„Macka unta'n Acka!“

Ob es um die Liebe geht, um Gleichberechtigung, Politik, Sport oder den ganz alltäglichen Rassismus: Die Sprache an den Wänden liefert ein adäquates Abbild der Gesellschaft. Über Volkslyrik in Graffiti.

In welcher Form immer sie ihre Ergüsse an die Flächen des öffentlichen Raumes schreiben: Die Produzenten von Graffiti sind in überwiegender Zahl Jugendliche und junge Erwachsene. Mit den Entwicklungsstufen der Adoleszenz korrelieren Schriftstruktur, Inhalte, emotionale Aufladung und sprachliche Gestaltung dieser inoffiziellen Botschaften.

Bereits Kinder mit sechs Jahren amüsieren sich über Wortverdrehungen, Versprecher, Fäkalausdrücke, Reime und simple Doppeldeutigkeiten. Allerdings fällt ihnen das Schreiben als technischer Vorgang schwer, den Buben mehr, den Mädchen weniger. Deshalb finden sich kaum verbale Graffiti aus Händen dieser Altersstufen, wie beispielsweise das seit Generationen bemühte „Fut“, welches zu „Auto“ verändert wird. Ansonsten werden lieber Blumen und Sonnen gezeichnet, die freilich oft nicht einer poetischen Ausstrahlung entbehren.

Ich hänge der Sichtweise von Karl Otto Conrady an, des Herausgebers der berühmtesten Gedichtsammlung Deutschlands, des „Großen Conrady“. Er antwortete auf die Frage, was ein Gedicht ausmache: „Ein Gedicht ist äußerlich nur dadurch gekennzeichnet, dass der Text in einer bestimmte Form – nicht Prosa, nicht Drama – aufs Papier gebracht wird. Es ist eine Anordnung von sprachlichen Zeichen in einer bestimmten Ordnung und hält die Tür offen für jede uns überraschende neue Formung.“ Wenn ich mich hier der poetischen Form der Graffiti zuwende, fasse ich den Begriff „poetisch“ sehr weit auf: dichterisch, ästhetisch, ausdrucksstark, feinsinnig ausdrucksvoll, lapidar und/oder grobschlächtig ausdrucksvoll, schwärmerisch, bilderreich, banal, subtil metaphorisch – und was dergleichen mehr im Thesaurus dafür aufgelistet ist.

Die Sprache an den Wänden, insbesondere die mehr oder weniger poetische, liefert ein adäquates Abbild der Gesellschaft. Nur selten begegnet man im Alltag sich poetisch ausdrückenden Menschen. In Graffiti verhält sich dies vergleichbar. Poetisch oder lyrisch geprägte Botschaften sind hier zahlenmäßig dennoch präsent genug, um keineswegs Ausnahmen darzustellen.

Ob ihre Inhalte unsere Sympathie finden oder nicht: Offensichtlich ist, dass sich in zahlreichen dichterischen Graffiti Volkskunst übt. Man kann diese Objektivationen „Volkspoesie“ nennen, einen Bereich der Volksepigrafik, welche wiederum einen Teil der Volkskunst repräsentiert. Als solche erregen dichterische Hervorbringungen seit Johann Gottfried Herders Tagen ab der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts kontinuierliches Interesse unter Gelehrten und Wissenschaftlern. Die Beschäftigung mit den Graffiti jedoch stand dabei genauso kontinuierlich im Abseits, selbst nachdem 1871 in der Mommsen-Reihe der Inschriften des Römischen Reiches im Band „Graffiti aus Pompeji und Herculaneum“ Karl Zangemeisters bis heute gültige Definition des Graffiti-Begriffs erschienen war.

Die Gebäudewände dieser Ausgrabungsareale waren mit Tausenden Graffiti beschrieben, darunter Sprüchen oder, teils in Hexametern oder Distichen, kurzen Gedichten. In vielen Fällen motivierte die Menschen damals das Gleiche wie heute dazu, es an einer nicht dafür vorgesehenen Fläche des öffentlichen Raums abzuleiten: die Dinge des Lebens – Liebe, Hass, Sexualität vor allem, Spottlust, Neid, Krankheiten, Trauer, Sehnsucht, überzeitliche menschliche Phänomene eben. Sie stehen im Gegensatz zu den Zeitgebundenen, meist Soziales, Politisches oder den sogenannten zivilisatorischen Fort- respektive Rückschritt thematisierenden Graffiti.

Beide dienen als Indikatoren für Einstellungen und Empfindungen der sogenannten einfachen Schichten, die in den elaborierten Schriften der Herrschenden und ihrer Obrigkeiten so gut wie nie Eingang fanden. – Schon in Pompeji tauchten vereinzelte Protest-Graffiti auf. Unter den vielen Zitaten aus Vergils Äneis an Pompejis Wänden, welche auffallend oft den Anfangsvers „Die Waffen und den Mann besing ich“ anführten, entdeckte man zum Beispiel das Graffito eines Menschen, der sich diesem Konsens widersetzte. „Die Tuchwalker und das Käuzchen besing ich“, schrieb er, was in seiner damaligen Unerhörtheit etwa dem späteren „Schwerter zu Pflugscharen“ während der sogenannten Nachrüstungsperiode gleichkommen musste. Zwischenzeitlich ist auch die Konjunktur dieses Inhalts vorbei, nicht aber die des Sujets. Heute heißt es: „Humankapital zu Menschen“ oder „Miethaie zu Fischstäbchen“.

Nach dem Literaturwissenschaftler und Graffiti-Forscher Beat Suter werden in Graffiti „die Grenzen des normalen Wortgebrauchs“ durchbrochen. Ihre Wirkungsweise ähnle den Arbeiten Wilhelm Buschs oder Christian Morgensterns und evoziere „ein skeptisches Lachen über den Menschen und die Welt“.

Suter versteht sie als heutige Formen der Volkspoesie, als Gelegenheitsgedichte, die innere Widersprüche der Gesellschaft offenbaren und ins Ironische wenden. Literarisch betrachtet, sieht er sie als den „einfachen Formen“ zugehörig und siedelt sie „im normativen Randbereich von bildender Kunst und Literatur“ an. Für ihn sind sie „Kennzeichnungen einer Subkultur“.

Die Rückgriffe auf Sprachgut aus dem Hochschrifttum sind unzählbar. Brecht-Zitate scheinen unter Graffitisten besonders populär zu sein, etwa: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Aus dem Hochgeistigen nimmt man des Öfteren Adorno zum Vorbild: „Es gibt nix Richtiges im Falschen.“

Die größten Chancen bei den Rezipienten haben prägnante, leicht wiedererkennbare, da bekannte Sprüche mit künstlerischer Überhöhung – wie diese Schablonen-Graffiti: „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ und „Eigentum ist Diebstahl“. Was vier Zeilen oder mehr hat, kann nur mehr als Eye- oder Mindcatcher fungieren, wenn es beispielsweise Bekanntes variiert, nicht tierisch ernst gemeint ist, unkonventionell oder parodistisch daherkommt und zur Nachahmung reizt. Graffiti folgen hier letztlich denselben Gesetzmäßigkeiten, die Volkslied- und Volkspoesieforscher von Hermann Bausinger bis Lutz Röhrich für das mündlich tradierte Sprachgut dieser Art festgestellt haben. Beispiele dafür wären Botschaften wie etwa „Rot denken, Grün wählen, blau machen, schwarz arbeiten“.

Frauen schreiben seltener, aber vielfach wortreicher als Männer. Und sie drücken sich insgesamt gewählter aus, wobei hier jedoch seit Jahren ein langsamer sprachlicher Anpassungsprozess stattfindet, insbesondere bei der Thematisierung des Mann-Frau-Verhältnisses, sei es in der verdichteten Verallgemeinerung des Zornes auf Männer: „In jedem Mann steckt was Gutes, / und sei es das Küchenmesser!“ Sei es im ironischen Selbstbild: „Die Militanten / Panthertanten / Terror schon vor / Rauschgift kannten.“ Oder in Appellen für den fortgesetzten Kampf gegen Ungleichbehandlung der Geschlechter: „Fight on sistas! / Wer, wenn nicht du? / Wann, wenn nicht jetzt?“ Oder im direkten Aufruf gegen eine bestimmte Art von Männern: „Macka unta'n Acka“. Weiters existieren lyrisch anmutende Graffiti, bei denen das Geschlecht der Autoren nicht mit Sicherheit bestimmbar ist, in denen aber alte Rollenbilder tradiert werden: „Ich sehe in deinen Augen meine Hochzeit, meine Kinder und meine große Liebe!“

Die Annäherung im Sprach- und diesfalls auch Spruchgebrauch, die Sexualität betreffend, zeigt das folgende Unikat meiner Sammlung, ein Spruch, der bislang ausschließlich Buben in der ihnen entsprechenden Fassung vorbehalten war: „Nach dem Essen sollst du rauchen, / oder einen Mann missbrauchen. / Kannst du beides nicht ergattern, / nimm den Finger, lass es rattern!“ Nicht selten von verzweifelter Erkenntnis getragen, teilen Frauen persönlichere Empfindungen an den Wänden mit als Männer: „Ich habe keine Ahnung, warum ich das alles überhaupt überstehen. Ich habe keine Ahnung, warum ich das mache, was ich mache. Ich weiß nur, dass ich versuche, dir in irgendeiner Art gerecht zu werden, die du nicht verdienst.“

Das Gros der dichterischen Hervorbringungen zu Zwischenmenschlichem allerdings kann von Personen beider Geschlechter stammen, weil durchaus auf die meisten passend: „Ich bin ich, / und du bist du(mm).“ Oder diese unbestreitbar literarischen Beispiele: „Wenn ich du wäre, / wäre ich doch lieber / ich.“ Und: „Ich liebe dir, / denn ohne du / kann ich nicht bin.“

Ernsthafteres, jedoch Hinterfragbares wie „Sünde ist Leben, / Leiden ist Liebe“ leitet zur kurzen Erwähnung des ebenfalls recht umfangreichen Konvoluts religiöser, antireligiöser oder sonst wie glaubensbezogener graffitistischer Äußerungen: „Als Gott mich schuf, / wollte er angeben“, „Der Mensch kommt von den Affen, / der Gott kommt von den Pfaffen“. In allen Landeshauptstädten scheinen auch an Kirchen ethische Forderungen, zumeist aber antiklerikale Graffiti auf. Nur selten sind sie in Gedichtform. Ernst Bornemann berichtete von einem Gedicht im Abtritt des Laterans, welches sofort nach der Fertigstellung des Papstpalastes durch Pius V. dort prangte: „Papa pius, ventres miseratur onustos / Hocce cacatorium nobile fecit.“ Übersetzt heißt dies: „Papst Pius, der sich der vollen Bäuche erbarmte, / hat dieses edle Scheißhaus erbaut.“

Graffiti schreiben muss keine subkulturelle Betätigung sein, obwohl der überwiegende Teil der Graffiti subkulturell geprägt und somit nicht im gesellschaftlichen Konsens verankert ist. Es kann aber keineswegs, wie bei Suter, von einer oder der Subkultur die Rede sein. Zu viele Subkulturen mit gegensätzlichen, öfter einander feindlich gegenüberstehenden Interessen artikulieren sich über die Sprache an den Wänden.

Vor allem dort, wo Hass das Movens des Graffiti-Schreibens ist, begeben sich die Schreibenden markant oft ins Gefilde ausgiebiger dichterischer Hervorbringungen. Je nach emittierender Gruppe oder Einzelperson werden die Adressaten mit sozialkritisch bis menschenverachtend Intentiertem konfrontiert. Ein weites Feld bieten hierzulande seit den frühen Achtzigerjahren nazistische, nationalistische und rassistische Graffiti. Als Phänomen zeugen sie davon, dass es im Rassismus keine Eingrenzung auf Gruppen eines Landes geben kann, sondern Rassismus ein hässlicher, länderübergreifender Charakterzug ist.

Insbesondere in Parks kumulieren ausländerfeindliche Verse, die sich seit den späten Neunzigern immer rigider gegen die türkischen Migranten richten: „Hake, hake, Scheiß Kanake! Rotweißrot bis in den Tod!“ Oder: „Tschuschen rein / Tür zu / Gas hinein“. Es ist ein grober Fehler, die Rassismusdiskussion an den „Neger-raus“-Graffiti einer kleinen Handvoll Leuten aufzuhängen, die, dies schreibend, strategisch durch Wiens und in geringem Maße durch die Straßen anderer Städte läuft. Ihre Hervorbringungen haben nichts Dichterisches, müssen jedoch hier genannt werden: Dass von der riesigen Anzahl dieser inschriftlichen Hinterlassungen keineswegs direkt auf eine allgemeine rassistische Gestimmtheit der Österreicher rückgeschlossen werden kann, versteht sich. Allerdings sind es jene Gedichtchen und ähnliche Botschaften, die zeigen, mit welcher teils unbewusster Selbstverständlichkeit Rassismus noch in den Köpfen steckt. ■