Priester in Not

Nachricht von einer Premiere: der erste Roman aus Äquatorialguinea in deutscher Übersetzung. Lapidar, mit feiner Ironie erzählt: „Ein guter Fang“ von Joaquín Mbomío Bacheng.

Es gibt literarische Werke, für deren Beurteilung Kriterien wie Schönheit, Spannung, Würde zweitrangig sind. Wichtiger ist, dass sie überhaupt gelesen werden können. Zum Beispiel Joaquín Mbomío Bachengs Roman „Ein guter Fang“, mit dem ein Stück Literatur aus Äquatorialguinea zum ersten Mal in deutscher Übersetzung vorliegt. Ermöglicht wurde diese Jahrhundertpremiere durch den Enthusiasmus zweier Österreicher,Max Doppelbauer und Mischa G. Hendel, die seit sechs Jahren äquatorialguineische Schriftsteller zu Vorträgen und Diskussionen an die Universität Wien einladen. Als SpiritusRector war Mbomío von Anfang an dabei; sicher ist es auch seiner sanften, zugleich beharrlichen Wesensart zu verdanken, dass die Veranstaltungsreihe immer mehr Leute für die Kultur eines Landes gewonnen hat, dessen Existenz ihnen unbekannt war.

Von der Demokratischen Arabischen Republik Sahara abgesehen, die seit Jahrzehnten um ihre Souveränität kämpft, ist Äquatorialguinea der einzige afrikanische Staat mit der Amtssprache Spanisch. Auf Spanisch verständigen sich im Alltag auch die Angehörigen der verschiedenen Ethnien miteinander, die auf dem für kontinentale Verhältnisse winzigen Territorium am Golf von Guinea leben; die zahlenmäßig stärksten Volksgruppen sind die Fang auf dem Festland und die Bubi auf der Insel Bioko. Die üppige Vegetation des Landes, sein tropisches Klima, die Vitalität der einheimischen Traditionen und der kulturelle Einfluss der ehemaligen Kolonialmacht ergeben einen Sinnenreichtum, der in scharfem Kontrast zum grassierenden Elend steht, dieses wiederum zum Bruttonationalprodukt, mit dem das Land im europäischen Durchschnitt läge.

Nur hat die Bevölkerung nichts davon. Sieleidet seit 1968, als das damalige Spanisch-Guinea in die Unabhängigkeit entlassen wurde, unter der Herrschaft von zwei Despoten, die sich mit Willkür, Gier und Grausamkeit in die Universalgeschichte der Niedertracht eingeschrieben haben: Francisco Macías Nguema und, ab 1979, Teodoro ObiangNguema. Macías hatte im Kalten Krieg die Sowjetunion und Kuba für sich eingespannt, sein Neffe Obiang nützt die riesigen Erdölvorkommen vor der Küste zur Absicherung seiner Kleptokratie: Den Konzernen aus Frankreich, den USA und China ist ein Tyrann, so unberechenbar er auch sein mag, immer noch lieber als eine demokratische, möglicherweise sogar nationalrevolutionäre Regierung.

Angesichts der Missstände verwundert esnicht, dass die Schriftsteller unmittelbar politische Themen aufgreifen. Die Tragik ihres Bemühens liegt darin, dass sie nicht gelesen werden: In Äquatorialguinea gibt es keinen unabhängigen Verlag, keine nennenswerte Bibliothek, keine einzige Buchhandlung, undin Spanien, wo die meisten Autoren Zufluchtgefunden haben, wird ihr Schaffen praktisch nicht zur Kenntnis genommen. (Eine Veranstaltungsreihe wie die in Wien existiert nirgendwo sonst auf der Welt.)

Das zweite Problem, mit dem sie sich herumschlagen, ist auch ein gestalterisches: Wie kann man im Zustand gesellschaftlicher Depression schreibend Hoffnung wecken? Die Romane des bedeutendsten Schriftstellers Äquatorialguineas, Donato Ndongo-Bidyogo, zum Beispiel leiden darunter, dass dieVerhältnisse, die sie schildern, von Anfang an grauenhaft sind und ihre Protagonisten immer nur tiefer ins Elend stürzen. Das entspricht durchaus der Realität. Aber Realismusohne Vorschein von Glück beraubt die Literatur ihres politischen Gehalts.

Während Ndongo-Bidyogo in seiner Darstellung individuellen Scheiterns unter terroristischer Herrschaft der Struktur des negativen Bildungsromans folgt, verzichten jüngere Autoren von vornherein darauf, eine Form für die Konflikte zu suchen, die sie bedrängen. Wie Joaquín Mbomío angemerkt hat, könnte man ihre Prosastücke auch mittendrin oder von hinten zu lesen beginnen. Die der Schriftstellerin Trifonia Melibea Obono etwa, die letztes Jahr in Wien zu Gast war. Sie bricht das Tabu Homosexualität undattackiert neben Männergewalt, Zwangsheirat und Brautpreispraxis auch die Frauen, die durch ihr Verhalten den Machismus sanktionieren. Obono riskiert viel, zumal sie nach wie vor in Guinea lebt. Ihren ersten Roman,„Herencia de Bindendee“, haben Doppelbauer und Hendel im spanischen Original als Book-on-Demand in dem von ihnen gegründeten Internetverlag Ediciones en Auge publiziert. Er erschüttert in seiner Authentizität, irritiert aber auch durch die Unbekümmertheit, mit der Obono drauflosgeschrieben hat. Es gibt keinen Aufbau, keine Handlungsbögen, kein Indiz dafür, dass sie um Prägnanz und Poesie bemüht gewesen ist. Irgendwo hat sie zum letzten Mal einen Punkt gesetzt: Ende! Aber die Geschichte hätte genauso gut weitergehen, schon früher aufhören können. Dabei ist sie wie alles, was Obono zum Schreiben drängt, absolut erzählenswert.

Die sprachlichen und kompositorischen Mängel sind Ausdruck der doppelten Isolation, in der die äquatorialguineischen Autoren stecken, und ihrer prekären Existenz: Keiner von ihnen kann vom Schreiben leben,und sie reiben sich zwischen Brotberuf, zivilgesellschaftlichem Engagement und der Verpflichtung auf, die verschwiegenen Verbrechen des Regimes anzuprangern. Ndongo-Bidyogo etwa ist als Journalist, Politiker, Universitätslektor, Heimleiter und Direktor der Casa de África in Murcia tätig gewesen, Obono unterrichtet an der Nationalen Universität von Äquatorialguinea in der Hauptstadt Malabo, und Mbomío arbeitet in Genf als Radiojournalist, Flüchtlingsbetreuer und Bildungsberater. Als Student war er 1978, mit22 Jahren, unter dem Vorwurf des Hochverrats verhaftet und gefoltert worden. Zu lebenslanger Zwangsarbeit auf einer Kakaoplantage des Präsidentenclans verurteilt,wurde er nach dem Sturz Macías' freigelassen. Er bekam ein Stipendium für ein Publizistikstudium in Frankreich. 1988 kehrte er als Korrespondent der Nachrichtenagentur AFP nach Äquatorialguinea zurück. Zwei Jahre später entzog er sich durch Flucht einer neuerlichen Verhaftung, diesmal durch Schergen des Obiang-Regimes. Seither lebt er in Thonon-les-Bains, 35 Kilometer von Genf entfernt, auf der französischen Seite der Grenze.

Der Titel seines Romans ist einem gelungenen Sprachspiel der Übersetzerin geschuldet. Im Original heißt er „El párroco de Niefang“, „Der Pfarrer von Niefang“. Niefang ist eine Kleinstadt auf dem Festland, 70 Kilometer landeinwärts, und der Held, Padre Gabriel, ein tatkräftiger Armenpriester von der Volksgruppe der Fang, der in einem Verlies Macías' Schreckensherrschaft überlebt hat und von der Bevölkerung nun – kurz nach dem Sturz des alten Diktators, als der neue noch Illusionen weckt – wie ein Heiligerverehrt wird.

Mbomío zeigt, dass es paradoxerweise Hinterlassenschaften der Kolonialherrschaft sind, die den unter dem Terrorregime leidenden Menschen Halt geben: die Sprache und der Glaube (ein hybrider Glaube, bei dem der weiße Gott der Christenheit ständig mit den schwarzen Geistern der Toten wetteifernmuss, die in die Körper von Lebenden gefahren sind). Er beschreibt auch die Sinnkrise, in die der Priester gerät, als er im Disput mit einem Burschen aus seinem Heimatdorf am Dogma von Sünde und Erlösung irre wird. Je mehr er an seiner Berufung zum Priesteramt zweifelt, umso höher steigt Gabriel in der Kirchenhierarchie. Denn der Zweifel wird ihm vom Klerus als Bescheidenheit, die Bescheidenheit als Demut und seine Popularität als wirksames Propagandainstrument angerechnet. Als frisch ernannter Bischof begleitet er den Papst nach Rom. Der künftigen Seligsprechung „in Anerkennung deines Martyriums und deiner Opfer für die heilige Sache“, wie der Nuntius ihm prophezeit hat, steht nichts mehr im Weg.

Mbomío erzählt diese Geschichte lapidarund mit feiner Ironie. Religion erscheint in ihr nicht als Konkurrentin der sozialistischenUtopie, mit der sie der Unsterblichkeitsglaube verbindet, sondern als deren unzuverlässige Statthalterin, solange die Menschen die Freiheits- und Gerechtigkeitsparolen satt haben, mit denen sie so oft betrogen wurden. Dass einen die Lektüre trotzdem heiter stimmt, liegt nicht nur am rührenden Plädoyer für die keusche wie körperliche Liebe, das der Autor an den Schluss setzt: Man stellt mit einigem Erstaunen fest, dass ein Roman auch dann gelingen kann, wenn alle handelnden Personen – immerhin acht oder zehn – dem Leser sympathisch sind. Es war eine kluge Entscheidung, auf die Literatur Äquatorialguineas mit diesem schmalen gewichtigen Band hinzuführen.

Erwähnenswert ist die saubere, einfühlsame Übersetzung von Susanne Doppelbauer. Dass sie die Arbeit gratis verrichtet hat, wirft kein gutes Licht auf den Verlag. ■

Joaquín Mbomío Bacheng

Ein guter Fang

Ein Roman aus Äquatorialguinea. Aus dem Spanischen von Susanne Doppelbauer. 220 S., brosch., geb., € 19,80 (Löcker Verlag, Wien)