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Aufbruch in die Nähe

Für den Buchhändler vergeht kein Tag ohne Kant, der Besitzer des Zuckerlgeschäfts liebt den Film „Chocolat“, die Maßschneiderin schwört auf „Pretty Woman“. Das ist Stadt heute. Lerchenfelder Straße, Wien: Nachrichten von einer Totgesagten.

Totgesagte leben länger. Noch vor wenigen Monaten war ein wehmütiger Abgesang auf die Lerchenfelder Straße zu vernehmen (im „Spectrum“ vom 3.Jänner 2009). Ein schlechter Ruf verfestigt sich schnell in dieser Stadt. Er eilt voraus. Er verhindert vieles. Auch das genauere Hinsehen. Weggeredet ist ein Ort wesentlich schneller als wieder auf dem mentalen Plan verankert. Aus allernächster Nähe betrachtet und genauer nachgefragt, ist alles ganz anders als aus sicherem Wissensabstand des Hörensagens.

„Das Lerchenfeld ist ein Begriff“, meint Estela Tschernutter im Weltladen. Heuer feiert das Geschäft sein 20-Jahr-Jubiläum an diesem Standort. Vor noch gar nicht so langer Zeit, als eine Renovierung anstand, überlegte man wegzugehen. Obwohl die Zeiten nicht rosig waren, entschied man sich bewusst fürs Bleiben. Man investierte in ein neues Outfit, aber auch in die Beziehungen zur Nachbarschaft.

Während des Gesprächs sitzen wir auf einem schwarzen Ledersofa. Es strahlt Geschichte aus, ist abgesessen. In der feinen, neuen Weltladen-Ästhetik steckt eine Spur der alten. Wie bei einer russischen Matroschka gibt es immer noch eine Schicht: eine andere Erzählung, einen anderen Ort, eine andere Zeit. Diese Matroschkas ähneln einander allerdings nicht. Ein zeitgenössischer Matroschka-Blick fragt: Wie steckt das Makropolitische im Mikropolitischen? Wie die Globalisierung im Lokalen? Anders gesagt: Wie kommt die Welt in die Straße?

Angela Heide und ich, wir sind in die Nähe aufgebrochen. Stadtforschung heute muss nach dem Woher fragen, um ein Wohin skizzieren zu können, das sucht, sich im Wo zu orientieren. Es geht um die Verschränkung von Raum und Zeit. Wir begannen, uns die Verbindungen einer Straße in eindringlicher Dreidimensionalität vorzustellen. So verbinden sich Lebenswege und Welterfahrung an einem konkreten Ort zum dichten Netz.

Brachen früher die Anthropologen in schweißtreibende Fernen und unzugängliche Regionen auf, so ist es heute oft die Nähe, die brachliegt. Die Gegend vor der Haustür wurde zum blinden Fleck in der Forschungslandschaft. Fragt man nach dem Woher auf der biografischen Ebene jener, die entlang einer Straße handeln, sieht man, welche Welt in unserer Welt steckt.

Angela Heide und ich, wir betätigten uns als Forscherinnen der Erdgeschoßzone. Wir fragten nach so manchem, was im Alltag dessen Poesie ausmacht. Wir erkundigten uns nach Kinderspielen, Lieblingsfilmen, Gegenständen. Für den Buchhändler vergeht kein Tag ohne Kant, der Besitzer des alteingesessenen Zuckerlgeschäfts liebt den Film „Chocolat“, die Maßschneiderin schwört auf „Pretty Woman“. All dies steckt in einer Straße. Das ist Stadt heute. Aber die Beziehungen zwischen dem Wo und dem Woher müssen sich neu finden. Die Anknüpfungspunkte sind noch nicht offensichtlich. Dort liegt die Stadt der Zukunft. Gehabte Konstellationen reichen nicht mehr aus. Vereine, die die Interessen von Kaufleuten vertreten, und viele Menschen, vor allem diejenigen mit Migrationshintergrund, nicht willkommen heißen, können nicht allein diejenigen sein, die in einer Straße arbeiten.

Zurück in den Weltladen. „Es ist nicht gut, wenn der Ort leidet, wenn man an einem Ort ist. Wir haben Nachbarschaftskontakte geknüpft, die Mittagspause aufgehoben, ein Programm für unsere Stammkunden begonnen.“ Estela Tschernutter ist nach vielen Lebensstationen in der Lerchenfelder Straße aktiv und engagiert. Sie ist in Lissabon geboren, als Kind einige Jahre in Angola gewesen, es war die Zeit des Kolonialkriegs. „Der Vater hat im Busch Krieg geführt. Die Mutter hat normal gearbeitet.“

Immer wieder ist es die Konstellation von Makro und Mikro: Das Individuum und das Kollektiv stehen in engen Verhältnissen zueinander. Zurück in Lissabon, ging Estela in eine montessoriorientierte Volksschule. Das ganze Land war im Umbruch. Die Nelkenrevolution änderte alles. Das, was im Land im Großen passierte, passierte in der Volksschule im Kleinen: an die Wand wurden Parolen gemalt, in den Pausen politische Versammlungen abgehalten. Nach einer Ausbildung im Tourismus und einem Studium der Philosophie ging Estela Tschernutter mit ihrem zukünftigen Mann, einem Österreicher, nach Salzburg.

Die Ankunft war gut. Die Stimmung angenehm. Manches war kompliziert, denn Österreich war noch nicht in der EU. Dann kam der Aufstieg von Jörg Haider. Plötzlich ging vieles nicht mehr. Als Ausländerin: keine Wohnung zu mieten. Als Ausländerin: keine Bankomatkarte. „Nur für Inländer hieß es immer. Diese Einschnitte im Alltag waren extrem zermürbend.“ Ihre nächste Lebensstation führte sie nach Wien. „Das ist sehr wichtig für mich, die Identität und der Laden“, sagt sie heute. „Im Ort liegt auch ein Mehrwert.“

Das Sprechen über Herkünfte fällt nicht immer leicht. Egal, ob zwischen dem Aufbruchsort und der heutigen Station nur wenige Kilometer liegen oder Tausende. Passawee Zaki hat ein winziges Geschäft für sich entdeckt. „Ich mache jeden Tag etwas. Das macht mich glücklich“, sagt sie. Sie ist in Thailand aufgewachsen, ging in Bangkok in die Schule. „Ich spielte gerne Fußball. Das Fußballspielen war wichtig für mich. Ich war immer der Cheerleader für Männer und wollte selbst auch Fußball spielen, statt nur Cheerleader zu sein. Ich war 15 oder 16, als ich viel Fußball spielte.“

In Hua Hin studierte Passawee Zaki Betriebswirtschaft. 1997 war sie zum ersten Mal in Österreich, auch sie hat dann hierher geheiratet. „Dieses Geschäft in der Lerchenfelder Straße war meine erste Liebe. Ich wollte ein ganz kleines Geschäft.“ Zuerst jedoch war sie im Nachbargeschäft, Franchise von Styx. Sie absolvierte Kurse für Behandlungen in Thailand, in England, kombinierte Orientalisches mit Westlichem. Dann sattelte sie um, zog in das kleine Geschäft, wurde zur Schmuckdesignerin. Sie investierte in Weiterbildung, besuchte Schmuckdesignkurse und fertigt nun jeden Tag etwas Schönes. „Wie Geschmack auf der ganzen Welt verschiedene Designs hervorbringt“, davon ist Passawee Zaki fasziniert.

Das Wissen der Handelnden steckt in der Straße. Kulturelle Diversität und sozialer Zusammenhalt zählen zu den größten europäischen Herausforderungen. Seit der Lissabon-Strategie, die im März 2000 auf einem Sondergipfel der Staats- und Regierungschefs beschlossen und 2005 bekräftigt wurde, leben wir in Europa in einer Vision des Wachstums. Wir sollen zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt werden, basierend auf einer Gesellschaft des Wissens und sozialem Zusammenhalt. Schaut man in die allernächste Nähe, dann sind die Wertschätzungen für dieses Wissen noch nicht recht ausgeprägt, die Potenziale für sozialen Zusammenhalt ein feines Gespinst, das der intensivsten Pflege bedarf.

„Wir machen gerne mit“, sagt Bernhard Bastien von der Buchhandlung Lerchenfeld. Die Rede ist von Aktionen und Projekten, die im Rahmen des dreijährigen Programms „Lebendige Lerchenfelder Straße“ stattfinden – wie auch die Stadtforschung „Aufbruch in die Nähe“. Der Ausdruck des Mitmachens liefert einen Verständnisschlüssel zur Situation in dieser exemplarischen europäischen Straße. Initiativen zur Veränderung können nur teils aus den eigenen Reihen kommen. Anregungen, Anstöße von außen werden zum Katalysator.

Aber solche Projekte sind Knochenarbeit, brauchen Zeit und Durchhaltevermögen. Vieles davon liegt im Unsichtbaren, in der Kommunikation. „Ich kenne 50 Prozent der Gesichter, die vorbeigehen. Hier kann man Kontakt zu den Leuten aufbauen“, sagt Wolfgang Posautz, auch von der Buchhandlung Lerchenfeld. „Es läuft dörflich ab, aber Hilfe und Unterstützung sind eine romantische Vorstellung. Das kommt nicht vor.“

Posautz kennt das Dorfleben. Er ist in einem 200-Seelen-Dorf in Kärnten aufgewachsen, in Kellerberg. Er wollte weiterlernen, das war, wo er herkommt, nicht selbstverständlich. Er setzte sich durch, ging zum Studium nach Wien, studierte zuerst Geschichte und evangelische Religionspädagogik. In seinem Tal, im Drautal, ist die Gegenreformation nicht durchgekommen, im nächsten Tal, im Gailtal, da sind sie schon wieder katholisch. Immer wieder kreuzen historische Furchen bestimmend biografische Entscheidungen. Posautz wechselte zur Kunstgeschichte, arbeitete als Reiseleiter in Florida. „Die Straße ist ein Fundus“, sagt er. „Ich habe sie immer mögen, immer ein gutes Gefühl gehabt in der Straße. Sie ist ein soziales Zentrum.“

Viele Geschäftsleute betonen ihre Nähe zu den Kunden, man kennt sie, hat Stammkundschaft. Zeit ist auch nicht unwesentlich. Man richtet im Geschäft Zonen ein, in denen Kunden sich aufhalten können. Wer hier ins Geschäft kommt, will nicht rasen wie im ersten Bezirk, sondern ein wenig verweilen, plaudern. Die Leute kennen einander, sprechen übereinander.

Die Situation ist komplexer als es auf den ersten Blick scheint. Während ein großer Teil der Geschäftsleute berichtet, einander nicht persönlich zu kennen, betonen viele andere die gutnachbarlichen Beziehungen, die sie zueinander haben. Neue soziale Mikrozentren lassen sich ausmachen: der Eissalon, die Greißlerei. Mio Drag, der Eissalonbesitzer, ist im 15. Bezirk und in Serbien aufgewachsen. Die Eltern waren „erste Generation Gastarbeiter in Wien“, sagt er. Die Greißlerei, die auf dem Schild immer noch Ungerböck heißt, wird seit vielen Jahren von Alik Macheev geführt. Er stammt aus Samarkand, 18 Jahre lebte er dort, dann ging er nach Moskau. Vor 19 Jahren übernahm er die Greißlerei. Viele in der Nachbarschaft beziehen sich auf ihn, sprechen von ihrem Greißler.

„Früher“, so der Buchhändler Reinhold Posch, der seit mehr als 30 Jahren an der Straße ist, „war das hier eine Landstraße. Die Lerchenfelder Straße hatte etwas sehr Persönliches, Einnehmendes, Sympathisches, Überzeugendes. Das ist verloren gegangen. Heute ist die Struktur der Straße anonymisiert, hat nicht mehr die Details, die den Bezirk zusammengehalten haben.“

Viel ist vom Überlebenskampf die Rede, vom getrennten Agieren für sich allein. Viel ist aber auch die Rede davon, dass man seine Nachbarn kennt. „Man hat nicht wirklich ein Nahverhältnis zu den Nachbarn, aber man kennt sich, man ist eine Gemeinschaft. Es ist halt die Lerchenfelder Straße, eine beständige Straße“, meint die Maßschneiderin Maria Edlinger. „Es ist ganz international hier. Ich finde, es ist eine Straße für die Zeit, in der wir leben. So ist es in Wien eigentlich.“ ■

LERCHENFELDER STRASSE: Projekt

Ab 1. Oktober istim Treffpunkt Lerchenfeld (Lerchenfelder Straße 141) die Ausstellung „Aufbruch in die Nähe“ zu sehen, für die Angela Heide und Elke Krasny den lokalen Mikrokosmos erkundet haben.

Am 2. Oktober führen die beiden Kuratorinnen durch die Schau. Beginn 19 Uhr.

Näheres zum Projekt „Lebendige Lerchenfelder Straße“ im Internet unter www.lerchenfelderstrasse.at.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2009)