Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Digitalisierung und die Zukunft der Arbeitswelt

Neue gesellschaftliche Konzepte sind gefragt, wenn Maschinen und Computer zunehmend menschliche Arbeit ersetzen.

Während der bisherigen industriellen Revolutionen wurden immer innerhalb kurzer Zeit die wegfallenden Arbeitsplätze durch neue, höher oder anders qualifizierte Tätigkeiten ersetzt. Auch die digitale Transformation wird viele neue Arbeitsfelder schaffen. Die Geschwindigkeit und der Umfang der Umwälzungen machen aber neue gesellschaftliche Konzepte erforderlich, deren Erfolg und Durchsetzung in erster Linie von unserem Gestaltungswillen abhängt.

Wir befinden uns mitten in einer neuen industriellen Revolution, deren Ergebnis niemand genau vorhersagen kann. Gewiss ist nur, dass alles, was digitalisiert werden kann, auch digitalisiert und automatisiert werden wird.

Die Effizienzsteigerung eines Unternehmens durch Digitalisierung bedeutet nicht nur den Verlust von Arbeitsplätzen, sie ist auch alternativlos, will dieses Unternehmen überleben. Wer aber soll die Produkte der hoch effizienten Unternehmen kaufen, wenn die bezahlten Jobs immer weniger werden? E-Commerce wird Zehntausende Verkäufer den Job ebenso kosten wie selbstfahrende Lkw und Autos rund 50.000 Berufskraftfahrer in Österreich einmal arbeitslos machen werden.

 

Hälfte der Jobs gefährdet

Während Banken gerade dabei sind, den Umstieg von Filialbanken zu Internetbanken zu vollziehen, gibt es bereits Tausende Fintech-Start-ups, die den traditionellen Banken mit Apps und anderen digitalen Angeboten gefährlich werden. Forscher der Universität Oxford sehen in den nächsten 20 Jahren beinahe die Hälfte aller Jobs in Gefahr. So wie unsere Wirtschaft heute organisiert ist, sind wir auf die massiven Verwerfungen, die sich daraus für die Gesellschaften ergeben, nicht vorbereitet.

Fast die Hälfte des Steueraufkommens liegt heute auf Lohn- und Einkommensteuern (46,6 Prozent) und zusammen mit vorher lohnbesteuerten Konsumabgaben sind es zwei Drittel des Steueraufkommens. Die Hauptlast der Unternehmenssteuern wird vorwiegend von Klein- und Mittelbetrieben getragen, während internationale Konzerne steueroptimiert arbeiten.

Schon seit den 1980er-Jahren geht die Lohnquote global zurück, während die Steuersätze für Einkommen aus Kapital und die Unternehmenssteuern international deutlich unter jenen für Arbeitseinkommen liegen. Daraus ergibt sich automatisch, dass bei fortschreitender Digitalisierung die Steuern weiter erhöht oder die Staatsausgaben gesenkt werden müssten.

Beides würde jedoch bei Beibehaltung des jetzigen Steuersystems die Akkumulation des Kapitals am oberen Ende der Gesellschaft weiter verstärken und damit für steigende Ungleichheit sorgen, die stabilitätsgefährdend wirkt. Um dem entgegenzuwirken müsste arbeitsloses Einkommen wie Dividenden, Veräußerungsgewinne oder Erbschaften, bei großzügigen Freigrenzen und Ausnahmen für kleine, eigentümergeführte Unternehmen, den Arbeitseinkommen gleichgestellt werden.

Im Gegenzug könnte man Arbeitseinkommen erst ab dem statistischen dritten Quartil, also etwa ab einem Bruttojahreseinkommen von über 40.000 Euro, besteuern und das fehlende Steueraufkommen über Ressourcen- und Emissionssteuern lukrieren.

Damit würden wir eine höhere Steuergerechtigkeit erreichen, Arbeit und den Einsatz von Arbeitskraft attraktiv machen und in den unteren und mittleren Einkommenssegmenten zusätzlich verfügbares Einkommen für Wirtschaftswachstum freimachen.

Außerdem wäre ein solches System der Herkunft des Einkommens gegenüber agnostisch und damit bereit für eine durch die Digitalisierung unvermeidbare weitere Verschiebung von Arbeits- zu Kapitaleinkünften.

 

Ein einheitliches Steuersystem

In einer globalisierten Welt sind Kapital und Investitionen genauso wie die Herausforderungen und Wettbewerbsvorteile der Digitalisierung mobil. Es wäre deshalb dringend geboten, ein europaweit einheitliches Steuersystem zu etablieren. Und dabei gibt es keine Alternative zu einem bedingungslosen Grundeinkommen.

Die Stabilität einer Gesellschaft hängt weitgehend vom wirtschaftlichen Wohlstand seiner Mitglieder ab, der bei abnehmendem Arbeitsvolumen nur durch neue Gesellschaftsstrukturen erreicht beziehungsweise erhalten werden kann.

Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens wird seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert und wurde beispielsweise von Milton Friedman in Form einer negativen Einkommensteuer schon 1962 vorgeschlagen. Das bedingungslose Grundeinkommen wird heute in der Diskussion vor allem vom linken politischen Spektrum als Mittel der Armutsbekämpfung propagiert.

In einer Gesellschaft, in der Arbeit zunehmend von Maschinen, Robotern und Computern übernommen wird, wird es schon aufgrund der Zahlenverhältnisse zwischen Arbeits- und Kapitaleinkommen ein unverzichtbarer Bestandteil der Sozialpolitik sein müssen.

 

Neue Lebensarbeitsmodelle

Weil sozialer Frieden aber im Interesse aller ist, wird es notwendig sein, das Thema über ideologische Grenzen hinweg zu diskutieren. Wir werden in den nächsten Jahrzehnten zu neuen Wochen- und Lebensarbeitsmodellen finden müssen, und darüber hinaus wird es mehr Menschen geben, die keiner Erwerbsarbeit nachgehen.

Steuerstruktur und Mindeststandards müssen so beschaffen sein, dass ein Mensch mit arbeitslosem Grundeinkommen anständig davon leben kann und dass ein Mensch, der einer Erwerbsarbeit nachgeht, mit seinem Einkommen in deutlichem Abstand darüber liegt. Ein Steuersystem, das Arbeitseinkommen weitgehend freistellt und Kapitalerträge nicht bevorzugt, kann das leisten.

Die Zeit für Lösungen wird aber immer knapper. Es zeichnet sich klar ab, dass sich die Entwicklung der Technologien, die die Digitalisierung antreiben, immer weiter beschleunigt und deren Verbindung miteinander und die Anwendung von künstlicher Intelligenz immer schneller Arbeitsbereiche automatisieren wird.

Insgesamt kommt die Wirtschaft mit dieser Revolution noch gut zu Rande, es passiert, was immer passiert: Neue Geschäftsmodelle und Unternehmen entstehen und alte sterben. Viele Fehlentscheidungen werden getroffen und korrigiert – und das alles in größerer Geschwindigkeit denn je.

 

Neue, jüngere Unternehmen

Die Lebensdauer von Unternehmen sinkt stetig. Ein Unternehmen, das 1935 im Standard & Poor's Index der 500 größten amerikanischen Unternehmen gelistet war, hatte noch eine durchschnittliche Lebensdauer von ungefähr 90 Jahren. Heute liegt diese Lebensdauer bei unter 18 Jahren. Gleichzeitig bedeutet das auch, dass immer neue und immer jüngere Unternehmen dazukommen.

Ohne schnellere politische Entscheidungsprozesse und ohne neue gesellschaftliche Konzepte werden wir diese Umwälzungen nicht bewältigen können.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

Der Autor

Gert Fahrnberger ist Vorstand der pmOne AG, einem in Deutschland, Österreich und der Schweiz tätigen Beratungs- und Softwareunternehmen. Er ist auch Vorsitzender des Vorstands der St. Gilgen International School Privatstiftung, einer seit dem Frühjahr 2016 mit Englisch als Unterrichtssprache geführten Schule.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2016)