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1985: Ein Handschlag mit fatalen Folgen

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Die Affäre Frischenschlager–Reder als Todeskeim der SP/FP-Koalition.

Am 23. Jänner 1985 läutete bei Verteidigungsminister Friedhelm Frischenschlager (41) das Telefon. Was Außenminister Leopold Gratz (SPÖ) seinem freiheitlichen Koalitionspartner zu sagen hatte, sollte vertraulich bleiben. Es war eine mittlere Sensation: Der schwer kriegsversehrte 70-jährige einstige SS-Mann Walter Reder werde am kommenden Tag von Italien, wo er 39 Jahre lang in Haft saß, an Österreich übergeben.

Der frühere SS-Sturmbannführer (Major), aufgewachsen in Linz, war nach dem Krieg von den Italienern wegen Gräueltaten an der Zivilbevölkerung bei der Partisanenbekämpfung in Marzabotto zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Nach mehreren, völlig divergierenden Urteilssprüchen hatte man den „letzten österreichischen Kriegsgefangenen“ auf der Festung Gaeta in verhältnismäßig komfortablem Gewahrsam gehalten.

 

Italiens Geheimaktion

Für seine Freilassung hatten sich im Laufe der Jahrzehnte Kardinal König und viele österreichische Spitzenpolitiker eingesetzt, darunter auch Rosa Jochmann, zuletzt der frühere Bundeskanzler Bruno Kreisky. Die Überstellung des kranken Mannes solle auf Wunsch des italienischen Außenamtes unter absolutem Stillschweigen erfolgen, teilte Gratz seinem Ministerkollegen mit. Erst zehn Tage danach sollten Rom und Wien gleichlautende Erklärungen abgeben.

Warum ausgerechnet Frischenschlager? Weil das Bundesheer den Kriegsgefangenen unter dem Vorwand ärztlicher Untersuchungen am einfachsten für zehn Tage „aus dem Verkehr“ ziehen könne, meinte Gratz noch.

 

Ominöser „Ministerflug“

Im Frischenschlager-Büro hörte der Chef der (kleinen) österreichischen Luftwaffe, Brigadier Josef Bernecker, das Telefonat mit. Er wusste Rat: Diskret könne man Reder nur dann in die Heeressanitätsstation nach Baden bringen, wenn der Lufttransport von Graz-Thalerhof als „Ministerflug“ deklariert werde. Da erspare man sich die Angaben auf den Formularen, wer aller in Begleitung des Ministers sei. Frischenschlager willigte ein. Und ließ sich am 24. Jänner nach Graz fahren. Mit einer Heeresmaschine wollte er von dort Reder nach Baden bringen. Und in einem abgeschirmten Bereich zehn Tage lang verstecken lassen.

Es sollte der größte Fehler seiner politischen Laufbahn werden. Auch heute, 25 Jahre danach, verfolgt diese Sache den grau gewordenen Liberalen im Gespräch mit der „Presse“. Wir haben uns im Wiener Café Korb verabredet – „mein Zweitbüro sozusagen“. „Gratz muss ich in Schutz nehmen. Er hat nicht gesagt, dass ich das machen soll. Sondern nur: das Bundesheer. Ich habe das ganz allein entschieden – und auch niemandem in meinem Kabinett was davon gesagt. Mein engster Mitarbeiter Erich Reiter ist heute noch böse darüber.“

In Graz wurde der Flugplatz geräumt – Geheimhaltung, man versteht. Frischenschlager, Bernecker und der Grazer Sicherheitsdirektor warteten. Ein Anruf von der Grazer „Kleinen Zeitung“: Aus Rom verlaute, dass Walter Reder im Anflug sei. Frischenschlager dementierte.

 

Händeschütteln mal sechs

Von da an nahm das Unheil seinen Lauf. Das Flugzeug landete, der „Geleitschutz“ Reders umfasste seinen Rechtsanwalt, einen Arzt, drei italienische Bewacher. Der Minister gab jedem die Hand. Fast eine Stunde dauerte das Tippen des Übergabeprotokolls. Als der Bundesheer-Hubschrauber endlich in Baden ankam, wartete eine Journalistentraube auf den verdutzten Minister. Filmaufnahmen waren verboten, es gelangen nur einige unscharfe Fotos von dem Heimgekehrten.

Die Sache war gründlich schiefgelaufen. Frischenschlager gab noch in Baden eine Pressekonferenz – und ahnte bereits: Das konnte das vorzeitige Ende des rot-blauen Koalitionsexperiments sein. „Die Tragödie war“, sagt Frischenschlager heute, „dass damit alle Ressentiments gegen die FPÖ schlagartig wieder auflebten“. Und das ausgerechnet durch ihn, dem – gemeinsam mit Steger – der Aufbruch der Partei zum liberalen Ufer fast gelungen wäre.

Das Trommelfeuer der parlamentarischen Opposition (ÖVP) ließ nicht lange auf sich warten. Im Regierungsteam von Kanzler Fred Sinowatz erwog Ferdinand Lacina kurz seinen Rücktritt, während der pensionierte Altbundeskanzler Kreisky seinem inzwischen in Ungnade gefallenen einstigen Liebling Gratz die Schuld an der außenpolitischen Verwicklung gab. Am 1.Februar zwang die ÖVP-Opposition mittels Nationalrats-Sondersitzung die SPÖ, Farbe zu bekennen. Denn die Abgeordneten Josef Cap, Albrecht K. Konecny, Jolanda Offenbeck hatten zuvor Frischenschlagers Rücktritt gefordert, ebenso Juso-Chef Alfred Gusenbauer und Wiens Bürgermeister Helmut Zilk.

 

Die ÖVP nützt ihre Chance

Fred Sinowatz hingegen nahm Frischenschlagers Entschuldigung im Ministerrat an und drohte seinerseits mit Rücktritt, sollte seine Fraktion im Parlament mit der ÖVP stimmen – und somit das Experiment der Kleinen Koalition torpedieren. Unter höhnischen Rufen der ÖVP rangen sich die Sozialisten schließlich bei der namentlichen Abstimmung über den VP-Misstrauensantrag ein „Ja“ zu Frischenschlager ab. Die Koalition war gerettet.

Die FPÖ aber nicht. Denn Frischenschlagers Entschuldigung wollte der Kärntner Landesobmann Jörg Haider partout nicht verstehen. Sollte das Wiener FP-Regierungsteam weiter so windelweich agieren, dann werde er austreten und eine eigene Partei gründen . . . Das kommt einem bekannt vor.

 

Aus fürs liberale Lüftchen

„Damit war das Experiment einer liberalen österreichischen Partei nach dem Muster der deutschen Freien Demokraten gescheitert“, bedauert Frischenschlager. „Auch im Nachhinein würde ich sagen, es hätte noch anders kommen können, aber Haiders Aufstieg ist natürlich dadurch erleichtert worden.“

Er selbst hat es ja später noch einmal mit Heide Schmidt, mit Karl Sevelda, Volker Kier und Martina Gredler als Galionsfiguren des LIF probiert. Heute ist Frischenschlager „Präsident der Europäischen Föderalistischen Bewegung“. Die Hoffnung stirbt ganz offensichtlich zuletzt.

Reder selbst lebte nach diesem Wirbel noch sechs Jahre. In Kärnten gewährte ihm eine Unternehmerfamilie Gastrecht. Am 8.Mai 1991 wurde er auf dem Gmundner Friedhof beerdigt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2010)