von Ihren Sachen so viel mitnehmen, wie Sie wollen. Packen Sie!“, lautete die Order. Mehrere hundert Züge wurden für die rund 2000 Ingenieure und Forscher bereitgestellt und gen Moskau gelenkt. Dort hatten sich die Deutschen fortan einem Ziel zu widmen: der Rekonstruktion der „Wunderwaffen“.

Diese „Wunderwaffen“ wurden seit 1943 von Adolf Hitler mehrfach beschworen, um sich die Kampfbereitschaft seiner Soldaten zu sichern. Selbst Ende Jänner 1945 hielt der Diktator an dieser Strategie fest – doch das Wunder blieb aus. Am 8. Mai trat die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht in Kraft, die Siegermächte teilten sich Deutschland auf – und begannen die Suche nach den gepriesenen „Vergeltungswaffen“ V1 (ein Marschflugkörper) und V2 (eine Großrakete). Die Amerikaner legten dabei das höchste Tempo an den Tag: Unter dem Decknamen „Project Paperclip“ wurden noch im Sommer 1945 deutsche Techniker und Wissenschaftler in die USA abgeworben. Zu Jahresbeginn 1946 folgte der Raketenexperte Wernher von Braun.

"Wie hätten sie freiwillig zu den Russen kommen können?"

Die Sowjets eiferten den Amerikanern nach. „Ich kam noch vor Kriegsende nach Deutschland (…) unsere Aufgabe war es, deutsche Technik und Techniker zu erbeuten“, erinnerte sich der sowjetische Luftfahrtingenieur und „Headhunter“ Boris Tschertok in der „Arte“-Dokumentation „Stalins deutsche Elite“. Manches wird entdeckt, doch die großen Fische bleiben aus. In einem sowjetischen Geheimfilm von damals heißt es: „Die Region Nordhausen wurde zuerst von den Amerikanern besetzt. Die Amerikaner haben alles Wertvolle der Raketentechnik fortgeschafft: Fertige Raketen, Dokumentationen, Laboratorien und deutsche Spezialisten.“ Hinzu kam, dass viele von sich aus zu den Amerikanern gingen. „Wie hätten sie denn freiwillig zu uns, zu den Russen kommen können, bei den Vorstellungen, die sie von Russland als einem barbarischen Land hatten?“, meinte der Ex-Headhunter Semen Umanski in einem Interview 2005.

Geschlagen gaben sich die Sowjets dennoch nicht. „Sie sagten: Deutschland ist doch ein Land mit einer ziemlich breiten Intelligenzschicht, wir wollen mal nach Leuten suchen“, sagte der Aerodynamiker Werner Albring gegenüber „Arte“. Ehemalige Mitarbeiter der Carl-Zeiss-Werke Jena oder der Heinkel-Werke Rostok wurden, ebenso wie Flugzeugtechniker von Junckers Dessau, angeworben und in ihren alten Fabriken wieder beschäftigt. Während es, wie Albring schilderte, bei den Amerikanern hieß, „der Spezialist kommt mit uns mit und die Familie bleibt in Deutschland zurück“, ließen die Sowjets die Techniker bei ihren Familien wohnen (obwohl das „Potsdamer Abkommen“ jede Rüstungsproduktion auf deutschem Boden untersagte). „Das ging ganz zwang- und formlos vor sich“, so der Steuerungstechniker Hans Endert in der Dokumentation.

''Headhunter'' Boris Tschertok
''Headhunter'' Boris Tschertok(c) imago

Und zuletzt biss doch ein größerer Fisch an: „Wir organisierten sogar eine spezielle Initiative, um Spitzenleute aus der Westzone nach Thüringen abzuwerben“, schilderte Tschertok. „So gelang es uns immerhin Helmut Gröttrup zu bekommen, der ein Stellvertreter von Braun gewesen war. Als er zu uns kam, schufen wir ihm ausgezeichnete Arbeitsbedingungen.“ Aus den Memoiren Gröttrups und des Physikprofessors Kurt Magnus (beide veröffentlichten diese erst nach dem Zerfall der UdSSR, da sie, wie alle, ein Schweigegelübde unterzeichnen mussten) geht hervor, dass die beiden fortan zusammenarbeiteten und Skizzen und Berechnungen über die Funktion einer V2 erarbeiteten. Bald sollten die freiwilligen Arbeiten in Deutschland nicht mehr genügen: In den frühen Morgenstunden des 22. Oktobers 1946 wurden ausgewählte Wissenschaftler und Techniker aus dem Schlaf gerissen, zur Abreise gezwungen und parallel dazu Gerätschaft verladen.

Eine "sorgfältig geheim gehaltenen Verschleppungsaktion"

Kurz vor Moskau wurden die Verschleppten (die Schätzungen gehen von insgesamt 10.000 bis 15.000 Personen aus) auf verschiedene Ortschaften aufgeteilt und die Spezialisten zu Arbeitsgruppen zusammengefasst – sie kamen aus der Raketenforschung (unter ihnen auch der spätere Wirtschaftsminister der DDR, Erich Apel), der Optik, der Luftfahrt, des Fahrzeugbaus oder der chemischen Industrie. Der Coup war geglückt und blieb vorerst kaum bemerkt. So hielt der US-Historiker Norman Naimark in seinem Buch „The Russians In Germany: The History Of The Soviet Zone Of Occupation, 1945–1949“ fest: „Erst Tage, sogar Jahre danach sind genauere Einzelheiten zu dieser großangelegten, perfekt geplanten und zugleich sorgfältig geheim gehaltenen Verschleppungsaktion durchgesickert. Nicht nur in Bleicherode, in der gesamten sowjetischen Besatzungszone hatte man schlagartig zugegriffen: in Halle, Leipzig und Dresden; in Dessau, Jena und Rostock; in Brandenburg, Potsdam und Ost-Berlin.“

Auf die Insel Gorodomlja wurden etwa 150 Experten gebracht, samt Familie. Sie bezogen kleine Wohnungen, die Techniker wurden für ihre Arbeiten teils höher entlohnt, als ihre sowjetischen Kollegen. Um die Siedlung verlief Stacheldraht. „Alle Gebäude auf Gorodomlja waren adrett und die Lebensumstände dort ziemlich anständig für diese Zeiten“, schrieb Tschertok, der die Insel mehrmals besuchte, in seinem Buch „Raketen und Menschen“. Unterstellt war die Gruppe dem sowjetischen Chefkonstrukteur für Raketenbau, Sergej Pawlowitsch Koroljow. Allerdings: „Die Deutschen auf Gorodomlia haben niemals Einblick in die russischen Arbeitsergebnisse erhalten“, berichtete Albring, der dort zum Leiter der aerodynamischen und Entwurfsabteilung ernannt wurde. Sie sollten lediglich die Ideen liefern - konkret: eine Rakete entwerfen, die eine Nutzlast von drei Tonnen über 3000 Kilometer tragen kann, wie Ulli Kulke in „Weltraumstürmer: Wernher von Braun und der Wettlauf zum Mond“ festhielt. Die Tests führten die Sowjets alleine durch.

Zum Nichtstun verurteilt

Erst 1950 konnten sie eine Lösung vorweisen, ein erfolgreicher Start des Geschosses sollte aber noch Jahre auf sich warten lassen – und die Früchte der deutschen Arbeit die Sowjets ernten. Bis dahin sollten sie ihre sowjetischen Gehilfen anlernen, die alsbald zu ihren Vorgesetzten aufstiegen und ihre Aufgaben übernahmen. Fortan dominierte Langeweile auf der kleinen Insel – bis 1953. Im November, mehr als ein halbes Jahr nach dem Tod Josef Stalins, durften die deutschen Wissenschaftler und Techniker zurück in ihre Heimat. Viel später erst sollte ihre Mitarbeit am sowjetischen Raketenprogramm an die breite Öffentlichkeit gelangen.

Die ''Wunderwaffen''

Erste Tests der „Vergeltungswaffe 1“, ein 7,73 Meter langer und 2200 Kilogramm schwerer Marschflugkörper, fanden im Dezember 1942 in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde auf der Insel Usedom statt. Eingesetzt wurde sie erstmals am 13. Juni 1944 bei der Bombardierung von London. Unterdessen arbeiteten Ingenieure unter der Federführung von Wernher von in Peenemünde an der V2 (eine Großrakete). Am 7. September 1944 wurde sie erstmals abgefeuert.