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Hat die Schweiz nichts Besseres zu tun...

...als gegen Betontürme zu kämpfen?

Das Ergebnis des Schweizer Votums ist schockierend, doch es hat auch seine guten Seiten für uns Muslime: Die Diskussion über den Islam in Europa bekommt eine neue Dimension.

Viele Menschen haben aus verschiedenen Gründen gegen den Minarettbau gestimmt, doch es scheint mir, dass die Menschen hier noch immer nicht über den Islam informiert sind, obwohl seit Jahrzehnten Muslime hier leben und arbeiten. Warum wohl? Hat dies mit uns Muslimen zu tun? Mit den Behörden? Mit den Menschen? Mit den Medien?

Ich wage zu behaupten, dass all diese Faktoren eine Rolle spielen. Wie betrifft das uns Muslime? Wir kommen aus verschiedenen Ländern, verschiedenen Traditionen und man nennt uns alle hier Muslime. Man schnürt für uns Integrationspakete und hat jede Menge Visionen, wie man uns integrieren könnte. Wir haben es noch nicht geschafft, uns als Schweizer, Deutscher, Österreicher etc. zu deklarieren, auch wenn wir bereits in der dritten Generation hier leben.

Warum nicht? Wir haben uns isoliert und isolieren uns noch immer von dieser Gesellschaft. Wir nehmen kaum an Aktivitäten teil, an politischen Veranstaltungen, Vereinen, kulturellen Begegnungen. Es mag sein, dass Hunderttausende von uns europäische Pässe besitzen, doch irgendwie sind wir immer noch sehr stark mit unserer Heimat und ihren Traditionen, die sehr oft nichts mit dem Islam zu tun hat, verbunden. Wir sehen unsere Herkunftsländer immer noch als Heimat, so auch unsere Kinder und Kindeskinder.

Natürlich bestätigt hier die Ausnahme die Regel. Wir organisieren jedes Jahr den Tag der offenen Tür in der Moschee, doch eigentlich sollten die Moscheen immer offen sein, zu jeder Jahreszeit, für alle Menschen, an allen Tagen. Dafür bräuchten wir gute Architekten, die uns dabei helfen, offene Moscheen zu planen.


Wir sind Teil der Gesellschaft

Immer noch beherrschen die Muslime die deutsche Sprache nicht und dies erschwert jegliche Bemühungen, einen Dialog mit den anderen Menschen zu führen. Wir sind offensichtlich nicht fähig, uns zu organisieren oder demokratische Prinzipien in unseren Gremien zu achten.

In Österreich hat die Islamische Glaubensgemeinschaft gezeigt, wie sie mit kritischen Stimmen umgeht. Solange wir nur falsche Solidarität besitzen und schweigen, wird sich niemals etwas verändern. So wissen wir z.B. bis heute nicht, wie viele Mitglieder die Glaubensgemeinschaft hat, und über die Finanzlage gibt es keine offiziellen Berichte.

Wir reflektieren die Krise unserer Länder hier in Europa. Viele Probleme haben wir nach Europa mitgeschleppt. Wir sollten uns hier verabschieden vom Geschehen in unseren Ländern und man sollte uns auch nicht mit Dingen in Verbindung bringen, die sich dort ereignen.

Die Behörden sollten uns ernst nehmen. Wir brauchen billige Deutschkurse, wir brauchen Moscheen und keine Gesetze gegen Minarette. Wir brauchen Transparenz in unseren Vereinen und der Islamischen Glaubensgemeinschaft. Die Behörden sollten keine undemokratischen Führungskräfte unterstützen und die Menschen sollten keine Scheu vor dem anderen haben. Sie sollten offen sein und zumindest versuchen, die Vorurteile außer Acht zu lassen. Wichtig ist auch, mit uns schönes Deutsch sprechen, kein „Du machen, nix verstehen“.

Zurück zu uns Muslimen: Wir haben viel versäumt, wir versäumen immer noch viel, und ich hoffe, dass die Ohrfeige aus der Schweiz uns dabei hilft, uns besser mit der neuen Wahlheimat zu befassen und uns vom Traum der Rückkehr nirgendwohin zu verabschieden. Wir sind ein Teil dieser Gesellschaft!

Doch!!! Die Schweiz hat Besseres zu tun, als gegen Betontürme zu kämpfen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.12.2009)