Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Die letzten 15 Minuten vor der Flugzeug-Katastrophe von Teneriffa

Trümmer und Leichenteile übersäten das Flugfeld.
Trümmer und Leichenteile übersäten das Flugfeld.(c) Imago
  • Drucken

Am 27. März 1977 sterben auf Teneriffa bei der Kollision von zwei Boeing-747-Maschinen 583 Menschen. Eine Rekonstruktion der Katastrophe.

Als am 27. März 1977 um 12:30 Uhr Separatisten, die ein Ende der spanischen Herrschaft auf den kanarischen Inseln erzwingen wollen, in der Wartehalle am Flughafen von Gran Canaria eine Bombe zünden, lösen sie damit eine Kettenreaktion aus, die im Tod von 583 Menschen enden wird. Der Schaden der Bombe selbst ist gering, doch der Flughafen auf der kanarischen Hauptinsel wird gesperrt. Flugzeuge, die sich im Anflug befinden, müssen auf andere Flughäfen in der Umgebung umgeleitet werden. Dazu zählen auch die Boeing 747-121 der Pan Am und die Boeing 747-206B der KLM, die auf den kleinen Regionalflughafen "Los Rodeos" auf Teneriffa umgeleitet werden.

Noch ist alles in Ordnung. Bei Sonnenschein landet die KLM-Maschine um 13:38 Uhr mit 235 Passagieren und der Crew an Bord, um 14:15 Uhr folgt dann die Pan Am (380 Passagiere, 16 Besatzungsmitglieder). Insgesamt befinden sich sieben größere Flugzeuge auf Los Rodeos. Der Flughafen ist komplett überlastet. Während die Passagiere der KLM das Flugzeug noch verlassen dürfen und sich im Flughafengebäude die Beine vertreten, müssen die Fluggäste der Pan Am an Bord bleiben.

Kurz darauf, um 14:30 Uhr, wird die Sperre des Flughafens auf Gran Canaria wieder aufgehoben. Die Pan Am will ihren Flug rasch fortsetzen, doch die anderen Flugzeuge blockieren die Startbahn. Da sich der Abflug weiter verzögert, lässt KLM-Kapitän Jacob Veldhuyzen van Zanten seine Boeing mit 55 Tonnen Kerosin betanken, um später Zeit für den Rückflug nach Amsterdam zu sparen. Er will auch die Höchstzahl zulässiger Dienststunden nicht überschreiten, denn diese hätte das Engagement einer Ersatzcrew und dessen Bezahlung zur Folge.

"Warten sie noch, wir haben keine Genehmigung vom Lotsen"

Zwei weitere nervenaufreibende Stunden vergehen, ehe die Pan Am um 16:52 Uhr die Freigabe zum Start der Triebwerke erhält. Die Maschine rollt den sogenannten "Taxiway" entlang, der parallel zur 3200 Meter langen Startbahn verläuft. Die Pan Am wird der dritten Abzweigung zur Startbahn zugewiesen. Mittlerweile verhüllt dichter Nebel das Flughafengelände. Die 747 rollt zur vierten Abzweigung weiter, weil diese den besseren Winkel für eine derartig große Maschine hat. Die Piloten interpretieren die Anweisung des Lotsen so, die dritte für sie mögliche Abzweigung zu nehmen. Vom Tower aus sind die Flugzeuge nicht zu sehen, Bodenradar gibt es nicht.

Eine Minute vor der Pan Am hatte auch die KLM die Freigabe zum Start der Triebwerke erhalten und war daraufhin die Startbahn hinuntergerollt. An deren Ende wendet sie um 180 Grad, sie ist startbereit. Um 17 Uhr 6 Minuten und 9 Sekunden funkt Pan-Am-Pilot Victor Grubbs: "Wir sind jetzt am Start." Durch sich überlagernde Funksprüche geht der KLM-Pilot Van Zanten von einer Startfreigabe aus.

41 Sekunden später wird es zur Katastrophe kommen. Denn nur vier Sekunden später löst Van Zanten die Bremsen und beschleunigt seine Maschine. "Warten Sie noch, wir haben keine Genehmigung vom Lotsen", wendet Van Zantes Co-Pilot Klass Meurs ein. Doch der diensterfahrene und höherrangige Offizier, mit dem KLM in Katalogen wirbt, ignoriert ihn.

Nun befinden sich also beide Flugzeuge auf der Startbahn. Als die beiden Piloten bei wenigen hundert Metern Distanz endlich Sichtkontakt herstellen, ist die Katastrophe nur mehr 8,5 Sekunden entfernt. Beide Piloten versuchen vergeblich Ausweichmanöver: Die Pan Am versucht nach links auf die vierte Abzweigung auszuweichen, während der KLM-Kapitän verzweifelt seine Maschine so sehr hochzieht, dass das Heck sogar den Boden berührt. Um 17 Uhr 6 Minuten und 50 Sekunden kollidieren die beiden Jumbos. "Oh shit", sind die letzten Worte, die der Voice Recorder von Van Zanten aufzeichnet.

KLM-Pilot gilt als Hauptschuldiger

Das Fahrwerk der KLM durchschlägt die Passagierkabine der Pan Am in einem 45-Grad-Winkel oberhalb der rechten Tragfläche. Nur 200 Meter weiter schlägt die KLM auf der Startbahn auf und rutscht rund 300 Meter weiter. Sie explodiert sofort, das Flammeninferno überlebt niemand. Später wird festgestellt, dass die KLM ohne die zusätzliche Betankung über die Pan Am hätte hinwegfliegen können. Sie war für das Manöver zu schwer.

In der Pan Am beginnt indes der Kampf ums Überleben. Die Maschine rollt wenige Meter weiter, ehe sie auseinanderbricht. Kerosin läuft an der rechten Tragfläche aus, dieses entzündet sich. Es kommt ebenfalls zu Explosionen. Nur 61 Menschen, darunter die Piloten, die alle im vorderen Teil des Flugzeugs sitzen, können über ein Loch in der linken Rumpfseite gerettet werden. Die Flughafenfeuerwehr eilt zunächst zu dem brennenden Wrack der KLM, das näher beim Tower liegt. Erst 20 Minuten später wird die zweite Maschine entdeckt.

Als Hauptschuldiger gilt nach Untersuchungsberichten von spanischen und US-Behörden KLM-Pilot Van Zanten. Er startete letztlich ohne Genehmigung und ignorierte die Zweifel seines jungen Co-Piloten. Seit der Katastrophe sind alle internationalen Flughäfen mit Bodenradar ausgestattet, der Begriff "take off" gilt ausschließlich für die Startfreigabe.

Vier Österreicher unter den Opfern

Auch vier Österreicher befanden sich unter den Opfern, wie "Die Presse" zwei Tage nach dem Unglück schrieb. Der 30-jährige Reisebüroleiter Fritz Gantschnigg aus Sankt Johann in Tirol starb mit seiner Frau Margaretha Krawinkler und der vierjährigen Tochter in den Trümmern der KLM-Maschine. Auf der Passagierliste stand auch der auf Gran Canaria lebende Wiener Richard Wachert.

(Red.)