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„Presse“ auf digitaler Reise: Ja – der Weg ist das Ziel

Schwerpunkte. Ohne es groß anzukündigen, ist der „Presse“ eine ergiebige Auseinandersetzung mit der digitalen Wirklichkeit gelungen.

„Die Presse“ lernt, ihre Leser lernen mit. Dem Chefredakteursbrief „Intern“ am 15. 10. ist zu entnehmen, dass die Zeitung nun schon 20 Jahre lang bemüht ist, die Cyberwelt für ihre medialen Ansprüche und Bedürfnisse optimal zu erschließen. Wer das versucht, wird vermutlich nie fertig, und das ist kein Wunder.

20 Jahre Entwicklung sind für eine Neuerung, die einer Revolution der menschlichen Erkenntnis und Fähigkeiten gleichkommt, nur ein Lidschlag in der Geschichte. Aber gerade weil sich so viel verändert hat, ist die von der „Presse“ versuchte Zwischenbilanz „Online seit 1996“ lehrreich und von überraschender Vielfalt. Von Politik über Wirtschaft, Schule, Kultur, Medizin bis zu Tourismus und Arbeitswelten ist in der genannten Periode nichts so geblieben, wie es einmal war.

In den meisten Beiträgen gelingt es den Autoren, das Plus und Minus der Veränderungen distanziert unter die Lupe zu nehmen. „Ein Wandel voller Charme und Tücken“, resümiert die packende Analyse „Wohin unsere digitale Reise geht“. Nichts läuft mehr ohne Internet, aber nicht einmal der ersehnte Wachstumsschub sei bisher eingetreten.

Kein Internet und kein Computer konnten bisher die Stolpersteine aus dem Weg räumen, die im hektischen Geschäft der Zeitungsmacher herumliegen. Denk- und Flüchtigkeitsfehler lassen sich nicht ausrotten, die Neigung zu sprachlichen Marotten wechselt mit jeder neuen Journalistengeneration. „In politischen Reden wird die digitale Bildungsrevolution schon lange eingeläutet“, steht da. Offenbar kann auch die digitale Revolution nicht beginnen, ohne dass sie „eingeläutet“ wird – der Beruf des digitalen Glöckners hat also Zukunft.

Den Journalisten genügt im Zeitalter der Übertreibungen sogar das aussagekräftige und völlig unschuldige Wort „dabei“ nicht mehr, weshalb sie formulieren: „Digitales Amt: Österreich vorne mit dabei.“ Alle sind heute, wenn sie wo dabei sind, nicht bloß dabei, sondern „mit“ dabei.

Dass in der Wendung „etwas kostet mich“ der vierte Fall verlangt wird, klappt schon durchwegs, aber ausgerechnet in der Digital-Ausgabe fällt ein Untertitel in den Dativ zurück: „Cryptowährungen sind eine tolle Idee, die den Währungshütern eines Tages den Job kosten können.“

Und dazu noch die Sache mit Metaphern. Auch wenn ein Journalist bereits die Pensionsgrenze erreicht, hat er oder sie garantiert nie im bisherigen Leben eine echte Schiefertafel im Schulbetrieb in die Hand gekriegt. Doch literarisch und mit viel Romantik schwingt die Relativität von Raum und Zeit aus der Vorvergangenheit bis in die Gegenwart hinein: „Auch in Österreich gibt es sie bereits: die Schulen, in denen die altbewährte Schiefertafel dem digitalen Whiteboard gewichen ist.“ Aha!

Umso verdienstvoller der Artikel „Wirtschaft: Schulbücher voller Fehler“. In ihm entlarvt die Zeitung Schulbuchautoren, die Nichtwissen und Vorurteile rücksichtlos unter den Jüngsten verstreuen. Auf diesem zukunftsreichen Boden gedeihen die wilden Anti-Ceta- und Anti-TTIP-Kakteen, ohne dass jemand lang nachdenken muss.

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Schulischen Fragen widmet „Die Presse“ sehr viel Platz, und das aus gutem Grund. Dabei handelt es sich nicht nur um abstrakte Auseinandersetzungen mit dem Lehrbetrieb, sondern, wenn es etwa um die neue Schulautonomie geht, um die Suche nach der Antwort auf die Frage, wer die Konsequenz ziehen wird: „Es braucht nun nur noch mehr lei(s)tungswillige Schuldirektoren“ (19. 10.).

Manchmal tut die Zeitung freilich und gewiss nicht absichtlich sehr gescheit. Ist ja nicht einfach, über Geistesgrößen wie Wirtschaftsnobelpreisträger zu berichten ohne sich in abgehobene Formulierungen zu verrennen und über „konfligierende Interessen von Vertragspartnern“ und „intrinsische Motivation“ zu schreiben (11. 10). Da kann es mühsam werden.

Was den Lesern zumutbar ist oder nicht, lässt sich selten messen, nur erfühlen. Manchmal hilft eine Schätzung: Wie viele von den heute zwischen Schulalter und Ruhestand tätigen Menschen hatten Lateinunterricht? Sehr wenige. Somit müsste allerdings folgender Absatz eines Berichts über den amerikanischen Wahlkampf entweder umgeschrieben oder gestrichen werden: „Als Anklagemittel gegen Clinton taugt dieses Dokument, das ein Quidproquo insinuiert, aber nicht recht: Das FBI gab dem Wunsch nämlich nicht statt. Es gab also kein Quid. Und, ob der Vorschlag eines Entgegenkommens (also das Quo) vom State Department oder vom FBI kam, ist unklar“ (19.10.).

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In der Grammatik gilt zumeist das Gesetz von richtig und falsch. In manchen Fällen muss man sich der Sprache aber wie ein Schachspieler nähern, der den richtigen Zug machen will. Im Beispiel „Sie steht vor dem Haus“ – „Sie stellt sich vor das Haus“ sind Dativ und Akkusativ unstrittig verteilt. Eine langjährige und ausgesprochen kritische „Presse“-Leserin machte mich jedoch auf den Satz aufmerksam: „Bern beharrt auf das schweizerische Selbstbestimmungsrecht“ (24. 9.). Es müsse heißen „beharrt auf dem Selbstbestimmungsrecht“, also dritter Fall, argumentiert sie.

Der Rechtschreib-Duden schweigt sich aus, nur der füllige Grammatik-Duden überrascht mit dem Musterbeispiel: „Sie beharrt auf einer (seltener: auf eine) Anhörung.“ In manchen Fällen seien beide Sichtweisen möglich, es gäbe „Wechselpräpositionen mit Dativ oder Akkusativ“. Der Dativ wirke konkreter, der Akkusativ abstrakter. Ich schließe daraus: Die Leserin will es konkret, sie wird aber auch die „Abstrakten“ dulden müssen.

Im Karriereteil setzen Jungunternehmer „Segeln“ (1. 10.). Aber das Segel ist sächlich, somit lautet die Mehrzahl ebenfalls Segel.

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Kaum wird über einen Brand in der Uni-Klinik Bochum berichtet, schleicht sich norddeutsches Deutsch in die Zeitungsspalte (1. 10.). „Das andere Opfer hat in einem Nebenzimmer gelegen.“ Hierzulande ist es gelegen. Das Feuer „griff auf den siebten und achten Stock“. Die Ordnungszahl von sieben führt bei uns zum siebenten Stock.

Wie sieht ein „kinderlieber Arzt“ eigentlich aus? Lieb? Oder sollte er nicht doch als „kinderliebend“ bezeichnet werden? So gilt das auch für einen „kinderlieben Kindermörder“ (7. 10.). Selbst wenn „kinderlieb“ im Wörterbuch vorkommt – schrecklich, wenn so ein Mensch in sprachlicher Schludrigkeit als „lieb“ durchgeht.

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Vor Kurzem machte ich darauf aufmerksam, dass den Journalisten das Subjekt allein nicht mehr genügt, weshalb sie gern „er selbst“ oder „sie selber“ schreiben. Manchmal wirkt die Verselberung kurios, sogar dann, wenn ein Innenminister im Jemen in Lebensgefahr gerät: „Rawishan selbst“ soll den Luftangriff auf eine Trauerfeier überlebt haben, heißt es im Bericht (10. 10.). Also wenn jemand überlebt, dann kann er oder sie das sowieso nur selber tun.

DER AUTOR

Dr. Engelbert Washietl ist freier Journalist, Mitbegründer und Sprecher der „Initiative Qualität im Journalismus“ (IQ). Die Spiegelschrift erscheint ohne Einflussnahme der Redaktion in ausschließlicher Verantwortung des Autors. Er ist für Hinweise dankbar unter:

Spiegelschrift@diepresse.com

 


[MVNYB]

(Print-Ausgabe, 22.10.2016)